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Handel in der Corona-Krise:Kleine Geschäfte unter Nachbarn

Buchhändlerin Sigrid Gatter bekam von einer Kundin die Monatsmiete gezahlt. In der Krise konnten kleine Läden von der Unterstützung der Nachbarn profitieren.

(Foto: Stephan Rumpf)

Viele kleine Läden sind bislang besser durch die Corona-Pandemie gekommen als erwartet - gerade weil sie nicht in den großen Einkaufsstraßen liegen. Was früher als Nachteil galt, wird jetzt zur Rettung.

Von Michael Kläsgen und Paulina Würminghausen

Die Frau an der Kasse steht hinter einer Plexiglasscheibe über die Ladentheke gebeugt. Sie hat rosige Wangen und trägt eine graue Wolljacke. Sigrid Gatter ist seit 15 Jahren Buchhändlerin. Heute ist viel zu tun, sagt sie. Überhaupt ist immer viel zu tun. Während der Ausgangsbeschränkungen im März und April hatte sie eine 80-Stunden-Woche - und das, obwohl ihr Laden eigentlich geschlossen hatte. Der hohe Aufwand hat sich gelohnt. Viele kleine Geschäfte wie der Buchladen von Sigrid Gatter in München konnten sich mit Einfallsreichtum durch die Corona-Zeit retten.

Sie ist überzeugt: "Wir kleinen Geschäfte können während Corona viel besser auf individuelle Wünsche eingehen als die großen Läden." Der Kontakt mit den Menschen und die Flexibilität haben ihr wirtschaftliches Überleben gesichert, glaubt Gatter. Die großen Ketten, Unternehmen mit Tausenden Mitarbeitern und einem riesigen Apparat dahinter, seien nicht so flexibel wie ein kleiner Laden.

Studien bestätigen Gatters Eindruck. Die Münchner Handelsberatung BBE hat die monatlichen Umsätze von etwa 500 Handelsunternehmen ausgewertet und 200 Händler befragt. Das Ergebnis: "Kleinere Händler sind bisher besser durch die Krise gekommen als große Ketten", sagt Geschäftsführer Joachim Stumpf. Einer der wichtigsten Gründe: "Die Kriterien für eine gute Lage haben sich mit Corona verschoben." Vor der Pandemie waren Fußgängerzonen in den Innenstädten und Flughäfen eine unschlagbare A-Lage und sichere Einnahmequelle - meist besiedelt von internationalen Ketten. Touristen, einheimische Laufkundschaft, Fuballfans, Opernliebhaber, sie alle sicherten den Umsatz. Mit Corona werden jetzt ehemalige B-Lagen zu Top-Standorten. Sie liegen oft dort, wo die Menschen Home-Office machen, zu Hause sind. Wer nicht in die U-Bahn steigen will, geht um die Ecke einkaufen.

Viele kleine Händler haben die Chance, die sich ihnen dadurch bot, ergriffen. Statt der Ladentür öffneten sie deutschlandweit im Internet ihr Geschäft, mieteten sich kleine Trucks oder radelten direkt zum Kunden. Alteingesessene Familienbetriebe boten kurzerhand Online-Verkauf, Lieferservice und To-go-Artikel an. Gourmetrestaurants verschickten Nudeln in Pappkartons. Um in Corona-Zeiten verkaufen zu können - und um überleben zu können - müssen die kleinen Geschäfte kreativ sein.

Auch Sigrid Gatter mit ihrem Buchladen musste das: Wenn jemand aus Angst vor Corona nicht ins Geschäft gehen wolle, dann fahre sie "natürlich" sofort hin und stelle die Bücher vor die Tür. So war das auch während der Ausgangsbeschränkungen. Die Kunden konnten die Bücher im Online-Shop bestellen und per Paypal bezahlen. Das alles war für Gatter ein hoher bürokratischer Aufwand, denn sie musste jede Rechnung einzeln schreiben. Selbst ein kleines Reclam-Heft für zwei, drei Euro lieferte sie einmal. Die Kunden konnten die Bücher auch im Bioladen gegenüber abholen, der durfte weiterhin geöffnet haben. Bis zu 30 Bestellungen am Tag stapelten sich dort zeitweise - hinzu kamen die Lieferungen nach Hause.

