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Bosnien-Herzegowina:Die Frauen von der Brücke

"Unser Fluss ist das Wertvollste, was wir haben", sagen die Frauen aus Kruščica.

(Foto: Andrew Burr)

Auf dem Balkan boomt der Bau von Wasserkraftwerken, doch die Nachhaltigkeit der Projekte ist umstritten. Frauen im Dorf Kruščica besetzen eine Brücke und blockieren so die Interessen internationaler Konzerne.

Tahira-Mika Tibold gießt Kaffee nach, die anderen Frauen tunken Zuckerwürfel in das starke Getränk und ziehen an ihren Zigaretten. Sie sitzen im Schatten dichter Baumkronen, neben ihnen plätschert die Kruščica. Der glasklare Fluss spendet das Wasser für den Kaffee. Ohne Kaffee schmecken die Zigaretten nicht. Und wer Tag und Nacht einen Fluss bewacht, sommers wie winters, seit mehr als einem Jahr, der braucht viele Zigaretten.

"Unser Fluss ist das Wertvollste, was wir haben. Und den wollen sie uns wegnehmen", sagt Tibold. Die 66-Jährige lebt in Kruščica, einem Dorf in Bosnien-Herzegowina, durch das sich der gleichnamige Fluss schlängelt. Tibold trägt eine randlose Brille und hat ihre braunen Haare zu einem Zopf zusammengebunden. Sie spricht mit ruhiger Stimme und wirkt dabei so souverän, als würde sie schon seit Jahren die Interessen ihres Dorfes vertreten. Dabei hatte sie früher nie etwas mit Politik und Umweltschutz zu tun, sondern hat in der Personalabteilung einer Firma gearbeitet, drei Kinder großgezogen, sich um ihre Enkel gekümmert.

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Politisch engagiert haben sich im Dorf immer nur die Männer. Bis August 2017, als ein Wasserkraftwerk gebaut werden sollte. Seitdem kämpfen die Frauen von Kruščica um ihren Fluss. Sie haben sich bei den lokalen Wahlen aufstellen lassen und Tibold zu ihrer Sprecherin ernannt. "Wir haben keine Alternative", sagen sie. "Der Fluss ist unsere Trinkwasserquelle und die Lebensgrundlage unseres Dorfes."

Energiekonzerne, Politiker und Investoren sehen jedoch einen anderen Wert in Flüssen wie der Kruščica. Sie wollen mit Wasserkraft Strom erzeugen. Im gesamten Balkangebiet werden derzeit etwa 190 neue Wasserkraftwerke gebaut, weitere 2800 sind geplant. Zusätzlich zu etwa 1000 Anlagen, die schon in Betrieb sind. Während in Deutschland fast alle Flüsse reguliert, in Korsette gezwängt, durch Kraftwerke gedämmt sind, fließen zwischen Slowenien und Albanien hingegen die letzten unberührten Wildflüsse Europas. Sie mäandern durch Überschwemmungslandschaften, stürzen Wasserfälle hinab und bieten seltenen und bedrohten Tierarten einen Lebensraum.

Kruščica, das ist die Geschichte von Frauen, die sich erhoben haben, um für ihr Dorf zu kämpfen. Kruščica ist aber auch die Bühne für einen Konflikt, wie er an so vielen Orten weltweit ausgetragen wird. Ein Konflikt, dem immer die gleichen Fragen zugrunde liegen. Wie lässt sich der wachsende Bedarf an Ressourcen in der Zukunft decken? Und ist es möglich, dass es dabei zwischen Menschen, Natur und Konzernen gerecht zugeht?

Für die einen Lebensader ihrer Dörfer, für die anderen Stromlieferanten: Um die Flüsse auf dem Balkan tobt ein Streit.

(Foto: @theolator)

Flüsse, die einfach so vor sich hinfließen. Das ist verschenkte Energie, sagen die Befürworter von Wasserkraft. Die Balkanstaaten müssen ihren steigenden Strombedarf decken. Und sie haben sich verpflichtet, den Anteil erneuerbarer Energien zu erhöhen. Der Balkan hat das größte, bisher nicht genutzte Potenzial für Wasserkraft in Europa, konstatiert die International Hydropower Association (IHA), ein weltweiter Zusammenschluss von Konzernen der Wasserkraftbranche.

In Deutschland dagegen gilt laut Umweltbundesamt das Potenzial als weitestgehend ausgeschöpft. Die IHA propagiert Wasserkraft nicht nur als klimaneutrale Alternative zu fossilen Brennstoffen, sondern auch als gute Ergänzung zu anderen erneuerbaren Energien. Ein großer Vorteil sei, dass man durch Wasserspeicher jederzeit auf Abruf zuverlässig und flexibel Strom erzeugen könne. Wasserkraft, das sei grün, unerschöpflich und klimafreundlich.