Energie Shell gibt in der Arktis auf

Der britische Ölkonzern stoppt die umstrittenen Bohrungen auf hoher See - aber nicht der Umwelt zuliebe.

Von Björn Finke, London

Die entscheidende Aussage kommt erst im dritten Absatz: Die Bohrung habe Hinweise auf Öl und Gas geliefert, "aber diese sind nicht ausreichend, um eine weitere Erkundung zu rechtfertigen", schreibt der britisch-niederländische Energiekonzern Shell. Bei jener Bohrung handelt es sich um eins der umstrittensten Projekte der Branche. Shell sucht 240 Kilometer vor Alaskas Küste nach Öl, in der Tschuktschensee. Umweltschützer protestierten gegen Shells Expedition in die Arktis, weil sie fürchten, dass so einer der letzten nahezu unberührten Flecken des Planeten verschmutzt wird. Jetzt gibt das Unternehmen das Projekt auf.

Die erste Bohrung in diesem Sommer habe ein "enttäuschendes Ergebnis" gebracht, heißt es in der Mitteilung. Für "absehbare Zeit" stelle Shell daher die Erkundung in Alaskas arktischen Gewässern ein. Naturschützer sind begeistert: "Die großen Ölkonzerne haben eine völlige Niederlage erlitten", sagt John Sauven von Greenpeace in Großbritannien.

Shell hat sieben Milliarden Dollar in die Erkundung arktischer Gewässer gesteckt. Nun muss Europas größtes Öl- und Gasunternehmen die Werte des Alaska-Projekts in seinen Büchern verringern, was den Gewinn belasten wird. Als Grund für die Kehrtwende nennt Shell neben den Resultaten der Bohrung die hohen Kosten der Ölförderung in der unwirtlichen Arktis sowie Unwägbarkeiten bei den Vorschriften der amerikanischen Regierung.

Bei einem anderen Projekt im hohen Norden geht es allerdings nach vielen Verzögerungen inzwischen gut voran: Der italienische Energiekonzern Eni will 85 Kilometer vor der norwegischen Küste Öl fördern, mit Hilfe einer gigantischen Plattform namens Goliat. Hier liefen letzte Tests, der Start der Produktion beginne in wenigen Wochen, berichtet die Financial Times unter Berufung auf Insider.

Bereits seit Ende 2013 holt Rivale Gazprom Öl aus dem Grund der arktischen See, mit einer Plattform 60 Kilometer vor Russlands Küste. Andere Konzerne wie Chevron aus den USA oder GDF Suez aus Frankreich haben dagegen ihre Pläne für Ölbohrungen in arktischen Gewässern aufgegeben. Nun schließt Shell sich ihnen an. Das Aus für das milliardenschwere Projekt vor Alaska wird Konkurrenten wohl als abschreckendes Beispiel dienen - dort wird so schnell niemand mehr bohren.

Mit dieser Plattform bohrte Shell in diesem Sommer vor der Küste Alaskas nach Öl: ohne Erfolg.

(Foto: Daniella Beccaria/AP)

Zumal die Konzerne wegen des Absturzes des Ölpreises ohnehin Investitionen kappen. Die Notierung des Rohstoffes hat sich seit Sommer vergangenen Jahres mehr als halbiert. Schön für die Autofahrer, schlecht für die Anbieter: Öl- und Gasfirmen verschieben oder beenden daher Projekte, verkaufen Geschäftsbereiche und entlassen Mitarbeiter.

Rivale Eni aus Italien beginnt allerdings bald die Förderung vor Norwegen

Die Fachleute der Beratungsgesellschaft Wood Mackenzie schätzen, dass die Branche inzwischen Investitionen im Wert von 220 Milliarden Dollar gestrichen hat. Das könnte für die Unternehmen in einigen Jahrzehnten unangenehme Folgen haben: Die bereits angezapften Quellen werfen immer weniger ab. Sparen die Manager heute bei der Erkundung neuer Reserven, werden sie in Zukunft weniger Öl und Gas fördern können. Shell hatte gehofft, in 15 Jahren mit der Produktion vor Alaska zu beginnen.

Da viele einfach zugängliche Lagerstätten an Land schon angebohrt sind, setzen Shell und manche Rivalen auf unerschlossene Gebiete: die Tiefsee und die Arktis. Doch ist die Förderung dort teuer - und riskant, wie im Jahr 2010 die Ölpest nach der Explosion von BPs Plattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko bewies. Experten vermuten, dass in der Arktis mehr als ein Fünftel der unentdeckten Öl- und Gasreserven lagern könnte.

Nach Shells Rückzug sieht es so aus, als blieben diese Reserven noch etwas länger unentdeckt.