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Studie:Corona-Risiko in Bus und Bahn offenbar gering

U-Bahn in Berlin während der Corona-Pandemie

In öffentlichen Verkehrsmitteln - wie hier in der Berliner U-Bahn - ist das Corona-Infektionsrisiko offenbar nicht größer als im privaten Pkw.

(Foto: Martin Bertrand/mauritius images)

Ist die Angst vor Fahrten im öffentlichen Nahverkehr berechtigt? Eine Studie sieht für Pendler kein höheres Corona-Infektionsrisiko - zumindest dann nicht, wenn Abstand gehalten wird.

Von Markus Balser, Berlin

Der Beschluss der Bundesregierung von November war deutlich. Nicht notwendige Fahrten mit öffentlichen Nahverkehrsmitteln sollten aktuell vermieden werden. So sollten die Mobilität eingeschränkt und die Kontakte reduziert werden, hieß bislang die Ansage aus Berlin. Eine Untersuchung unter Pendlern, die zeigt, wie groß das Ansteckungsrisiko im Nahverkehr wirklich ist, gab es bislang allerdings nicht.

Am Montag veröffentlichte der Dachverband der deutschen Nahverkehrsunternehmen (VDV) nun eine Studie, die erste Hinweise in der offenen Frage liefert. Laut der Studie der Charité Research Organisation im Auftrag mehrerer Bundesländer wie Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen sowie des VDV ist das Ansteckungsrisiko in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht größer als für Pendler, die etwa mit dem Auto unterwegs sind.

Die Infektionszahlen der Bahn- und Busreisenden waren den Angaben zufolge etwas kleiner als die der Vergleichsgruppe, deren Mitglieder allein mit dem Auto, dem Motorrad oder dem Fahrrad fuhren. Die regelmäßige Nutzung von Bussen und Bahnen führe nicht zu einer höheren Ansteckungsgefahr, erklärten die Wissenschaftler. Auch im Vergleich verschiedener Verkehrsmittel des ÖPNV wurden keine Unterschiede festgestellt. Allerdings weisen die Forscher ausdrücklich darauf hin, dass zum Zeitpunkt der Studie Vorsichtsmaßnahmen wie Maskentragen, Abstandhalten und Lüften galten. Diese seien offenbar wirksam. Zudem war die Auslastung der Busse und Bahnen mit 47 Prozent gering, die Fahrzeuge also vergleichsweise leer.

Untersucht wurden 681 Pendler

Durchgeführt wurde die Studie im März und April 2021. Die ansteckende britische Virusvariante war da in Deutschland bereits weit verbreitet. Untersucht wurden 681 Pendler zwischen 16 und 65 Jahren in Frankfurt und Umgebung. Die untersuchte Gruppe ist damit vergleichsweise klein. Die eine Hälfte fuhr mit dem ÖPNV zur Arbeit, die andere mit Auto, Motorrad oder Fahrrad. Das Ziel: Die Infektionsgefahr von Fahrgästen nicht nur unter Laborbedingungen oder auf Grundlage statistischer Berechnungen abzuschätzen, sondern das tatsächliche Risiko bei der alltäglichen Fahrt zur Arbeit, zur Ausbildung oder zur Schule zu ermitteln. Nachgewiesen wurde eine Infektion in diesem Zeitraum bei insgesamt 26 Studienteilnehmern. Davon waren zwölf Personen Nutzer des Nahverkehrs und 14 mit Auto, Rad oder Motorrad unterwegs. Die Probanden seien zu Beginn und am Ende der Studie mit PCR- oder Antikörpertests untersucht worden. Die Pendler waren pro Strecke 15 bis 30 Minuten unterwegs.

Damit ist die Studie nicht übertragbar auf längere Bahnfahrten mit Kontakten über viel längere Zeiträume. Wie und wo die Menschen beider Gruppen sich ansteckten, konnte die Studie nicht klären. Dies könne etwa am Arbeitsplatz passiert sein, wo der Aufenthalt länger sei, hieß es.

Die Studie liefere erstmals belastbare Erkenntnisse zum tatsächlichen Infektionsrisiko bei der Nutzung von Bussen und Bahnen im Nahverkehr, sagte die Vorsitzende der Landesverkehrsministerkonferenz, die Bremer Senatorin Maike Schaefer. Die Hygieneregeln müssten allerdings weiter gewährleistet sein, räumte Schaefer ein. Und auch die geringere Auslastung der Busse und Bahnen etwa durch den nach wie vor hohen Home-Office-Anteil hätten zu diesem Ergebnis beigetragen, sagte Schaefer. Das bedeutet auch: Sollten Busse und Bahnen in den kommenden Wochen wieder voller und der Abstand zwischen den Fahrgästen wieder kleiner werden, wären die Studienergebnisse wohl kaum noch übertragbar.

Die Bundesländer haben ein großes Interesse daran, dass die Pendler Vertrauen in den Nahverkehr zurückgewinnen. Die Nahverkehrsbetriebe, die auch von den Ländern finanziert werden, verzeichnen seit Beginn der Pandemie durch den gesunkenen Fahrgastanteil Milliardeneinbußen. Die öffentliche Hand musste mit milliardenschweren Rettungspaketen einspringen. Aber ob die Menschen schnell wieder Vertrauen in die Verkehrsbetriebe fassen, ist allerdings offen.

Denn Forscher machten zuletzt deutlich, dass die Nahverkehrsbetriebe in Deutschland noch länger unter dem Misstrauen der Nutzer leiden könnten. Kai Nagel, Fachgebietsleiter und Professor für Verkehrssystemplanung und Verkehrstelematik an der TU Berlin, warnte bereits im März davor, dass die Pandemie die Art und Weise, wie Menschen sich in Zukunft fortbewegen wollen, langfristig verändern könne. Sie werde den Menschen lange im Gedächtnis bleiben, sagte Nagel. Die Anforderungen an die "Aufenthaltsqualität" etwa beim Platzangebot im Nahverkehr werde steigen.

Dennoch mehren sich die Hinweise, dass sich die Arbeitsgewohnheiten der Deutschen wieder etwas ändern - auch mit Folgen für den Nahverkehr. Neue Untersuchungen zeigen, dass in Deutschland wieder mehr Pendler unterwegs sind. Denn der Home-Office-Anteil unter den Beschäftigten nahm zuletzt leicht ab. Der Anteil der Menschen, die zumindest teilweise auf Home-Office umstiegen, sei von 31,7 Prozent im März auf 30,8 Prozent gefallen, teilte das Münchner Ifo-Institut mit. "Die verschärfte Pflicht zum Heimbüro in Corona-Zeiten scheint zu verpuffen", sagt Ifo-Experte Jean-Victor Alipour. Durch Heimarbeit können Ansteckungen im Büro verhindert werden. Der Rückgang zog sich quer durch viele Branchen: In der Industrie fiel der Anteil von 23,4 auf 22,4 Prozent, bei den Dienstleistern von 42,6 auf 41,1 Prozent und im Handel von 19 auf 18,9 Prozent.

© SZ
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