Elektromobilität:Der Traum vom kabellosen Laden

Elektromobilität: Die Grazer Firma Easelink will mit Ladematten im Boden und einer Vorrichtung am Auto das Laden von Elektroautos einfacher machen. Derzeit läuft ein Test mit Taxis in Graz und Wien.

Die Grazer Firma Easelink will mit Ladematten im Boden und einer Vorrichtung am Auto das Laden von Elektroautos einfacher machen. Derzeit läuft ein Test mit Taxis in Graz und Wien.

(Foto: Easelink)

E-Autos laden, ohne Kabel anzustecken - das wäre praktisch. Induktives Laden galt dafür lange als Favorit. Eine Firma aus Graz hat eine Alternative entwickelt.

Von Christina Kunkel

Hermann Stockinger kann sich noch gut daran erinnern, wann ihm die Idee kam, wegen der er kurz darauf seinen Job bei BMW kündigte. Im Spätsommer 2015 auf dem Heimweg von der Arbeit war das, er radelte gerade am Münchner Olympiaturm vorbei. Stockinger war damals 27 Jahre alt, ein Ingenieur am Anfang seiner Karriere. Doch an diesem Sommerabend auf dem Fahrrad vor sieben Jahren dachte er sich: Wäre es nicht praktisch, könnte man ein Elektroauto auch ohne Kabel laden? Eine Vorrichtung im Fahrzeugboden, die ausfährt, und sich mit einer Ladematte auf der Straße verbindet - so stellte sich Stockinger das automatisierte Stromtanken damals vor. Heute ist er Chef seiner eigenen Firma in Graz - und will seine Ladelösung ohne Kabel bald über mehrere große Autohersteller anbieten.

Dabei geht es im Grunde um die Antwort auf die Frage: Was kommt nach - oder neben - der Ladesäule? Noch sind Elektroautos auf den Straßen deutlich in der Unterzahl. Aktuell kann es je nach Region eine Weile dauern, bis man überhaupt eine Ladeoption findet. Der Masterplan der Bundesregierung verspricht eine Million öffentlich zugängliche Ladepunkte bis 2030. Bisher gehen die meisten Menschen davon aus, dass damit Ladesäulen gemeint sind, bei denen man ein dickes Stromkabel an- und abstöpseln muss. Doch das, so haben es einige Unternehmen bereits vor Jahren erkannt, muss nicht die einzige Lösung sein. Zumal sie nicht barrierefrei ist und man nicht an jedem Ort große Ladevorrichtungen aufbauen kann. Dazu kommt: Wenn Autos bald autonom fahren, wieso sollten sie dann nicht auch automatisiert laden können?

Elektromobilität: Hermann Stockinger, Gründer und Geschäftsführer der Firma Easelink in Graz.

Hermann Stockinger, Gründer und Geschäftsführer der Firma Easelink in Graz.

(Foto: Easelink)

Die Idee von Hermann Stockinger und seiner Grazer Firma Easelink setzt auf das sogenannte Matrix Charging. In seiner BMW-Zeit hatte Stockinger zum ersten Mal von dieser Technik gehört, doch er gab sich keine großen Chancen, seine Idee innerhalb des Unternehmens umzusetzen. Denn dort hatte man sich damals einer anderen Technologie verschrieben, dem induktiven Laden. Smartphonebesitzer nutzen diese Technik, wenn sie ihr Handy auf eine Oberfläche legen, um es kabellos aufzuladen. Wie BMW versuchten sich in den vergangenen Jahren mehrere Autohersteller an induktiven Lademöglichkeiten für Autos. Die Münchner brachten sogar eine Art Ladematte auf den Markt, allerdings nur für eines ihrer Plug-in-Hybrid-Modelle. Seitdem kam nichts mehr in Sachen induktives Laden. So ging es auch anderen Herstellern, die am kabellosen Laden geforscht haben: Keiner von ihnen bietet heute ein fertiges Produkt an.

Induktives Laden scheitert bislang vor allem an den Kosten

Die Technik ist dabei nicht das Problem. Längst laufen Pilotprojekte, etwa auf Autobahnabschnitten in Skandinavien und den USA. Auch in Nordbayern soll 2025 eine Strecke in Betrieb gehen. Dabei geht es allerdings immer um Lastwagen, nicht um Pkw. Die fahren über in der Straße verbaute Spulen und laden sich dabei auf. Doch es bleiben offene Fragen, nicht nur zur Alltagstauglichkeit, sondern vor allem zu den Kosten. Denn wo das Smartphone eng auf der Ladematte aufliegt, ist beim Auto immer ein großer Abstand zwischen Boden und Fahrzeug. Bei der Strom-Übertragung vom Boden in die Batterie wird es immer Ladeverluste geben. Und die Technik muss so sicher sein, dass zum Beispiel eine Katze, die während des Ladevorgangs unter einem stehenden Auto durchläuft, keinen Schaden nimmt. Außerdem braucht es Hochleistungselektronik. Das alles macht induktive Systeme teuer. Das dürfte auch der Hauptgrund sein, warum es bisher kein induktives Angebot für Privat-Pkw gibt. Easelink will 2025 seine Ladepads für E-Autofahrer anbieten. Kosten inklusive des Connectors am Fahrzeug: Rund 2500 Euro.

