Digitale Tagelöhner Vom Zuverdienst zum Lebensunterhalt

Fünf Cent gibt es pro Mailadresse, sechs Cent für jeden Google-Job. Nachdem ich für insgesamt 50 Cent zehn Adressen zusammengesucht und mit Googeln noch 24 weitere Cents verdient habe, schaue ich auf die Uhr. 45 Minuten sind vergangen. Mein erster Stundenlohn liegt unter einem Euro. Da hilft es mir auch nicht, dass in der Arbeitsbeschreibung deutlich darauf hingewiesen wird, dass man auf keinen Fall mehr als drei Minuten recherchieren sollte. Selbst wenn ich nur zwei Minuten pro Adresse brauche, komme ich auf maximal 1,50 Euro die Stunde. Ich muss bessere Jobs finden.

Claudia G. etwa arbeitet seit Jahren bei verschiedenen Crowdworking-Anbietern. Sie ist die Hauptverdienerin einer vierköpfigen Familie und sie ist stolz darauf, sich nach ihrer Tätigkeit in einer Anwaltskanzlei aus eigener Kraft eine Existenz im Netz aufgebaut zu haben - trotz des schwierigen Starts: "Nach etwa anderthalb Jahren gefühlter Sklavenarbeit mit Minimalverdienst und nah am Burn-out, hatte ich genügend Referenzen und einen sehr guten Ruf als Texter. Inzwischen nutze ich die Billigbörsen nur noch als Lückenfüller."

Geübte Netz-Arbeiter sind das Rückgrat der Plattform-Industrie. Einer wissenschaftlichen Studie zufolge werden auf Amazons Mechanical Turk bereits etwa 80 Prozent der Arbeit von 20 Prozent der Arbeiter erledigt. Diese 20 Prozent arbeiten praktisch täglich und sind damit hochqualifiziert für diesen sehr speziellen Teilbereich. "Teilweise ist ein richtiger Wettbewerb um gute Clickworker entstanden", sagt Ines Maione, Sprecherin von Clickworker. Diese Super-Crowdworker können dann auch häufig von ihrer Arbeit im Netz leben.

"In dem Moment, in dem Menschen regelmäßig und gewerbsmäßig über Plattformen ihren Lebensunterhalt erzielen müssen oder wollen, müssen wir die Spielregeln von Arbeit anwenden", sagt der Wirtschaftsinformatiker Leimeister. "Wenn wir anfangen, angestellte Arbeitsverhältnisse durch quasi selbständige Arbeit im Netz zu ersetzen, dann kommen unsere sozialen Sicherungssysteme durcheinander."

Tätigkeiten jenseits von regulären Arbeitsverhältnissen, Tarifverträgen, Betriebsräten und Arbeitszeitregelungen - es wundert nicht, dass die Gewerkschaften mit Sorge auf das Heer selbständiger, anonymer Crowdworker und Minijobber blicken. "Ich sehe, dass sich die Gewerkschaften, insbesondere die IG Metall, intensiv des Themas annehmen", so Leimeisters Einschätzung. In der Politik habe man zumindest erkannt, "dass das Thema komplex ist", das Forschungsministerium hat entsprechende Studien in Auftrag gegeben.

Flexible Zeiteinteilung, aber keine Sicherheiten

Endlich zeigt mir Clickworker in meinem Account neue Jobs an. Jetzt sind Schreibjobs dabei. Für einen Job werden mir sogar 31,15 Euro geboten. Nach dem vorhergehenden Cent-Debakel eine Menge Geld. Allerding soll ich für kleine Unternehmen und Handwerker praktisch die ganze Webseite inklusive Unterseiten betexten. 1900 bis 2500 Wörter soll ich schreiben. Zum Vergleich: Dieser Text hat ungefähr 2700 Wörter. Ich will erst einmal kleiner anfangen. Für 2,10 Euro soll ich 150 Wörter über Handtaschen schreiben. Die Texte werden dann bei einem großen Online-Kaufhaus als Produktbeschreibungen angezeigt. Als Vorlage erhalte ich das Bild der jeweiligen Handtasche und zwei Zeilen Basisinformation. Will ich den Mindestlohn erreichen, muss ich vier Texte in der Stunde schreiben. Ich habe zwar keine Ahnung von Handtaschen, trotzdem, das sollte machbar sein.

Claudia G. schätzt an ihrer Tätigkeit das freie, selbständige Arbeiten, die flexible Zeiteinteilung - und dass sie "zumindest theoretisch" auch im Schlafanzug arbeiten kann. Dabei ist sie sich durchaus im Klaren über die Nachteile ihrer Arbeit: "Ungenügende Absicherung fürs Alter, hohes Risiko im Krankheitsfall, ständige Balance am Rande des Existenzminimums, schwer einschätzbare Auftragslage, ständiger Zeitmangel, schwierige Urlaubsplanung", zählt sie auf.

Auch für Solidarität und kollegialen Austausch ist kein Platz, wenn durch die ständige Vergleichbarkeit der Konkurrenzdruck steigt. "Ich glaube, viele Netzarbeiter leiden aufgrund fehlender sozialer Realkontakte unter Vereinsamung, fühlen sich missachtet, unverstanden und sind anfällig für psychische Erkrankungen", sagt Claudia G.