Geldanlage:So verrückt sind gerade die Börsen

Peter Tuchman

Peter Tuchman, bekannt als "Einstein der Wall Street", freut sich. Der Dow Jones erreichte vergangenen Freitag mehr als 35 000 Punkte.

(Foto: Richard Drew/AP)

Die Leitindizes an den Börsen erklimmen neue Rekorde. Doch unter Anlegern wird die Skepsis größer: Kaum etwas ist am Parkett derzeit wirklich so, wie es erscheint - die vier Parkett-Paradoxe.

Von Victor Gojdka, Frankfurt

Am Montag hätte wohl selbst Börsenhändler Peter Tuchman nicht zu träumen gewagt, dass er zum Ende der Woche mit einer Baseball-Cap auf dem New Yorker Börsenparkett posieren würde. Tuchman, 63, nennen sie hier den "Einstein der Wall Street", weil er mit seiner weißen Strubbelfrisur an den Nobelpreisträger erinnert. Und weil Tuchman in seinen 35 Dienstjahren am New Yorker Parkett ein untrügliches Gespür für den Lauf der Börsen entwickelt hat. "This market", sagt der Händler am Freitag in die Kameras, "is en fuego." Die Börsen? On fire. Auf Rekordjagd. Völlig außer sich.

Tuchmans Optimismus in Sachen Börse lässt viele Privatanleger irritiert zurück: Erst am Montag hatten die Aktienmärkte schließlich einen Zitteranfall bekommen, an der Wall Street und in Frankfurt sackten die Kurse nach unten. Dann jedoch geschah bereits am Freitag, womit nicht einmal Tuchman zu Wochenbeginn rechnen konnte: Der US-Leitindex Dow Jones schoss erstmals in seiner Geschichte über die Marke von 35 000 Punkten, auf seine Baseball-Cap hatte sich Tuchman demonstrativ diese fünf Ziffern drucken lassen. Die große Frage ist nun angesichts dieser Jubelstimmung: Haben die Anleger an den Börsen ihre Angst vom Wochenanfang tatsächlich überwunden - oder bloß verdrängt?

Wer Profianlegern, Händlern und Marktbeobachtern dieser Tage zuhört, der findet die Geschichte eines unsicheren Marktes. Eines Marktes, in dem nichts so ist, wie es auf den ersten Blick erscheint: Im Börsensommer 2021 entpuppen sich gute Nachrichten oft als schlechte - und umgekehrt. Diese vier Parkett-Paradoxe sollten Anleger kennen.

Paradox 1: Gute Gewinne? Kein Grund zur Freude.

Eigentlich, könnte man sagen, geht es vielen Aktienunternehmen ziemlich gut: Im tonangebenden US-Leitindex S&P 500 dürften die Unternehmensgewinne im abgelaufenen Quartal um 85 Prozent gestiegen sein im Vergleich zum Vorjahr. Selbst im konjunktursensiblen deutschen Leitindex Dax haben Konzerne wie VW, BASF, Covestro und die Post ihre Prognosen für das laufende Geschäftsjahr angehoben. "Die Unternehmen haben mehr als kräftig verdient", sagt Börsenhändler Michael Foeller von der ICF Bank. Doch was ist, fragen sich viele Anleger, sollte das Gewinnwachstum nun seinen Zenit erreichen?

Zwar werden die Gewinne der Unternehmen wohl weiter wachsen, aber so schnell wie derzeit dürften die Gewinnkurven nicht mehr in die Höhe schnellen. "Die Dynamik dürfte nachlassen", sagt Aktienexperte Ascan Iredi von der DZ Privatbank, "und das kann zum Problem werden." Zur Zeit rechnen die Börsen schließlich mit der besten aller Welten: Dass die Impfkampagne klappt, dass die Notenbanken den Markt weiter mit Geld fluten und die Unternehmensgewinne nicht enttäuschen.

Wie viel Optimismus jedoch bereits in den Kursen steckt, zeigt ein Muster, das DZ-Bankier Iredi beobachtet hat: Selbst wenn Unternehmen ihre Gewinnerwartungen derzeit übertreffen, kann das die Kurse oft kaum noch anschieben. Das heißt im Umkehrschluss: Sofern sich Zweifel und Enttäuschungen im Markt mehren sollten, könnte es für Anleger ungemütlich werden.

Paradox 2: Neue Top-Marken? Nicht für alle.

Auch die Börsenrekorde zum Ende der abgelaufenen Woche klingen auf den ersten Blick gut. Wer aber tiefer gräbt, stößt auf ein Fragezeichen: Während die Leitindizes an den Kurstafeln steigen und steigen, gilt das längst nicht für alle Unternehmen. Im amerikanischen Leitindex S&P 500 markierten in der abgelaufenen Woche mehr Unternehmen ein Zwölf-Monats-Tief als ein Zwölf-Monats-Hoch, so hat es die Investmentbank Morgan Stanley berechnet. Soll heißen: Den Rekordbörsen mangelt es aus Sicht mancher Experten an Breite. Einige wenige Aktien ziehen den Markt nach oben, während andere zurückbleiben. "Der Boden des Marktes ist wackelig", gibt Morgan-Stanley-Stratege Mike Wilson zu Protokoll.

Paradox 3: Kurskapriolen? Gut so.

Noch so ein Widerspruch? Dass viele Marktbeobachter ausgerechnet die Kursturbulenzen vom vergangenen Montag gutheißen. Als der deutsche Leitindex um 2,6 Prozent nach unten sackte, als Händler an den US-Börsen zwischenzeitlich gar von einer beginnenden Korrektur sprachen, als manche schon den Auftakt zum Ausverkauf zu sehen glaubten. Mit einigen Tagen Abstand aber hat sich die Interpretation des Kurszitterns gewandelt, die meisten Marktbeobachter sehen das kleine Börsenbeben nicht mehr als Warnsignal - sondern als Bestärkung.

Ihre Lesart: Als die Kurse zu rutschen begannen, kamen schnell wieder Anleger hinzu, die die fallenden Notierungen mit ihren Kauforders auffingen. "Viele Anleger haben den Rücksetzer als Gelegenheit gesehen, zu günstigeren Kursen einzusteigen", sagt Börsenhändler Michael Foeller. "Schon am nächsten Tag war der Druck komplett weg." Es gab, so die Lesart vieler Händler, also zumindest dieses Mal selbst in einer Aufruhrsituation noch genug Käufer im Markt.

Paradox 4: Mehr Pessimisten? Beruhigend.

Die Stimmung der Privatanleger hat in der abgelaufenen Woche einen deutlichen Dämpfer erlitten: In einer Investorenumfrage des Amerikanischen Verbands der Privatanleger machen die Pessimisten inzwischen einen Anteil von mehr als 30 Prozent aus. Was auf den ersten Blick wie ein Warnsignal wirken dürfte, entpuppt sich jedoch als Stütze: "Der zunehmende Anteil von Pessimisten am US-Aktienmarkt signalisiert, dass der Überdruck im Aktienkessel abgebaut wird", sagt Marktstratege Robert Halver von der Baader Bank. Für ihn ist die gestiegene Trübsal schließlich ein positives Zeichen: Je mehr Pessimisten es gibt, desto mehr Geld dürfte irgendwo noch auf der hohen Kante liegen - und auf Investitionsmöglichkeiten warten.

© SZ
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