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EVG-Chef Kirchner:Anti-Weselsky auf dem Weg zum Erfolg

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Gegenentwurf zu Weselsky: Alexander Kirchner, Vorsitzender der EVG

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Alexander Kirchner ist Vorsitzender der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG.
  • Er gilt als zurückhaltend und ausgleichend, ganz im Gegensatz zum deutlich bekannteren GDL-Chef Claus Weselsky.
  • Auch die EVG verhandelt derzeit mit der Bahn. Sie könnte von der aktuellen Streikfreudigkeit der GDL profitieren.

Spätestens seit diesem Jahr dürfte es in Deutschland kaum noch Menschen geben, die Claus Weselsky nicht kennen. Der GDL-Chef ist ein knorriger und knüppelharter Verhandlungsführer, Schnauzbartträger, der Schimanski der deutschen Gewerkschaftsszene. Einer, an dem öffentliche Empörung und Kritik abzuperlen scheinen wie Regentropfen von der Windschutzscheibe eines ICEs. Der bereit ist, die Bundesrepublik lahmzulegen, um seine Forderungen durchzusetzen. Wenn nötig, auch mehrmals.

Zurückhaltend und ausgleichend - das Gegenteil von Weselsky

Doch wer ist eigentlich Alexander Kirchner? Der Vorsitzende der weitaus größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ist so etwas wie der Gegenentwurf zu Weselsky. Auch die EVG verhandelt seit geraumer Zeit mit der Bahn, bleibt dabei zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung aber immer im Schatten der GDL. Zwar hat auch Kirchner einen Bart, doch hier enden auch schon die Gemeinsamkeiten. Kirchner gilt als zurückhaltend, bedächtig und ausgleichend. Er trat bislang öffentlich nur wenig in Erscheinung und gilt auch nicht als mitreißender Redner. Er ist der Anti-Weselsky.

Kirchner wurde 1956 in Limburg an der Lahn geboren, fing in den 1970ern als Energie-Anlagenelektroniker bei der Deutschen Bundesbahn an, engagierte sich bereits wenig später als Gewerkschafter. Seit 1991 macht er den Job hauptberuflich. Im Jahr 2000 rückte er in den erweiterten Vorstand der Transnet auf, aus deren Fusion mit der Verkehrsgewerkschaft GDBA 2010 dann die EVG hervorging. Kirchner kennt den Konzern in- und auswendig und ist sogar stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bahn. Weselsky wird nachgesagt, er sehe Kirchner deswegen auch als eine Art Agenten des Vorstands.

Einer der Gewerkschafter, wie Deutschland sie kennt

Kirchner verkörpert den Typ Gewerkschafter, den Deutschland bislang gewohnt war. Vernünftig, einsichtig und bereit, für Kompromisse auch Abstriche zu machen. Ausgleichend statt konfrontativ. Als großer Kämpfer ist er bislang - zumindest öffentlich - nicht in Erscheinung getreten.

Doch genau das könnte ihm und der EVG im aktuellen Tarifstreit nutzen. Denn im Gegensatz zu Weselsky geht er in den Verhandlungen mit der Deutschen Bahn nicht demonstrativ auf Konfrontationskurs - und sichert sich so womöglich einen guten Ausgang. Zwar gibt es bei den Kernforderungen noch keine Annäherung, jedoch habe man laut Kirchner Donnerstagnacht einige Ergebnisse erzielt. Beide Seiten lägen in dem Tarifkonflikt "nicht mehr so weit" auseinander. "Deshalb haben wir auch Hoffnung, dass die Bahn, die jetzt eine Auszeit erbeten hat, sich noch mal besinnt."

Das Ansehen der GDL hat gelitten

Die Deutsche Bahn könnte eine Einigung mit der EVG nutzen, um Weselsky und die GDL endgültig in die Ecke des sturen, uneinsichtigen, unvernünftigen und streikwütigen Verhandlungpartners stellen. Das Ansehen der GDL hat in den vergangenen Wochen ohnehin gelitten, zumindest der öffentlich spürbare Rückhalt in der Gesellschaft wurde in den beiden jüngsten Bahnstreiks deutlich kleiner.

Gleichtzeitig gibt es innerhalb der EVG Sorgen, ob Weselsky mehr Eindruck bei den Bahn-Beschäftigten macht, als es der EVG lieb sein kann. Zu Jahresbeginn hatte sie 209 000 Mitglieder - allerdings mit deutlich fallender Tendenz. 2010 waren es noch 246 000. Etwa die Hälfte der Mitglieder befindet sich im Ruhestand, die Zahl dürfte also weiter sinken.

Es gibt aber auch Berichte, wonach die GDL Mitglieder abwerben soll. Kirchner könnte mit einer Einigung mit der Bahn also für Ruhe sorgen und seinen Mitgliedern gleichzeitig das Gefühl geben, doch bei der richtigen Gewerkschaft zu sein.

Kirchner und Weselsky gelten nicht unbedingt als Freunde

Und auch auf persönlicher Ebene ist zwischen Kirchner und Weselsky noch eine Rechnung offen. Die beiden kennen sich zwar seit Jahren, doch von einem guten Verhältnis lässt sich kaum sprechen. Vergangenes Jahr kam es zum Bruch. In Anspielung auf die 2010 erfolgte Fusion der Gewerkschaften Transnet und GDBA sagte Weselsky, dieses Beispiel zeige, dass "etwas Behindertes" dabei herauskomme, wenn sich zwei Kranke miteinander ins Bett legten und ein Kind zeugten.

Ob Weselsky das nun wusste oder nicht: Alexander Kirchner hat einst selbst ein behindertes Kind verloren. Weselsky entschuldigte sich zwar für diese Entgleisung, Kirchner zeigte sich dennoch schwer getroffen: "Mit Menschen einer solchen Gesinnung, die zudem auf Polarisierung und Spaltung der Belegschaft setzen, kann ich nicht an einem Tisch sitzen", sagte er damals.