Dieselskandal Ex-Audi-Manager bot drei Millionen, um aus dem Gefängnis zu kommen

Parkende PKW vor der Audi-Zentrale in Ingolstadt.

(Foto: REUTERS)
  • Wolfgang Hatz sitzt wegen der Abgasaffäre in Untersuchungshaft.
  • Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Vertuschung vor. Hatz bestreitet das und behauptet sogar, dass er aufklären wollte.
  • Trotz entsprechender Haftbeschwerde und der Aussicht auf die Millionen-Kaution lässt die Justiz ihn nicht auf freien Fuß.
Von Klaus Ott

Dass ein Beschuldigter in einem Strafverfahren der Justiz eine Kaution in Millionenhöhe anbietet, um nicht ins Gefängnis oder dort heraus zu kommen, geschieht in Deutschland eher selten. Erst recht bei vermeintlichen Wirtschaftsdelikten. Der letzte große Fall, das waren die Steuerermittlungen gegen Uli Hoeneß. Der Präsident des FC Bayern München zahlte fünf Millionen Euro, was ihn vor einer Untersuchungshaft bewahrte - aber nicht vor einer späteren Freiheitsstrafe.

Etwas weniger, aber immerhin noch drei Millionen Euro wollte jetzt der frühere Audi-Manager Wolfgang Hatz auf den Tisch legen. Hatz, 58, sitzt seit Ende September in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft München II wirft dem früheren Chef der Aggregate-Entwicklung bei Audi vor, in die Abgasaffäre der Ingolstädter VW-Tochter verwickelt zu sein. Der Ingenieur, der im VW-Konzern Karriere gemacht hatte, bestreitet das. Über seine Anwälte reichte Hatz im Oktober eine umfassende, mehr als 50-seitige Beschwerde ein. Der Haftbefehl sollte aufgehoben oder außer Vollzug gesetzt werden. Um zumindest Letzteres zu erreichen, boten die Anwälte des früheren Audi- und VW-Managers unter anderem drei Millionen Euro Kaution an. Vergeblich.

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Die Ermittler beschlagnahmten Akten und Computer, unter anderem aus dem Büro von Betriebsratschef Osterloh. Grund sind die Ermittlungen wegen möglicherweise überhöhter Zahlungen an ihn.

Die sechste Strafkammer des Landgerichts München I wies am vergangenen Freitag die Haftbeschwerde zurück, was jetzt bekannt wurde. Hatz hat nun die Möglichkeit, diese Entscheidung beim Oberlandesgericht (OLG) München anzufechten. So kämpferisch, wie sich der langjährige Manager aus dem VW-Imperium und seine Anwälte geben, ist das nicht auszuschließen. Hatz betrachtet sich als Opfer von, aus seiner Sicht, falschen Anschuldigungen. Die Staatsanwaltschaft München II hingegen, die im Fall Audi ermittelt, verdächtigt den Maschinenbauer und Ingenieur der Verdunkelung; sprich Vertuschung. Es geht um drei handgeschriebene Seiten und um mehrere Telefonate, die den Strafverfolgern merkwürdig erscheinen. Und um geheimnisvoll wirkende Treffen im Hause Hatz, bei denen auch hochrangige Porsche-Manager zugegen gewesen sein sollen.

Porsche in Stuttgart, wie Audi eine der vielen Marken im VW-Konzern, war die bislang letzte Station in der langen Karriere von Wolfgang Hatz gewesen. Dort war der Ingenieur, der eine Leidenschaft für Rennwagen hat, im Jahr 2011 in die Chefetage aufgerückt. Als Vorstand für Forschung und Entwicklung. Dass der aus dem Badischen stammende Maschinenbauer nach Stationen bei Audi in Ingolstadt und Volkswagen in Wolfsburg wieder in die Nähe seiner Heimat kommt, soll der Wunsch der damaligen VW-Bosse Martin Winterkorn und Ferdinand Piëch gewesen sein. Winterkorn als Vorstandschef und Piëch als Großaktionär (mit seiner Familie) und Aufsichtsratschef, das waren die obersten Instanzen bei Volkswagen.

