Dieter Zetsche Der Mann mit dem Schnauzbart tritt ab

Auf der Hauptversammlung spricht Noch-Daimler-Chef Zetsche mitunter, als wäre er auch in den Folgejahren noch Vorstandschef.

(Foto: dpa)
  • Es ist eine etwas andere Daimler-Hauptversammlung am Mittwoch in Berlin: Es ist die letzte von Dieter Zetsche als Vorstandschef.
  • Der Manager ist zeitweise überaus gerührt, seine Augen werden mehrmals feucht, seine Stimme bricht.
  • Mitunter spricht Zetsche, als sei er auch künftig noch Vorstandschef - er freue sich jedoch, in Zukunft "mit etwas mehr Abstand zu beobachten".
Von Stefan Mayr, Berlin

Die Daimler-Hauptversammlung beginnt mit einem ungewöhnlich emotionalen Moment. Dieter Zetsche lacht verlegen, angesichts des starken Applauses bekommt er feuchte Augen. Er steht auf, verbeugt sich kurz. Doch der Applaus will nicht abebben. Nochmals steht er auf, verbeugt sich ein zweites Mal. Mit den Händen macht er das T-Zeichen. Time-out. Soll heißen: Bitte aufhören mit dem Klatschen. Gelächter in Halle 25 des Messezentrums Berlin. Ein typischer Zetsche: Eine Geste reicht dem Mann mit dem dicken weißen Schnauzbart, um die Leute für sich einzunehmen.

Der Aufsichtsratsvorsitzende Manfred Bischoff flicht dem scheidenden Vorstandschef Zetsche eine wohlwollende Girlande: "Mit ihm geht ein Ausnahme-Manager, ihm gebührt uneingeschränkter Dank." Zetsche war seit 1998 Vorstandsmitglied und seit 2006 Vorstandschef bei Daimler. Seine größte Tat war der Verkauf des US-Herstellers Chrysler, mit dem sein Vorgänger Jürgen Schrempp zuvor eine Fusion eingegangen war. Die Trennung gelang gerade noch rechtzeitig vor der Finanzkrise - und wird von einigen Experten als Rettung des Konzerns gewertet. Anschließend verpasste Zetsche den verstaubten Mercedes-Modellen ein neues, frischeres Antlitz und führte die Verkaufszahlen zurück an die Spitze der Premium-Hersteller.

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Auf seiner letzten Daimler-Hauptversammlung als Vorstandschef hält der 66-Jährige gleich zwei Reden. Zunächst erläutert Zetsche das sogenannte "Projekt Zukunft". Das ist die geplante Umstrukturierung des Daimler-Konzerns in drei unabhängige Aktiengesellschaften (Mercedes-Benz AG, Daimler Truck AG, Daimler Mobility AG) unter dem Dach einer Management Holding (Daimler AG).

Die laut Zetsche "äußerst komplexe Neuaufstellung" soll einmalig zwischen 610 und 700 Millionen Euro kosten, hinzu kommen bis 2020 laufende jährliche Kosten in Höhe von 155 bis 170 Millionen Euro. Der "Ausgliederungsbericht" für die Aktionäre umfasst 250 Seiten, plus 7000 Seiten Anlagen. Bis Ende Oktober soll der Mammut-Umbau abgeschlossen sein. Es gehe ihm darum, die Pkw- und die Lkw-Sparte flexibler zu machen, um besser auf die Herausforderungen der Zukunft reagieren zu können, so Zetsche. Er betont, dass die Trennung von einer der Geschäftseinheiten "nicht vorgesehen" sei. Einen (Teil-) Börsengang der Truck-Sparte schloss er allerdings nicht aus.

Für sein Plädoyer für ein freies Europa erhält er viel Applaus

Der wahre Umbruch auf dieser Hauptversammlung ist allerdings die Übergabe des Vorstandsvorsitzes von Dieter Zetsche an Ola Källenius. Darauf geht Zetsche in seiner zweiten Rede ein. Wer an dieser Stelle auf persönliche Worte des Abschieds gewartet hat, wird allerdings enttäuscht: Zetsche konzentriert sich auf einen Rückblick über seine Amtszeit und einen Ausblick in die Zukunft. Mitunter spricht er, als wäre er auch in den Folgejahren noch Vorstandschef. Er redet vom Wandel "vom Autohersteller zum Mobilitätsanbieter" und ruft den Ausbau der Daimler-Elektroflotte aus: Bis 2022 werde das "gesamte Portfolio unter Strom" gesetzt, geplant seien mehr als 130 elektrifizierte Varianten.

Am Rande der Hauptversammlung äußert sich auch Gesamt-Betriebsratschef Michael Brecht lobend über Zetsche: Als dieser einst ankündigte, er werde Daimler wieder an die Spitze der Premiumhersteller führen, sei Brecht "sehr skeptisch" gewesen. "Aber er hat es geschafft", sagt Brecht. Der Betriebsrat habe zwar mehrmals "schwierige" und "hitzige" Verhandlungen mit Zetsche geführt. Dennoch sei die Zusammenarbeit "stets respektvoll" gewesen.

Gegen Ende seiner Rede hält Zetsche ein Plädoyer für ein freies Europa und gegen Extremismus und Nationalismus. "Morgen beginnt die Europawahl. Der Ausgang war selten so offen. Gerade jetzt braucht Europa aber eine verlässliche Politik aus der Mitte der Gesellschaft", sagt er und erhält dafür viel Applaus. "Nationale Egoismen bringen uns nicht weiter. Weder in Europa noch darüber hinaus. Das gilt gerade auch für die Handelspolitik. Denn Protektionismus ist schlecht für den Absatz und die integrierten Wertschöpfungsketten."

Erst ganz zum Schluss seiner zweiten Rede werden seine Augen nochmals feucht, seine Stimme bricht. Als er sich bei den Mitarbeitern "für ihre Begeisterung und ihren unermüdlichen Einsatz" bedankt, gibt es viel Applaus, Zetsche ist sichtlich gerührt. Zum Schluss bittet er Aktionäre und Aufsichsräte, seinen Nachfolger Ola Källenius "konstruktiv und vertrauensvoll" zu begleiten. Wieder ist ihm die Rührung über das nahende Ende seines wohl wichtigsten Lebensabschnitts anzusehen. "Ich bin fest davon überzeugt, dass Ola der Richtige ist, um unser Unternehmen erfolgreich in die Zukunft zu führen", sagt Zetsche. "Und ich freue mich darauf, das mit etwas mehr Abstand zu beobachten. Vielen Dank!" Die Aktionäre applaudieren lange und kräftig. Zetsche steht ergriffen am Rednerpult und verbeugt sich oft und schnell, wie man es sonst nur von demütig auftretenden Japanern aus Filmen kennt. Abgang Zetsche.

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