Das Unternehmen hat in Wien und Graz in Kooperation mit dem Energieversorger Wien Energie damit begonnen, Taxis umzurüsten und Ladeplatten in den Asphalt einzulassen. Und zwar dort, wo die Fahrer auf neue Kundschaft warten. Insgesamt werden 66 Autos mit dem Ladesystem ausgestattet. Auf sechs Standplätzen sind die Easelink-Ladepads bisher im Boden eingelassen, die optisch an große Kanaldeckel erinnern, 23 Taxis können sie bereits nutzen.

Elektromobilität: So sieht die Ladematte von Easelink aus, die im Boden verbaut ist.

So sieht die Ladematte von Easelink aus, die im Boden verbaut ist.

(Foto: Christina Kunkel)

Schnee, Eis, Dreck - alles kein Problem für das System, sagt Firmen-Chef Hermann Stockinger. Auch das soll das Taxi-Projekt beweisen: Dass die Ladelösung die härtesten Bedingungen übersteht. Vor allem aber soll es zeigen, warum die Technik besser ist als eine normale Ladesäule. Dafür bietet sich der Taxi-Betrieb an. Da die Fahrer beim Warten auf Kunden immer wieder um ein paar Meter nach vorn rollen, ist es für sie besonders bequem, dafür nicht aussteigen und ein Kabel ein- und abstöpseln zu müssen.

Wenn das Taxi-Projekt in Wien scheitert, hat die Stadt ein Problem

Die Stadt Wien hatte vor ein paar Jahren schon einmal ein Lade-Projekt für die Taxifahrer ins Leben gerufen. Diese bekamen exklusive Schnellladesäulen, die sie reservieren konnten. Allerdings mussten sie dafür weg von ihrem Standplatz. Der Erfolg blieb aus. Doch neue Ladeoptionen müssen zügig her, weil Wien schon ab 2025 nur noch emissionsfreie Taxis zulassen will, wie Hamburg übrigens auch, - und es an einigen Standplätzen baulich gar nicht möglich wäre, Standard-Ladesäulen zu errichten. Das heißt: Scheitert das E-Taxi-Projekt, hat auch die Stadt Wien ein Problem. Noch locken Zuschüsse bei der Anschaffung und Gratis-Strom die Taxifahrer, sich an dem Projekt zu beteiligen. Doch von Taxis allein wird Easelink nicht profitabel werden, auch wenn bereits andere Städte Interesse an den Ladepads zeigen.

Elektromobilität: Per App auf dem Handy sieht der Fahrer, ob er den Wagen richtig über dem Ladepad positioniert hat.

Per App auf dem Handy sieht der Fahrer, ob er den Wagen richtig über dem Ladepad positioniert hat.

(Foto: Christina Kunkel)

Wer sich im Wettkampf der Ladetechnologien durchsetzt, das werden am Ende auch die Autohersteller entscheiden. Denn sowohl beim induktiven Laden als auch bei der Matrix-Technologie müssen am Fahrzeug Teile verbaut werden. Dazu müssen sich die Hersteller auf einen Standard einigen - und am besten schon in jedem E-Auto ab Werk diese Ladeoption anbieten. Deshalb versucht Hermann Stockinger gerade, Autobauer von einem gemeinsamen Standard für das Matrix-Laden zu überzeugen. Mehrere internationale Hersteller habe Easelink bereits an Bord, sagt der Österreicher. Die engsten Verbindungen hat das Unternehmen zu Audi. Möglich, dass die VW-Tochter als erste Automarke die Matrix-Ladepads anbieten wird.

Und doch sind die Zeiten schwierig für neue Technologien. "Die Autohersteller hatten zuletzt andere Probleme", sagt Benedikt Schmülling, der sich an der Bergischen Universität Wuppertal mit Elektromobilität und Energiespeichersystemen beschäftigt. Nachdem viele Projekte zum induktiven Laden nicht serienreif geworden sind, haben sich die Hersteller erst einmal auf die Autos selbst konzentriert und darauf, das standardmäßige Laden per Kabel zu optimieren, etwa durch kürzere Ladezeiten. Dennoch sieht Schmülling in den kommenden Jahren Potenzial für automatisiertes Laden. Er glaubt sogar, dass es mehrere Technologien nebeneinander geben kann - also sowohl induktives Laden als auch eine Lösung, wie Easelink sie anbietet.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusEqual Care Day
:"Männern wird es als Schwäche ausgelegt, mit dem kranken Kind zu Hause zu bleiben"

Viele wollen Gleichberechtigung - aber dann kümmert sich doch nur die Frau um Haushalt und Kinder. Die Beraterin Jo Lücke sagt: Auch Unternehmen können etwas dagegen tun.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: