Autonomes Fahren Daimler holt sich Programmier-Hilfe

Fahren Laster bald ohne Lenkrad? Schon in zehn Jahren will Daimler autonome Lkw über die US-Highways schicken.

(Foto: Ole Spata/DPA)
  • Daimler kauft für einen dreistelligen Millionenbetrag den US-Softwarespezialisten Torc Robotics auf.
  • Die Entwickler gelten als Visionäre des autonomen Fahrens. Schon in zehn Jahren will Daimler völlig autonome Lkw bauen, sie sollen zunächst in den USA fahren.
Von Stefan Mayr, Stuttgart, und Jürgen Schmieder, Los Angeles

Dieser Kauf ist teuer und riskant. Aber nichts zu investieren könnte noch teurer und gefährlicher werden: Die Lkw-Sparte von Daimler übernimmt für einen dreistelligen Millionenbetrag die Mehrheit am US-Unternehmen Torc Robotics. Die Softwarefirma aus Blacksburg (Virginia) gilt als Pionier im automatisierten Fahren für Nutzfahrzeuge. Sie arbeitet bereits mit Firmen wie Caterpillar oder Transdev und auch dem US-Verteidigungsministerium zusammen.

"Das ist sicherlich eine der riskanteren Entscheidungen, die ich in den letzten zwei Jahren getroffen habe", räumt Daimlers Truck-Vorstand Martin Daum ein. Aber er freue sich "extrem", denn mit dem Wissen von Torc "können wir noch schneller noch mehr erreichen". Ziel sei es, in den kommenden zehn Jahren einen Roboter-Lkw auf dem Automations-Level vier serienmäßig auf die Straße zu bringen. Dies wäre ein großer Schritt, wie Daum sagt, denn bei Level vier trägt das System die volle Verantwortung im Verkehr - und nicht mehr der Fahrer.

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Derzeit arbeitet Daimler an Level-zwei-Fahrzeugen, sie sollen noch 2019 in Europa, in den USA und Japan in Serie gehen. Level zwei bedeutet "teilautomatisiertes Fahren", ein Mensch muss also am Steuer sitzen und wird von Abstands- und Spurhalte-Assistenten unterstützt. Diese greifen nur bei Bedarf ein. "Level 4 ist ein extrem großer Technologiesprung", sagt Martin Daum deshalb. Zusammen mit Torc wolle er mit diesem System in den USA starten, zunächst "auf genau definierten Highway-Strecken zwischen zwei Logistik-Standorten ". Autobahnverkehr mit gleichmäßigen Geschwindigkeiten sei einfacher zu programmieren als Stadtverkehr mit Kreuzungen, Ampeln, Radfahrern und Fußgängern. Andererseits seien die Fahrzeuge auf der Autobahn viel schneller unterwegs. Daimler habe deshalb die Arbeit an Roboterfahrzeugen aufgeteilt: Bei den Pkws kooperiert der Konzern mit BMW und Bosch, bei den Lkws nun mit der eigenen Tochter Torc.

"Das ist weltweit die führende Adresse auf diesem Gebiet", sagt Daum. Er räumt ein, dass Daimler beim Thema agile und schnelle Software-Entwicklung bislang schwach aufgestellt ist. Doch dieses Problem habe er mit dem Einstieg bei Torc gelöst. Daimler übernehme "die deutliche Mehrheit" an dem Unternehmen, die genaue Prozentzahl und den Preis verrät Daum nicht. Nur so viel: "Wir können uns vorstellen, einen Teil an weitere neue Partner abzugeben." Doch auch in diesem Fall wolle er die Mehrheit an der Firma behalten. Schließlich gehe es darum, wer die Verantwortung für die selbstfahrenden Lkws auf den Straßen übernehme. "Das wird Daimler sein", sagt Daum, "und keine externe Firma." Torc-Chef Michael Fleming und seine Mitgründer bleiben als Gesellschafter und Mitarbeiter an Bord, auch der Name bleibt erhalten. Martin Daum kennt Fleming persönlich und bezeichnet ihn als "echte Verstärkung für Daimler". Besonders gefalle ihm, dass Fleming im Gegensatz zu manch anderen Hightechexperten aus Kalifornien "nicht marktschreierisch unterwegs" sei.

Das Lob für Fleming ist berechtigt. Er gilt in der Branche als Wunderkind und Visionär und wird vor allem deshalb geschätzt, weil er diese Begriffe niemals selbst für sich reklamieren würde. Er ist kein Schaumschläger, der auf Showveranstaltungen mit futuristischen Begriffen um sich wirft und grandiose Dinge verspricht, die dann doch möglicherweise niemals Realität werden. Er gilt als Tüftler, der seinen Kunden ehrlich und mit ruhiger Stimme sagt, was bereits heutzutage oder sehr bald möglich ist - und das mit Worten, die nicht nur Experten verstehen.

Das Militär kann mit den Systemen von Torc Höhlen und Feindesland erkunden

Als Elon Musk, Chef des Elektroautobauers Tesla, bei der Präsentation des Model 3 vor ein paar Wochen den Begriff "völlig autonomes Fahren" verwendete und damit andeutete, dass die Person hinter dem Steuer während der Fahrt durchaus Zeitung lesen oder gar einschlafen könne, sagte Fleming: "Der Begriff 'völlig autonomes Fahren' sorgt für eine grandiose Schlagzeile, die Hersteller müssen jedoch noch viele Fragen beantworten und den Kunden ordentlich informieren."

Daran arbeitet Fleming mit seiner Firma seit 2005, nachdem er als Student der Virgina Tech University mit Kommilitonen das Unternehmen gegründet hatte. Heute hat er 120 Mitarbeiter, und bei aller Zurückhaltung hat es auch bei Torc ein paar spektakuläre Momente gegeben: 2011 steuerte ein blinder Fahrer einen mit Torc-Software ausgestatteten Ford Escape über die Zielgerade des legendären Daytona Speedway. Im Juli 2017 fuhr ein Torc-Fahrzeug selbständig von Küste zu Küste durch die USA, und Anfang 2018 sorgte das Unternehmen auf der Technikmesse CES in Las Vegas mit Testfahrten im selbstfahrenden Auto durch die Großstadt für Aufsehen.

Automatisiertes Fahren ist nicht nur für die Automobilbranche interessant, sondern auch für Wissenschaftler und das Militär. Torc hat bereits Systeme entwickelt, die dabei helfen, mit einem Roboterfahrzeug Höhlen zu erkunden oder feindliches Gebiet auszuspähen. Nun also geht es noch stärker um den Alltagsnutzen. Wann die ersten Level-vier-Robotertrucks durch Europa fahren? Noch in diesem Jahr will Daimler in den USA einen Prototypen präsentierten. 2021 stehe dann fest, wann die ersten Tests in Kunden-Hand starten. "Lasst uns den ersten Schritt in den USA machen", sagt Martin Daum, "dann geht's auch woanders blitzschnell weiter." Mobilität von morgen: Ein digitales Dossier zur Verkehrswende gibt es ab sofort unter sz.de/verkehrswende sowie im Kiosk der SZ-Zeitungsapp.

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