Konjunktur:Nur Estland wächst noch langsamer

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Konjunktur: Container im Hamburger Hafen: Deutschland leidet unter der Exportabhängigkeit seiner Industrie.

Container im Hamburger Hafen: Deutschland leidet unter der Exportabhängigkeit seiner Industrie.

(Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

Der Krieg belastet Europas Wirtschaft enorm, und besonders die deutsche. Warum das so ist - und wie das Wirtschaftswachstum in den anderen Ländern Europas ausfällt.

Von Björn Finke, Brüssel

Deutschland hinkt hinterher: Im laufenden Jahr soll die Wirtschaft nur eines einzigen EU-Staats langsamer wachsen als die deutsche - die von Estland. Direkt hinter diesem russischen Nachbarland folgen Deutschland und Finnland mit Zuwachsraten beim Bruttoinlandsprodukt, also der Wirtschaftsleistung, von gerade mal 1,6 Prozent. So lautet zumindest die Prognose der EU-Kommission. Die Behörde präsentierte am Montag in Brüssel ihre Konjunkturschätzung, die erste seit Beginn des Überfalls auf die Ukraine.

Dieser Krieg belastet Europas Wirtschaft enorm. Im Februar sagte die Kommission noch vier Prozent Wachstum für 2022 in der EU und 3,6 Prozent in Deutschland voraus. Nun sind es lediglich 2,7 und eben 1,6 Prozent. Diese gesenkten Werte klingen gar nicht so schlimm. Allerdings vergleicht die Rate die Durchschnittsgröße der Wirtschaft 2022 mit der aus dem Vorjahr. Und Ende 2021 hat die Wirtschaftsleistung rasant zugenommen. Allein das führt jetzt zu einem höheren ausgewiesenen Wachstum für 2022 - Volkswirte sprechen von einem "statistischen Überhang".

Ein Beispiel: Die Wirtschaftsgröße eines Landes beträgt 100 Milliarden Euro, und weil die Konjunktur lahmt, bleibt der Wert drei Quartale lang unverändert. Im letzten Jahresviertel boomt die Wirtschaft aber, der Wert springt von 100 auf 104 Milliarden Euro. Im Jahresdurchschnitt liegt die Wirtschaftsgröße dann bei 101 Milliarden Euro. Würde die Wirtschaft im Folgejahr überhaupt nicht wachsen, würden die Statistiker trotzdem ein Wachstum im Jahresdurchschnitt von 101 auf 104 Milliarden Euro messen, also von fast drei Prozent - der statistische Überhang.

Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni wies am Montag darauf hin, dass dieser Effekt für bis zu zwei Prozentpunkte der 2,7 Prozent Wachstum stehe. Sprich: Die Wirklichkeit in den Betrieben fühlt sich deutlich schlechter an, als es die Zahlen zunächst vermuten lassen. Gentiloni sagte, vor allem die steigenden Preise für Energie, aber auch für Lebensmittel träfen Europas Wirtschaft. Die Preise senkten die Kaufkraft der Verbraucher und erhöhten die Kosten der Firmen. Im April erreichte die Inflation in den Euro-Staaten den Rekordwert von 7,5 Prozent. Im Gesamtjahr erwartet die Kommission 6,1 Prozent für die Euro-Zone und 6,5 Prozent für Deutschland; 2023 sollen die Preissteigerungsraten wieder auf 2,7 und 3,1 Prozent fallen.

Die Kriegsfolgen verringerten zudem die Nachfrage nach Exporten aus der EU, klagte Gentiloni. Daneben habe der Konflikt die Stimmung von Verbrauchern und Unternehmen heftig eingetrübt. Der frühere italienische Ministerpräsident betonte, dass die Prognose "mit großen Unsicherheiten" behaftet sei, die mit der weiteren Entwicklung des Kriegs zusammenhingen. Seine Behörde hat eine Modellrechnung erstellt, wie sich zum Beispiel ein sofortiger Gasstopp auswirken würde: In dem Fall würde das Wachstum in diesem Jahr 2,5 Prozentpunkte geringer sein und die Inflationsrate um drei Prozentpunkte steigen.

Deutschland war schon 2021 Schlusslicht

Deutschland war beim Wirtschaftswachstum bereits 2021 Schlusslicht in der EU. Dass im laufenden Jahr immerhin Estland noch schlechter abschneiden soll, kann nur ein schwacher Trost sein. Hinter der miesen Entwicklung steht die große Bedeutung der Exportindustrie. Lieferengpässe weltweit, auch verursacht durch Chinas strikte Anti-Covid-Maßnahmen, und hohe Energie- und Rohstoffpreise belasteten die deutsche Industrie, heißt es in der Analyse der Kommission. Die Volkswirte der Behörde erwarten, dass Deutschlands Wirtschaft im laufenden Quartal schrumpft, dann jedoch wieder wächst. 2023 soll die Wachstumsrate mit 2,4 Prozent sogar ein klein wenig höher sein als im EU-Durchschnitt.

Der Schuldenstand der 19 Euro-Staaten soll 2023 durchschnittlich bei 93 Prozent der Wirtschaftsleistung liegen, ihr Haushaltsdefizit bei 2,5 Prozent. Der Stabilitäts- und Wachstumspakt gibt 60 und drei Prozent als Obergrenzen vor. Die Drei-Prozent-Marke würden der Prognose zufolge sieben Länder überschreiten, den 60-Prozent-Wert elf Regierungen. Die Kommission hat diese Regeln für solide Haushaltsführung bei Beginn der Pandemie außer Kraft gesetzt; Anfang 2023 sollten sie nach bisheriger Planung wieder aktiviert werden. In Brüssel wird aber gemeinhin erwartet, dass die Behörde die schlechte Konjunkturprognose zum Anlass nimmt, den Pakt noch länger ruhen zu lassen. Seine Entscheidung will Gentiloni kommende Woche verkünden.

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