Autofreie Tage:Manche brauchen eine Belehrung

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Autofreie Tage: Die Straßen sind voll, trotz Energiekrise. Hier abendlicher Berufsverkehr in München.

Die Straßen sind voll, trotz Energiekrise. Hier abendlicher Berufsverkehr in München.

(Foto: Ralph Peters/imago)

Tage, an denen Autofahren verboten ist? Ja, das wäre derzeit richtig, zu knapp sind die Ressourcen. Allerdings ist es damit nicht getan.

Kommentar von Max Hägler

Das sind doch Rezepte von vorgestern, schimpfen jetzt manche Politiker und Kommentatoren über den Vorstoß von Markus Duesmann. Ausgerechnet er, der Audi-Chef, fordert, den Wagen stehen zu lassen, das kann doch nicht sein! Wie um Himmels willen kommt ein Automanager dazu, ein Tempolimit zu befürworten oder noch besser autofreie Tage, so wie in den Siebzigern, so wie vorgestern?

Die Leute wüssten doch um Krieg und die daraus folgende Energiekrise, sie bräuchten also keine so radikale Bevormundung. Solche Symbolpolitik bringe sowieso nichts, schränke vielmehr die Freiheit ein und stelle überdies in Abrede, dass der Menschen von sich aus vernünftig handelt, also sparsam.

Es ist tatsächlich ein ungewöhnlicher Vorstoß von Markus Duesmann, insofern passt es, dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung da "Halleluja" ruft. Aber es ist ein richtiger. Wobei es mit der Mäßigung am Gaspedal allein nicht getan ist.

Wir als Gesellschaft - mindestens deutsch, eher europäisch gedacht - kommen nur gut durch die Krise, wenn sich alle zusammenreißen. Wieso soll ich die Heizung herunterdrehen und im Pulli vor Kälte und vor Sorge zitternd auf die per Internet verbreitete Füllstandsanzeige der Gasspeicher blicken, wenn der Nachbar auf Sommertemperatur hochdreht und irgendwelche anderen in der Stadt die Sauna anheizen? Am Ende fehlen so die paar Prozent Energie, die alle brauchen, Haushalte und Industriebetriebe - und das Frieren war auch noch umsonst.

Glücklicherweise will und wird niemand in die Privatsphäre der Allzuwohlfühler eindringen, um sie an Vernunft und ihre gesellschaftliche Verantwortung zu erinnern, das stünde in keinem Verhältnis. Im öffentlichen Raum der Straße ist das jedoch anders. Hier kann und sollte jeder mitbekommen, dass alle ihren Beitrag leisten müssen, damit die Energie - auch Benzin, Diesel und Strom - reicht und halbwegs bezahlbar bleibt. Jene, die erkennen, dass wir in einer Jahrhundertkrise sind, werden sich nicht stören an einem Tempolimit oder sogar einigen autofreien Tagen. Jene, denen das Wohlergehen des Landes egal ist, die muss man - ja, sorry - sehr symbolisch eines Besseren belehren.

Autos auf Strom umstellen reicht nicht

Doch der Duesmann-Appell muss weiter reichen. Und zwar auch in sein Unternehmen, in seine Branche und zu den Wirtschafts- und Verkehrspolitikern. So deutlich wie nie machen die Tankstellenpreise und die Stromkosten am Beispiel der Energie klar, wie knapp wichtige Ressourcen sind. Und wie sehr wir ihren Verbrauch selbst steuern können: Schnell fahren, langsam, gar nicht. Aber wir können über den Verbrauch auch entscheiden, indem wir andere Verkehrsmittel wählen, die Art des Fortbewegens berücksichtigen: Bus, Bahn, geteilte Mobilität. Die Krise jetzt macht deutlich, dass sich die Verkehrsdebatte in den vergangenen Jahren unzulässigerweise auf die Umstellung der Antriebstechnik verengt hat: Elektro statt Benzin und Diesel. Das hilft dem Klima, unterschlägt aber, dass Strom eine rare Ressource ist. So rar, dass jetzt Atomkraftwerke länger laufen müssen.

Der beinah revolutionäre Aufruf des Markus Duesmann zum Innehalten ist deshalb letztlich eine so mutige wie richtige Klarstellung: Die Antriebswende reicht nicht, es braucht ein Umdenken bei der Mobilität. Es braucht wieder kleinere, leichtere und damit effizientere Fahrzeuge. Also genau jene Produkte, die BMW, Mercedes, Volkswagen, aber auch Audi zunehmend aus dem Portfolio nehmen, weil sich damit weniger Geld verdienen lässt.

Es braucht zudem rasch bessere Alternativen zum Auto. Wie viele Millionen Menschen würden im Falle eines Fahrverbotes zu Hause festsitzen, weil es keine Busse und Bahnen gibt? Es braucht schließlich eine kluge Vernetzung all dieser Verkehrsträger, unterstützt von einer neuen Steuer- und Subventionspolitik.

Doch es fehlt an allem, an smarten Automodellen und am politischen Konzept, wie sich Deutschland in zehn Jahren fortbewegen soll: Die Bunderegierung hat immer noch keine Idee vorgelegt, wie Antriebswende und Mobilitätswende aussehen können. Dabei wäre das Konzept eine Teilantwort auf die Ressourcen- und Energieknappheit.

Duesmann hat recht: Er und die anderen Autofahrer müssen ihren Teil in dieser Krise leisten. Aber endlich auch die deutsche Autoindustrie und die Bundesregierung.

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