Digitale Tagelöhner:Plattformen, die neuen Märkte

Jetzt will auch ich endlich Geld verdienen. Bevor ich aber arbeiten darf, werde ich getestet. Ich soll bestimmte Informationen ergoogeln. Das kann ich ganz gut, ich erreiche eine Wertung von 95 Prozent. Dann muss ich eine "Qualifizierung als Autor deutscher Texte" durchlaufen, das dauert eine knappe Stunde. Ergebnis: 83 Prozent. Das klingt eigentlich nicht schlecht, mich irritiert nur, dass 40 Prozent meiner künftigen Clickworker-Kollegen einen höheren Wert erreichen.

Was macht Uber und Co zu den großen neuen Playern der Tech-Branche? Was versprechen sich die Investoren, die astronomische Summen in dieses neue Geschäftsmodell stecken? "Strukturell betrachtet sind die Plattformen nichts anderes als ein Intermediär, also ein Vermittler, in einem zweiseitigen Markt", sagt Jan Marco Leimeister, der an den Universitäten von St. Gallen und Kassel zum Thema Plattformen und digitale Arbeit forscht.

Die Plattformen agieren anders als das Taxigewerbe oder die Hotellerie nicht als Arbeitgeber sondern nur als Vermittler. Sie bieten einen Ort, an dem Anbieter und Kunden zusammentreffen und Preise, die sich nach Angebot und Nachfrage richten - es wirken die grundlegenden Prinzipien der Marktwirtschaft. "Die Plattformbetreiber dringen als komplett neue Anbieter in Märkte ein, die vorher überhaupt nicht als von der Digitalisierung bedroht galten, und stellen alle bislang geltenden Regeln komplett auf den Kopf", sagt Leimeister.

Airbnb, Uber, Etsy und Clickworker kommen mit minimalen Personalkosten aus, sie stellen nur die Infrastruktur zur Verfügung. So verdienen sie zwar an jeder Interaktion, aber sie übernehmen keine Verantwortung. Sie vermitteln nur die Geschäftsbeziehungen, die zwischen Kunde und Anbieter entstehen. Um Hygiene-Bestimmungen, Taxi-Lizenzen, Lagerräume oder Sozialversicherungen scheren sie sich nicht. Es ist diese Unverbindlichkeit, die das Geschäft so simpel, so bestechend lukrativ macht.

Professionalisierung erwünscht

Nach dem Aufnahmetest werden mir bei Clickworker die ersten Jobs angeboten. Ich soll die Mail-Adressen von Mitarbeitern aus den Webseiten von Unternehmen und Institutionen heraussuchen. Das ist leider nicht so einfach wie gedacht. Japanische Atomwissenschaftler auf schlecht ins Englische übersetzten Homepages zu finden, braucht Zeit. Aufwendig ist auch die Recherche nach Unternehmen. Erst sieht es so aus, als müsste ich nur den Namen googeln und dann die Webadresse in die Vorlage von Clickworker kopieren. Aber nach jedem Schritt kommt noch eine weitere Aufgabe. So soll ich zum Beispiel herausfinden, auf welcher Seite der Suchergebnisse ein bestimmter Shop gelistet ist. Aber irgendwie habe ich Spaß - bis ich mir den Stundenlohn ausrechne.

Ganz einfach, nebenbei ein bisschen Geld dazu verdienen, das ist das Versprechen an alle, die selbstgemachten Schmuck verkaufen, noch schnell jemanden zum Bahnhof fahren oder beim Crowdworking noch ein paar Euro dazuverdienen wollen, statt nur am PC rumzudaddeln. Gegenüber besorgten Politikern und Branchenverbänden betonen die Unternehmen gern, dass sich ihr Angebot an Privatleute in der Freizeit und nicht an Vollzeit-Kräfte richtet. Doch sie haben ein Interesse, dass sich ein großer Teil der Nutzer professionalisiert. Es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Abläufe reibungslos funktionieren und kontinuierlich ein attraktives Angebot für möglichst viele Kunden bereitsteht. Das gilt für Uber, das die fleißigsten Fahrer etwa mit Leasing-Angeboten für Autos bindet, genauso wie für digitale Minijobs.

Für mehr und mehr Menschen wird aus dem netten Zuverdienst die Basis des Lebensunterhalts. In Ländern wie den USA, wo die Arbeitslosigkeit hoch und die Kultur der Selfmade-Men und -Women ausgeprägter ist, ist Crowdworking bereits ein deutlicher Trend. Doch auch in Deutschland gibt es bereits zahlreiche Menschen, die über Plattformen ihren Lebensunterhalt verdienen.

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