Commerzbank und Deutsche Bank Szenarien für eine ungewollte Ehe

Frankfurter Bankenviertel: Seit vielen Jahren wird über den Zusammenschluss von Commerzbank und Deutscher Bank spekuliert. Jetzt nimmt er Gestalt an.

(Foto: Getty Images)
  • Finanzminister Olaf Scholz bestätigte zuletzt, dass es Beratungen über einen möglichen Zusammenschluss von Deutscher Bank und Commerzbank gebe.
  • Ein solcher Zusammenschluss wird von vielen skeptisch gesehen.
  • Nun stellt sich die Frage: Wie könnte er überhaupt vollzogen werden?
Von Meike Schreiber und Jan Willmroth, Frankfurt

Ein typischer Mittag in der Frankfurter Innenstadt, am Tisch ein Vertreter einer großen amerikanischen Investmentbank, man plaudert über anstehende Börsengänge und Brexit-Wirren. Eher beiläufig erwähnt der Mann, es gebe da ja auch "wieder Gespräche", auf höchster Ebene, mit den Chefs von Deutscher Bank und Commerzbank.

Alles schon oft gehört, Gerüchte über eine Fusion der beiden geschwächten Großbanken kursierten immer wieder. Sie ließen sich nur meist nicht überprüfen. Beinahe ein Jahr ist seit dieser Szene vergangen, und nach vielen Tagen der Spekulation hat Bundesfinanzminister Olaf Scholz am Montag "Beratungen über die Situation" bestätigt.

Anders als Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing kommt Martin Zielke als Mann an der Spitze der Commerzbank in diesen Beratungen zwar bislang ohne Mandat seiner Vorstandskollegen aus. Und noch immer mögen es informelle Gespräche im kleinen Kreis sein, die beide führen.

Spätestens aber seit Scholz' Einlassung lässt sich die Sache kaum noch aufhalten. Wenn aber die zwei Banken schon auf einen Zusammenschluss zusteuern, den viele nicht wollen und die meisten für wirtschaftlich unsinnig halten: Wie könnte er denn aussehen - und wie würde er ablaufen?

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Die Komplettübernahme

Die Deutsche Bank könnte die Commerzbank komplett übernehmen. An der Börse sind "die Gelben" derzeit etwa 8,7 Milliarden Euro wert. Allerdings müsste die Deutsche Bank einen Aufschlag von mindestens 20 Prozent bezahlen und dafür bis zu neun Milliarden Euro neues Kapital einsammeln. Die Aktionäre wären wohl kaum bereit, der Deutschen Bank noch einmal so viel Geld zur Verfügung zu stellen.

Die größten Anteilseigner haben bereits signalisiert, dass sie die Pläne für einen nationalen Champion überwiegend skeptisch sehen. Allenfalls der US-Finanzinvestor Cerberus scheint als Aktionär beider Häuser wohlgesonnen. Vielleicht könnte auch der Staatsfonds aus Katar frisches Kapital bereitstellen.

Wenn nicht, bliebe der Bund, der seine Anteile an der Commerzbank zunächst mit Verlust verkaufen würde, um dann Milliarden auszugeben. Das wäre politisch schwer zu erklären. Ebenfalls abwegig erscheint eine Theorie, die unter Analysten kursiert: Demnach schüfe die Deutsche Bank bei der Übernahme wundersamerweise Eigenkapital, weil die Commerzbank an der Börse günstig zu haben ist. Diesen Trick dürften weder Ratingagenturen noch Finanzaufseher anerkennen.

Die Fusion unter Gleichen

Als wahrscheinlicher gilt daher eine Fusion unter Gleichen auf dem Wege eines Aktientauschs. Zwar ist die Deutsche Bank an der Börse absolut immer noch doppelt so viel wert wie die Commerzbank. Setzt man den Marktwert aber in Relation zum Eigenkapital, steht die Commerzbank nicht schlechter da. Deren Chefs hätten daher einiges mitzureden. Seit die damalige Bundesregierung in der Finanzkrise die Commerzbank gerettet hat, ist der Bund immer noch mit 15 Prozent beteiligt. Bei einem reinen Aktientausch wäre der Bund mit rund fünf Prozent an dem neuen Unternehmen beteiligt. Das könnten Investoren als Staatsgarantie verstehen.

