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"Encourage Ventures":Frauen mit Geld suchen Frauen mit Ideen

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Gibt es genüngend Kunden? Was kann alles schiefgehen? Männliche Investoren fragen bei weiblichen Gründern härter nach.

(Foto: Imago)

Prominente Managerinnen wollen investieren - in Start-ups von Frauen. Denn die kommen oft zu schlecht an Kapital. Ein neues Investorinnen-Netzwerk tritt an, das zu ändern.

Von Kathrin Werner

Miriam Mertens weiß, wie es läuft, wenn sie ihr Geschäftsmodell vor Investoren vorstellen muss. Oft stellen ihr die ganz überwiegend männlichen Investoren andere Fragen als ihren männlichen Mitgründern, nach ihrer Familie und wie sie alles unter einen Hut kriegen will zum Beispiel. Aber diese Frage eines potenziellen Geldgebers hat sie dann doch geärgert: Wieso gründen Frauen eigentlich immer in den fünf "K"? Kleidung, Kosmetik, Coaching, Kinder und Kochen.

Mal abgesehen davon, dass der Anfangsbuchstabe ihres Coaching-Start-ups nicht wirklich in die Auflistung passte, regte sich Mertens über das Klischee auf. "Er hat mich in eine Schublade gesteckt, in die wir nicht gehören", sagt sie. Schließlich bietet ihre Technologie-Firma Deepskill einen Algorithmus, der Weiterbildungsangebote für Unternehmen und Mitarbeitende maßschneidert.

Mertens hat sich für ihr Start-up gezielt nach weiblichen Investoren umgesehen. Und ist fündig geworden. Eigentlich gründet sich das Investorinnen-Netzwerk Encourage Ventures offiziell erst an diesem Donnerstag. Doch Deepskill hat bereits Geld bekommen. Mertens hat dem neuen Netzwerk ihr junges Unternehmen per Zoom vorgestellt.

Es war wie in der Fernsehsendung "Die Höhle der Löwen" - nur stellten sich die Start-ups der Kritik von ausschließlich weiblichen statt überwiegend männlichen Investoren. "Es kamen inhaltliche Fragen, nach Umsatzentwicklung und Zukunftsperspektive", erzählt Mertens. "Ich habe den Dialog sehr auf Augenhöhe empfunden. Und es wurde viel Wert gelegt auf nachhaltigen Erfolg, weil die Investorinnen nicht kurzfristig wieder aussteigen wollen."

Miriam Mertens

Weniger Bullshitting: Gründerin Mertens hat Geld von den Investorinnen von Encourage Ventures bekommen.

(Foto: Mona Dadari/oh)

Encourage Ventures ist ein Zusammenschluss 60 prominenter und erfolgreicher deutscher Managerinnen. Darunter sind Facebooks Europa-Chefin Angelika Gifford, die Chefin der Drogeriekette Douglas Tina Müller, Bahn-Vorständin Sigrid Nikutta, die Leiterin der globalen Start-up-Aktivitäten von SAP Alexa Gorman, die Multi-Aufsichtsrätin Simone Menne und die ehemalige Bundesjustiz- und Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries. Das Netzwerk unterstützt Gründerteams mit mindestens einer Frau, um diese speziell zu fördern - es ist eine bislang einmalige Institution.

Die Idee stammt von Ina Schlie. "Frauen sind in der Wirtschaft generell unterrepräsentiert und unter den Investoren ganz besonders", sagt die ehemalige SAP-Topmanagerin und heutige Aufsichtsrätin unter anderem bei Würth und Heidelberger Druckmaschinen. "Wir wollen die Investorinnen zusammenbringen und sichtbarer machen. Denn es fehlt an Vorbildern."

Ina Schlie

Ein Problem für den Innovationsstandort Deutschland: "Es gibt nicht genügend Gründerinnen", sagt Investorin Ina Schlie.

(Foto: Markus Winter/Faktenhaus)

96 Prozent der Wagniskapitalfirmen werden ausschließlich von Männern geführt. Und die geben vor allem Männern Geld. Nur 5,2 Prozent der Gründerinnen-Teams in Deutschland haben bereits eine Million Euro oder mehr externes Kapital erhalten - bei den Gründer-Teams sind es dagegen 27,8 Prozent, hat der Female Founders Monitor gezählt.

Geld ist ein wichtiger Grund, warum der Frauenanteil unter den Gründern in Deutschland nur bei 15,7 Prozent liegt. "Es gibt nicht genügend Gründerinnen, und das liegt auch daran, dass es nicht genügend Investorinnen gibt", sagt Schlie. Dies sei ein Problem für den Innovationsstandort Deutschland. "Wir sind da, um das zu ändern."

Einige der 60 Managerinnen haben bereits in Start-ups investiert, andere fangen jetzt damit an. Schlie hat im vergangenen Jahr gemeinsam mit vier weiteren Investorinnen in Tandemploy investiert. Die Firma verkauft Software für gemeinschaftliches Arbeiten auf Distanz. Das hat Schlie und ihren Mitstreiterinnen so viel Spaß gemacht, dass sie aus dem einmaligen Vorhaben eine Institution machen wollten. Die Idee zu Encourage Ventures war geboren. "Nach dem Investment haben mich viele andere Frauen angesprochen, die Geld haben und wissen wollten, wie ich Tandemploy gefunden habe", sagt Schlie. "Sie wollten auch alle gern Investorinnen werden."

Encourage Ventures will anders mit Gründerinnen umgehen als männliche Investoren. Denn bislang müssen Gründerinnen mit völlig anderen Fragen rechnen als Gründer, wenn sie ihre Ideen bei Wagniskapitalgebern vorstellen. Männer fragt man nach ihren Visionen für die Zukunft. Frauen sollen dagegen häufiger Auskunft zum Kundenstamm geben, konkrete Finanzprognosen liefern und rechtfertigen, was mit dem Geschäftsmodell schiefgehen könnte, zeigt eine Untersuchung der Columbia University. Dabei erwirtschaften Gründerinnen laut einer Studie von Boston Consulting pro investiertem Dollar 78 Cent, Gründer schaffen dagegen gerade einmal 31 Cent.

"Wir wollen Gründerinnen von der Gründungsidee bis zum Börsengang begleiten", sagt Schlie. "Dabei ermutigen wir sie, die nächsten Schritte zu gehen, groß zu denken, und stehen ihnen während ihres gesamten Wegs mit Kapital, Know-how und Kontakten beratend zur Seite." Encourage Ventures ist ein gemeinnütziger Verein, das Geld geben die Investorinnen als Einzelpersonen. Gerade arbeitet Schlie daran, zusammen mit der frauengeführten Wagniskapitalfirma Auxxo und weiteren Investorinnen einen 100 bis 200 Millionen Euro schweren Fonds für die Wachstumsförderung von jungen frauengeführten Unternehmen aufzusetzen.

Bei der ersten Geldvergabe-Runde vor den Investorinnen von Encourage Ventures war die Stimmung anders als sonst oft, wenn sie sich bei den üblichen Männerrunden um Geld bewirbt, erzählt Gründerin Mertens von Deepskill. "Übertriebene Profilierung und Bullshitting erlebe ich sonst stärker", sagt sie. "Man muss immer noch eine Schippe drauflegen. Das können wir natürlich auch, aber es bringt niemanden weiter." Deepskill hat weibliche und männliche Investoren. "Uns ist Diversität extrem wichtig. Frauen und Männer schauen unterschiedlich auf Geschäftsmodelle, haben andere Ideen und andere Netzwerke. Wir wollen mit Partnern arbeiten, die die gleichen Werte vertreten wie wir."

© SZ
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