Gatter halfen auch viele Nachbarn. Sie steckten ihr Briefumschläge mit Geld zu, für die Mittagspause. Beim Bestellen überwiesen sie auch mal fünf Euro mehr. Die kleinen Aufmerksamkeiten zeigten ihr: Wir wollen nicht, dass ihr geht. Eines Freitagabends, kurz vor Ladenschluss, klingelte ihr Telefon. Eine Lehrerin bot ihr an, eine Monatsmiete zu übernehmen. Aus dem Angebot entstand etwas Größeres: die Website "Helfer in der Krise", die Läden in Not und Unterstützer zusammenbringen soll.

Eine Chatgruppe der Laden-Inhaber half, sich weniger allein zu fühlen

Auch Solveig Zecher, 66, tat etwas, um ihr Geschäft zu retten. Sie ist die Inhaberin eines Bekleidungsladens in München, seit 44 Jahren. Sie schuf eine Whatsapp-Gruppe für die Geschäfte in der Nachbarschaft. Nach und nach fügte sie interessierte Inhaber in die Gruppe hinzu, machte nichts weiter, als eine Plattform zu bieten. Wegen der Chat-Gruppe habe man nicht mehr diese "Alleinkämpfer-Panik" gehabt, sagt Zecher. Auch das unterscheidet die Inhaber von den großen Ketten: Sie sind oft Einzelkämpfer. Sie müssen sich selbst kümmern und nicht warten, bis ein anderer es für sie tut.

"Die kleinen Läden sind die Gewinner gerade, das merken wir schon", sagt Zecher. Das Klamottengeschäft hat, anders als der Buchladen von Gatter, keinen eigenen Online-Shop, über den die Kunden während der Ausgangsbeschränkungen Kleidung kaufen konnten. Zecher und ihre Mitarbeiter nutzten verstärkt Instagram als Werbe- und Verkaufsplattform. Jeden Tag während der Ladenschließungen posteten sie in dem sozialen Netzwerk Bilder von den Anziehsachen, 970 Beiträge hat das Geschäft dort mittlerweile. Manchmal hängen die Klamotten an Kleiderbügeln vor dem Laden, manchmal werden sie von den Mitarbeitern präsentiert. Während der Ausgangsbeschränkungen konnten sich die Kunden auf Instagram die Klamotten auch bestellen. Nach den sieben Wochen sei der Ansturm im Laden groß gewesen. Die Menschen seien sogar zu ihr gekommen und hätten sich bei ihr für den Instagram-Auftritt bedankt. Zurzeit käme Zecher sehr gut über die Runden. Sie habe das Gefühl, dass die Leute während Corona kleine Läden verstärkt zu schätzen gelernt haben. "Weil sie wissen, die großen überleben eh. Aber was passiert, wenn die kleinen weg sind?"

Die Frage ist allerdings schon: Wird das so bleiben? Handelsexperte Stumpf ist da skeptisch: "Wenn Corona vorbei ist, wird die alte Normalität wieder zurückkehren", schätzt er. Dann würden wieder die gleichen Kriterien wie vor der Pandemie gelten. Im Onlinehandel könne man die Entwicklung schon sehen. Der große Hype während der Ladenschließungen sei vorbei. Die Menschen kauften online inzwischen wieder weniger ein. Aber ein bisschen was wird vielleicht doch bleiben von dem, was die kleinen Händler in der Krise so stark gemacht hat.

Buchhändlerin Gatter hat jedenfalls noch viele Ideen: Eine Bücherklappe vor dem Laden, eine Weihnachtsbude, einen VW-Bus als Verkaufsraum, längere Öffnungszeiten zum Schmökern. Das alles sei in Planung. Ob sie sich allgemein viele Gedanken über Corona mache? "Oh, ja. Ich hab viele schlaflose Nächte", sagt sie. Nicht wegen ihrer Gesundheit, fügt sie hinzu. Sondern, weil sie sich Sorgen um ihren Laden mache. Das Weihnachtsgeschäft sei das wichtigste in ihrer Branche. Wenn jetzt erneut Ladenschließungen kämen, muss sie sich etwas einfallen lassen. Dann muss sie wieder kreativ sein.

© SZ

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