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Kommentar:Gruppensieg

Elisabeth Dostert

Illustration: Bernd Schifferdecker

Ob Biontech oder Curevac: Deutschland ist gut darin, Medikamente und Impfstoffe zu entwickeln. Die vergangenen Monate haben aber auch gezeigt: Es braucht mehr Geld und eine andere Mentalität.

Von Elisabeth Dostert

Gelte es, unter den Pharmaunternehmen einen Sieger zu küren, der einen maßgeblichen Beitrag im Kampf gegen die Pandemie geleistet hat, dann wäre das wohl aus heutiger Sicht Biontech. Kein anderes Unternehmen hat so schnell einen Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt. Noch nicht einmal ein Jahr hat das Mainzer Unternehmen dafür gebraucht. Das ist ein Rekord, so schnell wurde noch nie ein Impfstoff entwickelt. Comirnaty, so lautet der Markenname, ist das erste kommerzielle Produkt einer neuen Wirkstoffklasse, die auf mRNA basiert. Auf Basis der gleichen Technologie sollen auch Impfstoffe gegen Krebs entwickelt werden. Die Technologie, an der nicht nur Biontech arbeitet, sondern zum Beispiel auch das Tübinger Unternehmen Curevac, hat das Prädikat disruptiv wirklich verdient, denn sie könnte die Behandlung von Krankheiten revolutionieren.

Deutschland galt einmal als "die Apotheke der Welt". Für diesen Ruf sorgten in der zweiten Hälfte des 19. und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Männer wie Robert Koch und Paul Ehrlich. Aus Apotheken wurden Konzerne wie Merck oder Schering. Felix Hoffmann entdeckte für Bayer das Schmerzmittel Aspirin. Die jüngsten Erfolge - und Biontech ist nur ein Beispiel dafür - zeigen: Deutschland hat das Zeug, vielleicht nicht "die", aber wieder eine der Apotheken der Welt zu werden. Kluge Köpfe gibt es auch in anderen Ländern, das ist die gute Nachricht. Die schlechte lautet: Es muss sich einiges ändern. Es braucht weniger Ideologie und Bürokratie, mehr Sachlichkeit und Pragmatismus und eine größere Technologieoffenheit in der Bevölkerung.

Die Pandemie hat Defizite offengelegt, nicht nur in Deutschland, sondern in Europa. Es fehlt Geld. Geld hilft, viel Geld hilft mehr. Es ist ein langer, teurer Weg von der Entdeckung eines Wirkstoffes bis zum kommerziellen Produkt. Der Corona-Impfstoff wurde zwar in wenigen Monaten entwickelt, aber an der Technologie arbeitet Biontech schon seit der Gründung 2008. Ohne die Finanzierung durch die Zwillinge Andreas und Thomas Strüngmann wäre die Firma vielleicht gar nicht entstanden. Schon die Erstausstattung war so üppig, dass die Gründer Uğur Şahin, Özlem Türeci und Christoph Huber sich auf Produkte konzentrieren konnten. Mit Curevac, dessen Impfstoff für das zweite Quartal angekündigt ist, ging es erst mit dem Geld von Dietmar Hopp richtig aufwärts. Sehr viel lockerer sitzt das Geld bei US-Investoren, weshalb es beim Börsengang viele deutsche Biopharmaunternehmen an die Nasdaq in New York zieht.

Es ist nicht so, dass Bund und Länder nichts tun, um junge Unternehmen finanziell zu unterstützen. Aber im Vergleich zu den USA sind die Summen lächerlich. Schon 2006 schuf die US-Regierung die Biomedical Advanced Research and Development Authority, kurz Barda, als eine Art Schnittstelle zur Industrie. Auch, um die Entwicklung, Produktion und Beschaffung von Impfstoffen und Therapeutika zu beschleunigen. In der Pandemie steckte sie Milliarden in Unternehmen aller Altersklassen. Erst unter dem Druck der Pandemie macht sich die EU-Kommission nun Gedanken über eine ähnliche Institution. Sie soll "Hera" heißen, das Kürzel steht für Health Emergency Response Authority. Zeit wird's.

Wissenschaft und Wirtschaft dürfen nicht fremdeln

Deutschland hat tolle Hochschulen und Wissenschaftler, aber viel öfter müssen aus Wissen kommerzielle Produkte werden. Auch da hilft Geld, aber auch ein Mentalitätswandel. Es ist nicht verwerflich, seine Forschungen zu Geld zu machen. Es ist auch kein Verrat an der Wissenschaft, sich mit Unternehmen zu verbünden, die mehr Erfahrung mit Zulassungsformalitäten und Märkten haben. Biontech hat sich ohne Scheu früh mit den Konzernen Pfizer aus den USA und Fosun aus China verbündet. Ein kluger, selbstbewusster Schritt. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, den Impfstoff so schnell auf den Markt zu bringen. Das Vakzin von Astra Zeneca basiert auf Forschungen an der Universität Oxford. Wissenschaft und Wirtschaft dürfen nicht fremdeln aus Angst oder Arroganz. Die Pandemie ist noch nicht besiegt. Wann das sein wird, kann keiner seriös prognostizieren. Eine Firma allein wird Milliarden Menschen nicht versorgen können. Es braucht sehr viele. Es wird wohl ein Gruppensieg werden.

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