Bildung:Jetzt muss es um die Kinder gehen

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Bildung: Wie sehr die Preise steigen, zeigt sich ausgerechnet an so etwas (vermeintlich) Lapidarem wie Schulranzen, Bleistiften und Schulheften.

Wie sehr die Preise steigen, zeigt sich ausgerechnet an so etwas (vermeintlich) Lapidarem wie Schulranzen, Bleistiften und Schulheften.

(Foto: Philipp Schulze/dpa)

Tanken, Heizen, Essen: Alles wird teurer. Nun auch noch die Schulsachen. Doch Bildung darf kein Luxusgut sein.

Kommentar von Paulina Würminghausen

Das Elterndasein ist gerade verdammt hart. Da waren zunächst einmal zwei Jahre Corona-Pandemie, in der Kinder und Jugendliche über Wochen nicht in die Schule gehen konnten und zu Hause festsaßen. Nun nagt die Inflation auch noch am Haushaltskonto - und das Recht auf Bildung, eines der wichtigsten Rechte überhaupt, ist abermals in Gefahr. Das zeigt sich ausgerechnet an so etwas (vermeintlich) Lapidarem wie Schulranzen, Bleistiften und Schulheften.

Auch diese Unterrichtsmaterialien werden teurer, zum Teil sogar deutlich stärker als Tanken, Heizen und Lebensmittel insgesamt. Schulhefte und Zeichenblöcke etwa kosteten nicht zuletzt wegen der Papierknappheit durchschnittlich 14 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag mit. Nur zur Erinnerung: Die allgemeinen Lebenshaltungskosten legten im selben Zeitraum nur um acht Prozent zu.

Nun könnte man sagen: Die paar Schulhefte werden sich wohl alle Eltern noch leisten können. Das mag in normalen Zeiten der Fall sein, wobei: schon da ist es schwierig für Familien, die jeden Euro umdrehen müssen. 1,5 Millionen Kinder leben in Deutschland von Hartz-IV-Leistungen. Doch die Zeiten werden ja gerade richtig unangenehm, ökonomisch gesehen. Und die Schulsachen sind ja nur ein Beispiel, das sich in ein zunehmend schwieriger werdendes Puzzle einfügt.

Familien mit niedrigem Einkommen leiden sowieso schon am meisten unter der hohen Inflation, weil die aktuell größten Preistreiber - Haushaltsenergie und Lebensmittel - bei ihren Ausgaben eine besonders große Rolle spielen. Nun laufen noch das Neun-Euro-Ticket und der Tankrabatt aus, die das abfederten. Stattdessen wird das Leben für viele nochmals teurer angesichts des steigenden Gaspreises, die Bundesregierung macht gar keinen Hehl daraus: ein durchschnittlicher Vier-Personen-Haushalt wird bis zu 480 Euro mehr im Jahr bezahlen müssen.

Die Folge: Die soziale Schere wird abermals weiter auseinandergehen. Und damit auch die Schere bei der Bildung - also den Zukunftschancen der Kinder. Denn, ganz krass gesprochen: Es ist wohl keine Frage, wie Eltern entscheiden, wenn das knappe Budget für eine Mathe-Nachhilfestunde, einen Klassenausflug, Schulbücher oder Hefte verwendet werden sollte - oder für ein paar warme Essen.

Doch das sollte keine Entscheidung sein, die eine Familie treffen muss. Denn jeder Mensch hat das Recht auf Bildung, so steht es zumindest in der 1948 verabschiedeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, Artikel 26. Und weiter steht da: "Diese Bildung ist unentgeltlich." Dahinter steht der Gedanke, dass alle Kinder die gleichen Chancen haben sollen. Chancengerechtigkeit: Das ist ein so wichtiges, so richtiges Prinzip, das auch in dieser Zeit gelten muss. Und das diese Regierung endlich einmal vollständig und nachvollziehbar ausbuchstabieren sollte. Deutschland kann sich das leisten und muss es sich leisten wollen. Falls Eltern finanziell nicht entlastet werden, wird es bald noch viel größere Probleme im Bildungswesen geben als ohnehin schon.

Das fängt im Kleinen an: Hefte, Bücher, Stifte, Zirkel, Dreiecke sollten vom Staat gestellt werden, wenn Eltern sich diese Schulsachen nun endgültig nicht mehr leisten können. Das geht bei der Teilhabe weiter, bei Ausflügen oder dem Klassenfahrt. Und reicht bis zur Informationsarbeit des Staates. Kinderbonus, Entlastungsbeitrag, Aufholprogramm, Kindergeld, Schulstartpaket - es gibt ja schon etliches, was Deutschland für seine Familien tut. Und für 2023 ist sogar eine Kindergrundsicherung angekündigt. Viele Maßnahmen, die aber zu einem undurchschaubaren Dschungel führen, in dem sich besonders leicht jene verlieren, die eigentlich Hilfe benötigen: weil sie zu viel arbeiten, weil sie die Sprache nicht so gut beherrschen, weil sie sich um die Kinder kümmern.

Bei allem gilt, was Bundeskanzler Olaf Scholz versprochen hat: Es werde in diesen Zeiten nun Entlastungen geben für jene, die rechnen müssen und keine Rücklagen haben. Er täte gut daran, dieses Versprechen schnell einzulösen - und dabei die Millionen Eltern und ihre Kinder wirklich nicht zu vergessen.

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