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Dienstleistungsgesellschaft:Für bessere Löhnen müssten die Konsumenten ihr Verhalten ändern

Die Deutschen zögerten lange besonders stark, Qualität im Restaurant oder beim Friseur zu honorieren. Das dürfte eine Ursache für die im EU-Vergleich besonders große Lohnlücke zur Industrie sein. Genauso wie die traditionelle Vorliebe fürs billige Einkaufen, die Deutschland zur Hochburg der Discounter machte - die billig entlohnen, um billig zu verkaufen. Viele Dienstleister wählen bewusst "Geiz ist geil" als Strategie statt Premium. Sie lassen ihre Köche schneller kochen und ihre Pfleger kürzer pflegen. Diese Produktivitätsgewinne zulasten der Qualität sollen die Preise niedrig halten, nicht in höhere Löhne fließen.

An vielen dieser Ursachen für mäßige Löhne lässt sich etwas ändern. Wenn deutsche Konsumenten für qualitativ bessere Dienstleistungen mehr zu zahlen bereit sind, ist das der Weg zu besserer Entlohnung. Wer dadurch mehr verdient, könnte wiederum mehr für andere hochwertigere Dienstleistungen ausgeben - ein Prozess wäre angestoßen, von dem viele Arbeitnehmer profitieren könnten.

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"Geiz ist geil" dagegen maximiert die Menge billigen Konsums, nicht den Genuss von Qualität - und macht die Löhne kaputt. Geiz macht arm. Deshalb ist es folgerichtig, dass die Gewerkschaft Verdi den Handelsgiganten Amazon am Black Friday bestreikt: Die 20 000 Auslieferer der Rabattschlacht werden nicht nach Handelstarifvertrag bezahlt.

Es wäre aber zu einfach, die Schuld nur auf Unternehmen zu schieben. Jene Kunden, die zu höheren Ausgaben imstande sind, können selbst die Lage der Beschäftigen verbessern: indem sie für Qualität bezahlen. Und auch die Politiker können handeln: indem sie Befristungen, Leiharbeit oder Minijobs zurückdrängen, die Dienstleistungen zu McJobs degradieren.

Viele Kunden sehnen sich nach mehr Qualität

Die Politiker sind auch im Fall sozialer Berufe gefragt. Ob Erzieherinnen Kleinkindern mehr vermitteln oder Pfleger Alte einfühlsamer behandeln, spielt bei der Lohnfindung keine große Rolle. Die Kunden mögen höhere Produktivität und Qualität schätzen. Vielleicht möchten ja deshalb Eltern Erzieher oder Alte ihre Pfleger sogar höher entlohnen. Doch sie kaufen die Leistung ja meist gar nicht direkt. Sie zahlen Steuern und Sozialbeiträge in ein staatlich/halbstaatliches System, das Erzieher und Altenpfleger nach mäßig transparenten Kriterien mäßig entlohnt. Ein weiteres Problem: Viele Kunden sehnen sich nach mehr Qualität, können wie sozial schwache Eltern oder zahlreiche Pflegebedürftige aber kaum Geld ins System einzahlen.

Am Ende kommt dabei eine lohnmäßige Geringschätzung der Arbeit am Menschen heraus. Pfleger und Erzieherinnen spüren sie ebenso wie Krankenschwestern oder Sozialpädagogen. Es ist aufschlussreich, wie mäßig diese Gruppen bezahlt werden, wohingegen gerade jene Dienstleister am besten verdienen, die sich eher um Geld statt um Menschen kümmern - Banker und Versicherer.