Deutschlands Angst vor Russland:"Auch nicht anders als die europäischen Energieunternehmen"

Lesezeit: 8 min

sueddeutsche.de: Auch dann nicht, wenn Gazprom nach dem Einstieg erstmals von der Erzeugung des Gases bis zum deutschen Endkunden die vollständige Kontrolle erhielte?

Deutschlands Angst vor Russland: Roland Götz ist Mitglied der Forschungsgruppe Russland bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Die Schwerpunkte seiner Arbeit umfassen die Lage der russischen Wirtschaft und den Energiedialog zwischen der EU und Russland.

Roland Götz ist Mitglied der Forschungsgruppe Russland bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Die Schwerpunkte seiner Arbeit umfassen die Lage der russischen Wirtschaft und den Energiedialog zwischen der EU und Russland.

(Foto: Foto: SWP, Berlin)

Götz: Nun ja, Gazprom verhält sich da nicht anders als die europäischen Energieunternehmen, das sind nämlich alles integrierte Unternehmen, gerade die deutschen: Von der Erzeugung zum Endkunden, genau das Rezept. Gazprom hat sich das im Grunde abgeschaut. Sie wollen eben nicht nur ihr Gas an der Grenze abliefern und das wär's dann, sondern sie wollen in den lukrativen Endverbrauchermarkt einsteigen.

sueddeutsche.de: Es geht also um Effizienz und Renditemaximierung, nicht aber um Macht?

Götz: Es geht nicht unbedingt nur um die höhere Rendite, sondern auch um den Kontakt zum Kunden, also um Erfahrungen und Technologietransfer. Ich halte das für ein ganz rationales Vorgehen von international operierenden Konzernen. Dabei darf man nicht vergessen, dass Gazprom nicht nur halb-staatlich ist, sondern auch halb-privat: 49 Prozent sind in Privatbesitz und darunter zum großen Anteil in westlichem Händen.

sueddeutsche.de: Gleichwohl trat Gazprom gegenüber der Ukraine nicht sehr kundenfreundlich auf.

Götz: Dieses Problemmit der Ukraine war eigentlich nur der Höhepunkt einer ganzen Kette von Auseinandersetzungen, die in den 90-er Jahren stattgefunden haben, etwa auch mit Weißrussland. Da ging es immer um den Inlandsmarkt dieser Länder. Sie wurden bisher zu Vorzugspreisen mit Erdgas aus Russland beliefert, das war eine sowjetische Tradition. Gazprom hat seine Preise schrittweise angehoben in Richtung europäisches Niveau, es möchte nämlich Geld mit seinem Gas verdienen, zumindest da wo es kann.

sueddeutsche.de: Das klingt interessant. Wo wird denn Gazprom am Geld verdienen gehindert?

Götz: Beispielsweise auf dem russischen Inlandsmarkt, wo die Preise niedrig festgesetzt sind. Auch dagegen kämpft Gazprom im Übrigen an. Immerhin liefert Gazprom etwa 50 Milliarden Kubikmeter an die GUS-Staaten und möchte da eben auch entsprechend hohe Preise erzielen. Betriebswirtschaftlich ist dagegen nichts einzuwenden. Ganz davon abgesehen war diese Auseinandersetzung mit der Ukraine nicht wie es meistens dargestellt wird eine rein einseitige Angelegenheit - auch die Ukraine hatte Schuld an den Problemen.

sueddeutsche.de: Die russisch-ukrainischen Differenzen sollten die Deutschen ihrer Meinung nach also kalt lassen?

Götz: Gegenüber westlichen Kunden, die ihre Rechnungen immer bezahlt und auch keine Schulden gegenüber Gazprom angehäuft haben, gab es zumindest nie die geringsten Probleme. Es ist außerdem absurd anzunehmen, dass es eine Gazprom-Strategie sein könnte, seine Hauptkunden zu verprellen.

sueddeutsche.de: Aber das Misstrauen ist ja dennoch da, was müsste geschehen, damit es abnimmt?

Götz: Das Misstrauen wird natürlich auch durch die Vorgänge in Russland selber befördert. In der Ära Putin hat sich Russland doch wieder in Richtung eines autoritären Staates zurückentwickelt. Der Tschetschenienkrieg, Morde an Geschäftsleuten und Journalisten - das alles verdüstert das Bild von Russland.

sueddeutsche.de: Einerseits schon, andererseits entsteht derzeit bei uns auch ein wesentlich glamouröseres Bild des Landes: Moskau richtet Millionärsmessen aus, in St. Petersburg wachsen demnächst hyper-moderne Bürotürme in den Himmel.

Götz: Dieser neue Reichtum ist aber auch ein Teil des Problems. Im Augenblick beweihräuchert sich die russische Elite auf Grund des hohen Ölpreises selbst und glaubt an die eigene Größe. Vielleicht sollte die Einsicht wachsen, dass man die Dinge realistisch beurteilen müsste und auf die Bedenken der westlichen Seite nicht so ungehalten reagieren sollte, wie es zum Teil der Fall ist.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB