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Geldinstitute:Strafzins setzt vor allem deutschen Banken zu

Bankentürme in Frankfurt

Von 2016 bis 2018 flossen insgesamt zwölf Milliarden Euro Negativzinsen an die EZB, davon stammten 5,7 Milliarden Euro von deutschen Kreditinstituten.

(Foto: dpa)
  • Eine neue Studie zeigt, wie viel der Negativzins die Banken in Europa schon gekostet hat.
  • Demnach haben die Banken bis Ende Mai insgesamt mehr als 21 Milliarden Euro an Negativzinsen gezahlt.

Es ist ein Jubiläum, das niemand feiert: Vor fünf Jahren, am 11. Juni 2014, führte die Europäische Zentralbank (EZB) einen Negativzins für Geld ein, das Banken bei ihr kurzfristig parken. So etwas hatte es vorher nicht gegeben: Dass jemand keine Zinsen kassiert, wenn er einem anderen Geld leiht, sondern dafür zahlen muss. Die Banken waren entsetzt, viele hofften, es würde sich um ein Phänomen handeln, das schnell vorübergeht. Doch ein Ende ist auch nach fünf Jahren nicht in Sicht. Niemand erwartet, dass die EZB auf ihrer Ratssitzung an diesem Donnerstag etwas daran ändert.

Eine neue Studie, die der SZ vorliegt, zeigt nun, wie viel der Negativzins die Banken in Europa schon gekostet hat. Sie stammt von dem Finanzdienstleister Deposit Solutions, der dafür Daten von Bundesbank und EZB ausgewertet hat. Demnach haben die Banken bis 31. Mai dieses Jahres insgesamt 21,4 Milliarden Euro an Negativzinsen gezahlt. Die Summe ist Jahr für Jahr gestiegen, auch weil die EZB den Zinssatz schrittweise von zunächst minus 0,1 auf mittlerweile minus 0,4 Prozent gesenkt hat. Im vergangenen Jahr überwiesen die Institute 7,5 Milliarden Euro an die Zentralbank. "2019 dürften sich die Zahlungen ebenfalls bei dieser Summe einpendeln", erwartet Tim Sievers, der Chef von Deposit Solutions.

Die Studie führt die Zahlungen auch nach Ländern auf. Dabei zeigt sich, dass die deutschen Banken mit Abstand am stärksten belastet werden: Von 2016 bis 2018 flossen insgesamt rund 18 Milliarden Euro Negativzinsen an die EZB, davon stammten 5,7 Milliarden Euro, also ein Drittel, von deutschen Kreditinstituten. Es folgen französische Banken mit 4,1 Milliarden Euro und niederländische mit 2,5 Milliarden Euro. Die drei Länder tragen damit knapp 70 Prozent der gesamten Last aller Euro-Länder. Die Banken südeuropäischer Staaten wie Italien, Spanien oder Portugal werden im Verhältnis dagegen deutlich geringer belastet.

Der Negativzins verschlang 2018 fast ein Zehntel der Gewinne deutscher Banken

Die Studie setzte die Zahlungen zudem ins Verhältnis zu den Gewinnen der Banken. Auch hier schneiden die deutschen Kreditinstitute am schlechtesten ab: Die rund 2,5 Milliarden Euro, die sie 2018 leisteten, machen 9,1 Prozent des gesamten Vorsteuergewinns in diesem Jahr aus, also fast ein Zehntel. In der gesamten Eurozone beträgt dieser Prozentsatz nur vier Prozent. Der Hauptgrund liegt darin, dass das Geschäftsmodell deutscher Kreditinstitute, besonders das von Sparkassen und Genossenschaftsbanken, stark darauf baut, mit Einlagen von Kunden zu arbeiten - zum Beispiel in Form von Festgeld, Tagesgeld oder Sparplänen. Schließlich gelten die Bundesbürger als Spar-Weltmeister.

Wenn Banken diese Einlagen nicht als Kredite verleihen, müssen sie den Überschuss in der Regel kurzfristig bei der EZB parken. Das war auch das Hauptmotiv der Zentralbank, den Negativzins einzuführen: Sie wollte die Banken dazu anstiften, ihre Liquidität stärker in den Wirtschaftskreislauf einzuspeisen und damit die seit Ausbruch der Finanzkrise vor zehn Jahren schwächelnde Konjunktur in Europa anzukurbeln. Doch offensichtlich klappt das nicht. Denn nicht nur die Negativzinssätze sind in den vergangenen fünf Jahren gestiegen, sondern auch die Summe die Einlagen. Das wiederum hat mit der generellen Geldpolitik der EZB zu tun, die mit einem Leitzins von 0,0 Prozent und massiven Aufkäufen von Anleihen dafür sorgt, dass Europas Wirtschaft mit Geld geflutet wird.

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Kein Wunder, dass die Banken wenig begeistert sind vom Negativzins, zumal sie ihn nur teilweise an Kunden weitergeben wollen oder können. Lediglich Großanleger wie Unternehmen, Kommunen und sehr Reiche werden damit belastet. Nur einige wenige Institute, unter ihnen die Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee, berechnen den Negativzins auch schon Kunden mit Einlagen ab 100 000 Euro.

Im Frühjahr dieses Jahres schienen die Banken mit ihren Klagen bei der EZB Gehör zu finden. Präsident Mario Draghi sagte im März, man denke über Erleichterungen für Banken nach. Daraufhin gab es Spekulationen, es könnte beim Negativzins zu einer Staffelung kommen, so dass ein Teil der Einlagen der Banken von dem Zins frei bliebe. Auch im EZB-Rat gab es Befürworter. Mittlerweile scheint man davon abgekommen zu sein. Bundesbank-Chef Jens Weidmann etwa befürchtet, eine Staffelung könnte das Signal aussenden, die EZB werde noch lange an den niedrigen Zinsen festhalten oder diese sogar weiter senken. Die Skepsis gegenüber einer Staffelung scheint im EZB-Rat die Mehrheitsposition zu sein. Deshalb rechnet niemand damit, dass es auf der Sitzung am Donnerstag im litauischen Vilnius zum Thema wird.

So sollten sich die Banken darauf einstellen, dass sie noch einige Zeit mit dem Negativzins werden leben müssen. Deposit-Solutions-Chef Sievers empfiehlt den Instituten, ihre Einlagen anders zu managen und bietet dafür auch eine Lösung an: eine Plattform, die zwischen Banken mit überschüssiger Liquidität und solchen mit Liquiditätsbedarf vermittelt. Etwa solche, die zwar Kredite verleihen wollen, aber kein eigenes Privatkundengeschäft haben. "Statt Gelder teuer bei der EZB zu platzieren, können Banken diese kundenfreundlich und bilanzschonend an andere Institute vermitteln", verspricht Sievers. 90 Banken in Europa hat er bereits als Kunden.

Ein kleiner Trost für deutsche Banken: Die Geldhäuser in der Schweiz leiden noch stärker unter dem Negativzins, der dort auch höher liegt. Sie zahlten von 2016 bis 2018 bereits 4,7 Milliarden Euro an ihre Nationalbank, was 13 Prozent aller Gewinne verschlang.

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