Aber: Beide Institute müssten stille Lasten offenlegen, die in ihrer Bilanz versteckt sind. Die Commerzbank hält enorme 8,4 Milliarden Euro an italienischen Staatsanleihen, auf die Abschreibungen in Milliardenhöhe nötig wären. Die Deutsche Bank wiederum müsste wohl ihr Investmentbanking deutlich verkleinern. Beides könnte große Löcher in die Bilanz reißen, die wiederum nur durch eine enorme Kapitalerhöhung zu stopfen wären. Auch hier wäre womöglich der Bund gefragt; er könnte die Risiken alternativ über eine Bad Bank abschirmen. So oder so: Die Bankenehe könnte bis zu 40 000 Jobs kosten. Die Gewerkschaften Verdi und DBV wehren sich schon jetzt.

Das Holding-Modell

Die Deutsche Bank ist gerade schwer damit beschäftigt, die Bonner Tochter Postbank in den Konzern zu integrieren. Die Vorstellung, zusätzlich eine dritte Bank zu verflechten, macht viele Managern ratlos. Die Komplexität ließe sich angeblich in den Griff bekommen, wenn man Deutsche Bank und Commerzbank unter einer Holding zusammenbrächte: Getrennte Geschäftseinheiten mit rechtlicher Eigenständigkeit seien einfacher zusammenzulegen, es wären nicht gleich zwei komplexe Konzerne zu verschmelzen. Im Fall einer Schieflage wären sie auch einfacher abzuwickeln oder zu verkaufen. Die Kosten einer solchen Holding seien aber "enorm", hatte Deutsche-Bank-Vize und Rechtsvorstand Karl von Rohr vergangenes Jahr gesagt und "gesetzliche, steuerliche und regulatorische Hürden" angeführt.

Die Teilfusion

Befürworter eines Zusammenschlusses raunen in diesen Tagen gerne, man werde die beiden Banken nicht einfach so "ineinanderschieben"; man denke sich etwas Besonderes aus. Ob darunter eine Teilfusion zu verstehen ist? Auch solche Planspiele sind denkbar. Volker Brühl, Professor am Center for Financial Studies an der Goethe-Universität Frankfurt, bringt etwa zwei nationale Champions ins Spiel, deren Geschäfte sich ergänzen: Die Deutsche Bank könnte sich auf das Großkunden- und Kapitalmarktgeschäft konzentrieren und die Commerzbank auf Privatkunden und den Mittelstand. Dazu könnte die Deutsche Bank ihr Privatkundensegment an die Commerzbank abgeben und umgekehrt die Commerzbank ihr Großkundengeschäft einschließlich Investmentbanking an die Deutsche Bank. Beide Häuser würden sich dabei auf ihre erkennbaren Stärken konzentrieren. Denkbar wäre auch, die kostspieligen IT-Plattformen zusammenzulegen, sich im Kundengeschäft aber weiterhin Konkurrenz zu machen.

Der Zeitplan

Am 21. März treffen sich zunächst die Aufsichtsräte von Deutscher Bank und Commerzbank zu turnusgemäßen Sitzungen. Bis spätestens Ende April dürfte dann klar sein, wie es weitergeht. Beide Banken könnten ihr Vorhaben dann noch rechtzeitig auf die Agenda ihrer Hauptversammlungen setzen, die Ende Mai stattfinden. Zuvor müssten sie aber die Aufseher der Europäischen Zentralbank überzeugen. Zwar nicht offiziell, aber via Financial Times haben diese am Dienstag erneut ihr Unbehagen übermittelt. Sie fürchten schlichtweg, dass die verantwortlichen Manager nicht mit der nötigen "schonungslosen Brutalität" an die Sache herangingen und am Ende alles noch schlimmer würde. Der Spielraum für Fehler sei äußerst klein.

Das schnelle Aus

Man trifft sich also zu Gesprächen, getrieben von der Politik - womöglich, damit Sewing und Zielke alles auch schnell wieder sein lassen können; damit sie dem Bundesfinanzminister und dem ein oder anderen Aufsichtsrat das Projekt umso besser ausreden können. Wobei der Schaden umso größer würde, je länger das Projekt Bankenhochzeit den Blick von außen und die internen Diskussionen in den beiden Häusern beherrscht. Ablenkung gehört zu den Dingen, die Commerzbank und Deutsche Bank derzeit am wenigsten gebrauchen können. Und auch viele Kunden bleiben nicht auf ewig treu.

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