Eingeständnis in den USA

Auch den mit den Piëchs verwandten Porsches als weiterem Großaktionär soll sehr daran gelegen gewesen sein, dass der Rennsportfan Hatz nach einer früheren Tätigkeit bei Porsche als Leiter einer "Versuchsabteilung Formel 1" wieder zurück nach Stuttgart ging. So wird in der Haftbeschwerde von Hatz dessen Karriere geschildert. Die endete vorläufig, als im September 2015 die Abgasaffäre bei VW begann. Mehrere Spitzenmanager aus dem Konzern wurden vorsorglich beurlaubt, darunter auch Hatz, dem aber keine Verwicklung in die Affäre unterstellt wurde. Nach der Beurlaubung kam es im Hause Hatz in Stuttgart zu mehreren Treffen, bei denen Kollegen von Audi und Porsche zu Gast gewesen sein sollen. Unter anderem Giovanni P., ein alter Bekannter von Hatz aus dessen Zeit in Ingolstadt. Auch P. ist Ingenieur, auch er soll in die Abgasaffäre verwickelt sein, auch er sitzt in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft München II verdächtigt P., jene Software mit entwickelt zu haben, mit der zumindest in den USA jahrelang Schadstoffmessungen von Dieselfahrzeugen manipuliert worden waren. Dass es Gesetzesverstöße gegeben hat, das hat die Audi-Mutter VW bei den US-Behörden selbst zugegeben.

Die Münchner Ermittler ziehen daraus den Schluss, Audi habe 80 000 Kunden in den USA betrogen, weil deren Fahrzeuge anders als versprochen keine "Clean Diesel", sprich nicht sauber gewesen seien. Giovanni P. hat viel ausgesagt bei der Staatsanwaltschaft; hat ehemalige Kollegen bis hinauf in die Chefetagen schwer belastet. Darunter auch Hatz. Der habe unter anderem betont, er (Giovanni P.) solle keine Dokumente offenlegen. Zudem habe Hatz von zuhause aus versucht, Kontakte zu knüpfen: Ex-Kollegen seien deshalb bei ihm gewesen.

Hatz wehrt sich gegen Ex-Kollegen

In der Haftbeschwerde von Hatz wird das alles ganz anders geschildert. Demnach haben die Treffen im Hause Hatz nicht irgendwelchen fragwürdigen Absichten gedient, sondern der Aufklärung. Der beurlaubte Porsche-Vorstand habe mit großem Rückhalt vieler Kollegen aus dem VW-Konzern versucht, Licht ins Dunkel zu bringen. Der Aufsichtsrat von Porsche habe wiederholt kurz davor gestanden, die Beurlaubung zurückzunehmen.

Der Haftbeschwerde zufolge sollen bei Porsche sogar bereits entsprechende Presseerklärungen entworfen und verabschiedet worden sein. Die Absicht, Hatz zurückzuholen, sei aber an den Belegschaftsvertretern im Aufsichtsrat des Mutterkonzerns Volkswagen gescheitert, heißt es in der Haftbeschwerde. Dort wird auch der Verdacht zurückgewiesen, Hatz habe mit drei Seiten langen handschriftlichen Notizen Giovanni P. Ratschläge geben beziehungsweise Vorgaben machen wollen für dessen Aussagen zur Abgasaffäre bei internen Ermittlungen von Volkswagen.

Dies sei in dem Zeitraum Ende 2015, Anfang 2016 geschehen, soll Giovanni P. bei der Staatsanwaltschaft ausgesagt haben. In der Haftbeschwerde hingegen wird der Inhalt der drei Seiten insofern als unbedenklich beschrieben, als die betreffenden Ausführungen richtig seien. Alles andere als verdächtig seien auch mehrere Anrufe von Hatz bei der Ehefrau von Giovanni P. gewesen, als dieser offenbar schon im Gefängnis saß. Hatz wirft in seiner Haftbeschwerde dem Ex-Kollegen P. vor, nur von sich selbst ablenken zu wollen und deshalb andere zu Unrecht zu beschuldigen.

Die Anwälte schweigen

Die Staatsanwaltschaft München II glaubt, Hatz habe die Ermittlungen behindern und so die Aufklärung erschweren wollen. Welche Version richtig ist und welche falsch, oder ob die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt, bleibt abzuwarten. Sicher ist einstweilen nur: Hatz muss vorerst weiter in Untersuchungshaft bleiben, trotz der hilfsweise angebotenen drei Millionen Euro Kaution. Der frühere Audi-, Porsche- und VW-Manager wäre auch bereit gewesen, seine Ausweise abzugeben, im Lande zu bleiben und sich regelmäßig bei der Polizei in Stuttgart zu melden. Sofern die Justiz den Haftbefehl gegen diese Auflagen zumindest außer Vollzug gesetzt hätte.

Das hat das Landgericht München I nicht getan. Die Staatsanwaltschaft München II teilte auf Anfrage mit, das Landgericht habe den Haftbefehl und damit den dringenden Tatverdacht wie auch die Haftgründe bestätigt. Die Anwälte von Hatz äußerten sich auf Anfrage nicht zu der Haftbeschwerde und zu deren Zurückweisung.

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