Brexit:Gegen den Brexit hilft nur schwarzer Humor

Frankfurt am Main: SZ-FINANZ-TAG 2017 / Tag 2

Sir Howard Davies, Chairman bei der Royal Bank of Scotland (RBS).

(Foto: Johannes Simon)

Die Banker reden vor allem im Konjunktiv über die Brexit-Folgen, die Unsicherheit ist groß. Was aber als sicher gilt: Eine Rosinenpickerei der Briten wird es nicht geben.

Von Jan Schmidbauer, Frankfurt

Als klar wurde, dass sein Land die Europäische Union verlassen wird, lag Sir Howard Davies im Bett. Der Aufsichtsratschef der Royal Bank of Scotland (RBS) war für ein paar Tage in Spanien, auf der Hochzeit seines Sohnes. Die Feiergesellschaft hatte sich schon schlafen gelegt, als die Nachricht die Welt erreichte. Den Bankmanager ereilte sie deshalb erst am nächsten Morgen. So berichtet Davies beim Finanztag der SZ von seinem ganz persönlichen "Brexit-Moment".

Die Entscheidung der Briten hat ihn überrascht. Dabei ist Davies ein Mann, der sich auskennt mit Risiken und Wahrscheinlichkeiten. Er war Vizechef der Bank von England, später leitete er die britische Finanzaufsicht und die renommierte London School of Economics (LSE).

Seine Enttäuschung über das Brexit-Votum, das auch die Geschäfte seiner Bank beeinflussen wird, überdeckt er mit britischem Humor, schwarz wie die Nacht. Er findet es gut, dass er diese und nicht kommende Woche in Frankfurt ist, sagt er. "Sonst hätte ich vielleicht ein Visum gebraucht."

Eine Anspielung auf den kommenden Mittwoch, an dem die britische Regierung nun offiziell den Austrittsantrag einreichen will. Von diesem Zeitpunkt an muss sich nicht nur Europa neu ordnen, sondern insbesondere die Finanzwelt. Kaum eine Branche ist so international ausgerichtet, so verzweigt. Von einem "Brexodus" war deshalb schon im Juni die Rede, ein Auszug Tausender Banker also, die den alles dominierenden Finanzstandort London verlassen und sich in Frankfurt ansiedeln werden, in Paris oder Luxemburg. Die amerikanischen Banken JP Morgan und Goldman Sachs kündigten am Dienstag an, Hunderte Jobs aus London verlegen zu wollen. Eine Umfrage der Unternehmensberater von Ernst & Young ergab, dass jedes siebte Unternehmen solche Verschiebungen erwägt.

Davon profitieren könnte etwa New York, aber auch die großen Städte auf dem europäischen Festland. Und der größte Gewinner in Europa könnte Frankfurt heißen. Zu diesem Schluss kommt eine neue Umfrage unter Finanzmanagern, durchgeführt von der Financial Times. "Die Deutschen liegen so weit vorne, die Franzosen können es kaum glauben", wird einer der befragten Manager zitiert. Dass Frankfurt das neue London wird, will bei den Banken aber keiner so recht glauben. Für wahrscheinlicher hält man dort, dass es Bewegungen in viele europäische Städte gibt. London wird zwar Jobs verlieren, aber weiter das Finanzzentrum Europas bleiben.

So sieht es auch RBS-Manager Davies: "Es wird Umzüge nach Frankfurt geben", sagt er. "Aber ich glaube nicht, dass es ein einziges Finanzzentrum in Europa geben wird, das London ersetzt." Davies spricht von "modest moves", kleinen Bewegungen also, die die Banken in den kommenden Wochen und Monaten vollziehen werden. Bislang sind sie allerdings noch zögerlich. Zu viel, sagt Davies, sei einfach noch unklar. Viele Bankhäuser würden lieber abwarten, bevor sie Händler voreilig aus London abziehen.

Auch neun Monate nach dem Brexit-Votum redet die Finanzwelt in Konjunktiven über die Folgen. Keiner weiß so recht, welche Regeln gelten werden, sobald die Briten raus sind. Die Details müssen ja erst verhandelt werden.

Für die internationalen Geldhäuser ist diese Unsicherheit schädlich. Viele Banken aus Asien und Amerika betreiben große Standorte in London, weil sie von dort aus Kunden in ganz Europa bedienen dürfen. Grundlage dafür ist der sogenannte "EU-Pass". Doch den verlieren die Banken, wenn das Königreich die EU in zwei Jahren verlässt. Premierministerin Theresa May hat klargemacht, dass das Land nach dem Austritt nicht am Binnenmarkt oder der Zollunion teilnimmt. Sie will stattdessen Freihandelsabkommen mit der EU aushandeln, um die Einführung von Zöllen zu verhindern. Auch für die Finanzindustrie will May Sonderregeln aushandeln. Ob ihr das gelingt, ist offen. Und genau das ist die große Sorge, die man sich bei den großen Banken gerade macht.

Es soll "keine Rosinenpickerei" geben

Stephanie Flanders von JP Morgan formuliert es so: Das beste Ergebnis wäre, wenn Großbritannien alle Vorteile behält - und nichts dafür bezahlt. "Aber das", sagt sie, "wird die EU nicht akzeptieren." In der Bankenwelt hofft man, dass man sich dennoch irgendwie einigt.

Auf zu viel Gnade der EU sollten sich die Banken allerdings nicht einstellen. "Das Menü gibt es nur als Ganzes", hatte Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble vor wenigen Monaten gesagt. Am Mittwoch war es schließlich Frankreichs Notenbankchef François Villeroy de Galhau vorbehalten, die Position der EU klarzumachen. Seine Botschaft an Großbritannien formulierte er sicherheitshalber in drei Sprachen: "pas d'Europe à la carte", "no cherrypicking", "keine Rosinenpickerei".

© SZ.de/bbr/vd
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