Diesel-Fahrverbote Autokonzerne bleiben trotz Diesel-Urteils stur

Auch hier könnte es zu Fahrverboten kommen: Dichter Verkehr schiebt sich über den Mittleren Ring in München.

(Foto: dpa)
  • Fahrverbote drohen, doch die Industrie weigert sich, ältere Modelle nachzurüsten.
  • Neben Milliardenbelastungen befürchten sie ein weiteres Problem: Spritverbrauch und CO₂-Emissionen dürften nach dem Umbau steigen.
  • Bundesumweltministerin Barbara Hendricks will die Autoindustrie dennoch nicht aus der Verantwortung lassen.
Von Michael Bauchmüller, Berlin, und Thomas Fromm

Die deutschen Autohersteller lehnen trotz drohender Fahrverbote in Städten mit hoher Luftbelastung eine teure und aufwendige Umrüstung älterer Dieselfahrzeuge ab. "Aus unserer Sicht würde eine Hardware-Umrüstung - über alle Typen und Modelle hinweg - mindestens zwei bis drei Jahre dauern", sagte ein Sprecher des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), der die Interessen der Autohersteller bündelt. In dieser Zeit würden ältere Modelle ohnehin durch modernere Dieselautos auf der Straße ersetzt - das Problem löse sich also in den kommenden Jahren von selbst.

Einzelne Autohersteller wollten sich am Mittwoch nicht offiziell zu dem Urteil des Leipziger Bundesverwaltungsgerichts, das Dieselfahrverbote in Städten grundsätzlich zulässt, äußern. Hinter den Kulissen aber herrscht nun Ratlosigkeit. "Es geht um viele verschiedene Fahrzeugtypen, wie soll so eine Umrüstung gehen?", fragte ein Industrievertreter.

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Doch der Druck aus der Politik auf die Hersteller steigt. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) will die Autoindustrie nicht aus der Verantwortung lassen. "Wer seinen Diesel nachrüsten kann und will, der sollte einen Anspruch darauf haben, dass der Hersteller das übernimmt", sagte sie der Süddeutschen Zeitung. Das stehe den Verbrauchern zu. "Es darf nicht sein, dass jetzt nur noch über Plaketten diskutiert wird und dabei die eigentlichen Verursacher des Problems aus dem Blick geraten."

Die Autobauer setzen dagegen weiterhin auf schnelle und günstigere Software-Updates. Allerdings widersprechen Experten der Position der Hersteller: Nachrüstungen - etwa mit einem sogenannten SCR-Kat - seien effizienter als die einfacheren Softwarelösungen und könnten in vielen Fällen Fahrverbote überflüssig machen. In Frage kämen dafür hierzulande rund sechs Millionen Euro-5-Diesel.

Auf Diesel-Besitzer kommen Monate großer Unsicherheit zu

Unterdessen kündigte Regierungssprecher Steffen Seibert an, eine neue Bundesregierung werde die Einführung einer blauen Plakette "prüfen". Das Thema werde "alsbald aufgegriffen werden", sagte er in Berlin. Eine solche Kennzeichnung schadstoffarmer Fahrzeuge hatte die Bundesregierung bisher stets abgelehnt. "Wir wollen Fahrverbote vermeiden", heißt es auch im neuen Koalitionsvertrag.

Auf Diesel-Besitzer kommen damit Monate großer Unsicherheit zu. Hamburg will als erste Stadt schon in den nächsten Wochen Straßen für Dieselautos sperren, um die Stickoxid-Grenzwerte einzuhalten. Betroffen von zu hohen Belastungen aber sind etwa 70 Städte in Deutschland.

Die Industrie fürchtet nicht nur Milliardenbelastungen für die Nachrüstung. Die Manager könnten ein weiteres Problem bekommen, wenn sie alte Diesel auf den neuen Stand bringen: Damit dürften Spritverbrauch und CO₂-Emissionen steigen. Das macht es für die Industrie schwieriger, die europäischen CO₂-Grenzwerte einzuhalten. "Damit wäre niemandem gedient", heißt es beim VDA. "Es wäre wie in der Schule, wenn jemand zwar auf eine Zwei in Deutsch kommt, aber eine Sechs in Französisch hat."

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