bedeckt München
vgwortpixel

Daten-CD deutscher Bankkunden:Sieben Wege ins Unglück

Schweiz erlässt Haftbefehle gegen NRW-Steuerfahnder

Bundestag und Schweizer Botschaft in Berlin: Fahnder untersuchen Daten deutscher Bankkunden in der Schweiz

(Foto: dpa)

Die Fahnder sind elektrisiert: Etwa 20.000 Kontodaten mutmaßlicher Steuerhinterzieher sollen auf der von Rheinland-Pfalz angekauften CD sein. Über Jahre können sie nun nachvollziehen, was deutsche Bankkunden in der Schweiz gebunkert haben. Viele Steuerhinterzieher hatten schon eine Selbstanzeige in der Schublade.

Im Sommer vergangenen Jahres plauderte Klaus Herrmann, der Chef der Steuerfahndung in Rheinland-Pfalz, in einem Spiegel-Interview munter über Schwarzgeld in der Schweiz. Der Ermittler schilderte im Detail, wie eidgenössische Geldhäuser deutschen Kunden dabei behilflich seien, den Fiskus zu betrügen. Gleich sieben verschiedene Modelle seien derzeit im Angebot. In der helvetischen Finanzbranche werde gerne von den "sieben Wegen ins Glück" geredet.

Auf die Frage, woher er das alles wisse, antwortete Herrmann, es gebe in der Schweiz Bankangestellte, denen die dortige Geschäftspolitik nicht gefalle und die einen vertraulichen Kontakt zu deutschen Steuerbeamten hielten. "Mehr kann ich dazu nicht sagen."

Jetzt ist klar, warum Herrmann damals nicht mehr sagen mochte. Den Steuerfahndern in Rheinland-Pfalz lag eine CD mit Daten über deutsche Bankkunden in der Schweiz vor. Die Ermittler zogen bereits die ersten Proben, und bereiteten dann ganz diskret den wohl größten Schlag gegen deutsche Steuerhinterzieher vor. Die von Rheinland-Pfalz für vier Millionen Euro gekaufte CD enthält dem Vernehmen nach Informationen über, grob geschätzt, 20.000 Bundesbürger und deren Vermögen im Nachbarland. Das übertrifft alles, was deutsche Behörden bislang durch solche CDs erfahren haben. Manchmal waren es knapp 2000 Fälle, meist viel weniger.

Die Staatsanwälte und Steuerfahnder, die seit dieser Woche unterwegs sind und einen Verdächtigen nach dem anderen besuchen wollen, sind elektrisiert. Solch eine Fülle an Kontodaten habe man noch nie gehabt, heißt es. Das Material sei erstklassig. Über viele Jahre hinweg könne man genau nachvollziehen, wie viel Geld deutsche Kunden bei drei Schweizer Banken gebunkert hätten. Es sei auch nachvollziehbar, wohin Geld abgeflossen sei.

Das neue Geschäftsmodell - der Staat kauft Steuer-CDs und spürt dann Steuerbetrüger auf- gibt es seit 2007. Damals verkaufte der ehemalige Liechtensteiner Bankmitarbeiter Heinrich Kieber Kundendaten der Vaduzer LGT-Bank für 4, 6 Millionen Euro an deutsche Behörden. Später landeten Datensätze der Credit Suisse, der Londoner Coutts Bank, des Züricher Geldhauses UBS sowie des Investmenthauses Merrill Lynch Schweiz bei Behörden in NRW. Zweimal wurden Datenträger mit den Namen von Kunden der Schweizer Privatbank Julius Bär deutschen Fahndern gesteckt. In einem der Bär-Fälle handelte es sich um einen altruistischen Lieferanten. Er bat nur um eine Millionenspende an Erdbebenopfer. Am Finanzplatz Schweiz lösten Leute wie er Beben aus.

Es gab nette und gierige Tippgeber und es gab auch gute und schlechte CDs. Manche von ihnen enthielten oft nur einzelne Informationen. Die neue CD aber soll superb sein. Das vollständige Bild von Geldverschiebungen werde sichtbar, schwärmen Fahnder. Die Daten aufzuarbeiten, werde lange dauern.

Die bislang eingeleiteten 201 Verfahren gegen mutmaßliche Steuerhinterzieher sind also erst der Anfang. Am Ende könnten es viele tausend Beschuldigte sein. Und natürlich wird es wieder Selbstanzeigen rauschen. Viele werden versuchen, noch vor der Entdeckung irgendwie davonzukommen. Andererseits glaubten einige der jetzt ins Visier der Ermittler geratenen Steuerbetrüger gute Nerven zu haben. Bei ersten Durchsuchungen fanden Fahnder bei etlichen Verdächtigen längst vorbereitete, aber nie abgegebene Selbstanzeigen. "Die lagen fix und fertig in der Schublade", erzählt ein Ermittler. Viele gut betuchte Leute waren durch den Wirbel um frühere CDs erst aufgeschreckt worden, hatten Selbstanzeigen ausgearbeitet, dann aber gemeint, es werde sie schon nicht treffen.