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Dieselskandal:Volkswagen soll "anständiger" werden

  • Der neue VW-Chef Diess verspricht auf der Aktionärsversammlung neue Führungsstrukturen und eine veränderte Unternehmenskultur.
  • Seinen Vorgänger Matthias Müller, der im Dieselskandal an die Konzernspitze kam, muss er dennoch loben.
  • Finanziell steht der Autobauer trotz aller Querelen bestens da.

So ein Imagefilm birgt ja immer die Gefahr unbeabsichtigter Komik, da geht es auch Volkswagen nicht anders. Für den Auftakt der Aktionärsversammlung an diesem Donnerstag hat der Konzern ein aufwändiges Filmchen gestaltet. Das Licht in der Halle auf dem Gelände der Berliner Messe wird gedimmt, die Musik setzt ein und dem Publikum wird Volkswagens neue Welt präsentiert: Man sieht Wasserfälle und Herbstlaub, herumfliegende Drohnen, lächelnde forschende Menschen und, natürlich, Autos auf Bergstraßen und in der Wüste. Wie ein Best-of aus Werbespots für Lebensversicherungen und Merci-Schokolade. Dazu sagt eine Stimme aus dem Off: "Es gibt die, die vor uns kamen - und die, die nach uns kommen werden."

Vor allem aber gibt es den, der jetzt gerade da ist: Herbert Diess. Seit drei Wochen ist der 59-Jährige der Vorstandsvorsitzende des - je nach Zählweise - größten Fahrzeugkonzerns der Welt oder zumindest Europas. Der Wechsel kam für viele unerwartet, manche bezeichnen es als Putsch. Wer davor war, daran erinnern sie auch noch bei diesem Konzern: Matthias Müller. Sie müssen an ihn erinnern, vor allem weil seine Leistungen für den Konzern herausragend sind, wenn man die Zahlen als Maßstab nimmt: 230 Milliarden Euro haben die 640 000 Menschen erwirtschaftet, bei einem Rekordgewinn, der an diesem Tag zu einer sehr ordentlichen Dividende von 3,90 Euro je Aktie führt.

Automobilindustrie Herbert Diess krempelt den VW-Konzern um
Volkswagen

Herbert Diess krempelt den VW-Konzern um

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Zusammengefasst: Müller hat trotz des Dieselskandals eine so gute Bilanz hinterlassen wie sie VW nie zuvor gesehen hatte. Also dankt der Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Derjenige, der im Hintergrund, gemeinsam mit den Arbeitnehmermanagern Bernd Osterloh und Gunnar Kilian, und den Familien den Neuen ins Amt dirigiert hat: "Herausragendes" habe Müller geleistet. Ein paar der Aktionäre applaudieren. Und auch Diess dankt: "Dass Volkswagen in der Krise nicht ins Stocken geraten ist, sondern den Aufbruch in eine neue Phase seiner Entwicklung geschaffen hat, ist nicht zuletzt das Verdienst meines Vorgängers."

Aber die neue Welt verändere sich schnell, der Laden müsse sich deshalb ändern, noch schneller, noch entschiedener, sagt er. "Die entscheidenden Jahre unserer Transformation kommen erst noch." Also diese Zeit, in der lauter batteriebetriebene Autos von selbst herumfahren. Es ist das, was auch Arbeitnehmer und die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch dem Bisherigen nun hinterherrufen: Zu unentschlossen sei Müller gewesen, bei aller Liebe zu deutlicher Sprache. Zu fern vom operativen Geschäft sei er gewesen, vom Autobau und -verkauf. Zu viele Reibungsverluste habe es in seiner Zeit gegeben, zwischen Konzern und Marken.

Vor der Tür demonstrieren die Naturschützer

Deswegen eben Diess. Und der sagt: "Unser neues Führungsmodell macht damit Schluss!" Vier Prinzipien führt er auf, die er bereits bei seiner Amtsübernahme skizziert hatte. Die Lastwagen und Busse werden eigenständig und sollen perspektivisch an die Börse gehen, das Hauptquartier nach München verlagert. Und es werde nun gehandelt nach dem Prinzip der Subsidiarität, auf der kleinstmöglichen Hierarchieebene soll also entschieden werden. Zudem würden Steuerungsaufgaben im Konzern auf mehr Schultern verteilt. Und: Der Konzern wird in Markengruppen sortiert.

Die Frage ist, ob das wirklich der Fall sein wird. Denn auch wenn Diess ungefragt erklärt, es gehe nicht um die Ausrichtung des Unternehmens auf eine Person: Genau danach sieht es aus. Müller hatte Macht abgegeben, Diess bündelt sie wieder. Er ist nun Konzernchef mit Verantwortung etwa für die Produktstrategie und zudem Chef der Marke VW. Dazu verantwortet er die Computerisierung der Autos, ein Riesenthema, und überhaupt die gesamte Konzernforschung und -entwicklung. Diess hat sich die Zukunft aufgebürdet und muss auch noch die Vergangenheit abarbeiten, den Dieselskandal, den Diess nun - Variation des Begriffs - Manipulation nennt.

Diess, der den Vorteil hat, noch nicht ganz so sehr Teil dieser Wolfsburger Strukturen zu sein, legt Wert darauf, dass es dazu nicht mehr kommt, natürlich. Sein "wichtigstes Anliegen" sei es, Volkswagen "ehrlicher, offener, wahrhaftiger, in einem Wort: anständiger" zu machen. Basis dessen soll wieder einmal eine Unternehmenskultur sein. Vorgänger Müller mühte sich darum auch, aber es bleibt viel zu tun, wie der von der US-Justiz nach dem Dieselskandal entsandte Aufseher Larry Thompson erst jüngst feststellte. Der mahnte an: "Compliance und Integrität müssen im Konzern dieselbe Bedeutung bekommen wie Fahrzeugentwicklung, Produktion und Vertrieb."

Und das sehen auch die Demonstranten vor der Tür so. Wieder stehen die Tierschützer von Peta draußen mit ihren Affen-Plakaten, auf denen notiert ist: "VW, Stop hurting us!" VW, hör auf uns wehzutun! Es ist eine Erinnerung an eine Facette des Skandals, diese Tierversuche, die alle deutschen Hersteller haben durchführen lassen, um die vermeintliche Ungefährlichkeit von Dieselabgasen zu beweisen.

Ein Thema übrigens, dass weder Diess noch Müller zu verantworten hatten. Aber das auch noch die beschäftigen wird, die nach diesen beiden kommen.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels war von einem Jahresumsatz für 2017 von 230 Millionen Euro die Rede. Selbstverständlich handelt es sich um 230 Milliarden Euro.

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