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Nachhaltigkeit:Bio ist für die meisten nur eine Beruhigung fürs Gewissen

February 8 2017 Berlin Germany Bio labelled vegetables are pictured at an Italian stand in the

Detailaufnahme in einem Berliner Supermarkt: verschiedene Gemüsesorten mit Bio-Stickern.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Alle wollen Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Ein Blick auf die Marktdaten aber zeigt: Am Ende ist der eigene Geldbeutel immer noch näher als ein Schwein auf dem Bauernhof.

Den Tieren auf den Bauernhöfen soll es besser gehen? Ja, unbedingt! Keine Chemie mehr auf den Feldern? Na klar! Überhaupt müssen Landwirtschaft und Nahrungsmittelhersteller nachhaltiger arbeiten, das Klima, die Böden und das Wasser besser schützen. Und - auch das scheint Konsens bei der Mehrheit der Konsumenten zu sein, wenn man den unzähligen Umfragen glauben darf - Bio gehört auf den Tisch.

Nur verhält es sich mit all diesen Bekenntnissen so, als würde man Ehepaare (am besten in Anwesenheit beider Partner) fragen, was sie denn von ehelicher Treue halten. Die Zustimmungswerte wären gigantisch, die Treueschwüre mutmaßlich flammend, derweil die alltägliche Realität ganz anders aussieht. Nicht anders verhält es sich, wenn es um ökologisches Verhalten geht. Eigenwahrnehmung und Wirklichkeit klaffen auseinander. Und was sich dabei offenbart, ist ein riesiger gesellschaftlicher Selbstbetrug.

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Alle Welt hat Angst vor dem Klimawandel, aber geflogen wird wie noch nie

Nun ist der Anteil von biologischen Nahrungsmitteln und Getränken am Lebensmittelmarkt tatsächlich so hoch wie nie zuvor, und auch die Zuwachsraten sind imposant. Um acht Prozent ist die Öko-Landbaufläche in Deutschland im vergangenen Jahr gewachsen, und statt 10,34 Milliarden Euro gaben die Bundesbürger 2018 fast elf Milliarden für Bio-Nahrung und -Getränke aus, ein hübsches Plus. Entsprechend feierte sich die Branche gerade bei ihrer Weltleitmesse, der Biofach in Nürnberg. Bio, so hieß es allenthalben stolz, sei in der Mitte der Gesellschaft inzwischen nicht nur angekommen, sondern fest verankert.

Tatsächlich? Imposante Zuwachsraten sind das eine. Aussagekräftig ist aber der Vergleich mit dem Gesamtmarkt. Und da ist bio in Deutschland nach wie vor Nische, eine kleine Nische sogar. Der Anteil am Lebensmittelmarkt liegt bei gerade mal zehn Prozent. Nur zwölf Prozent der deutschen Bauern bewirtschaften nur 8,9 Prozent der Agrarfläche hierzulande öko-landwirtschaftlich. Diese Zahlen sind kümmerlich. Sie passen weder zum Selbstlob der Biobranche noch zu den Bio-Bekenntnissen der Konsumenten bei Umfragen.

Es ist eine ähnlich tiefe Kluft zwischen Lippenbekenntnissen und eigenem Handeln, wie man sie auch von anderen ökologischen Handlungsfeldern kennt. Wie kann es sonst sein, dass allenthalben hohe Diesel-Emissionen beklagt werden, jedoch der Online-Handel boomt, trotz des damit verbundenen, dieselgetriebenen Lieferverkehrs? Wie kann es sein, dass alle Welt Angst vor dem Klimawandel hat, aber geflogen wird wie noch nie? Und warum kaufen sich die Deutschen eigentlich immer PS-stärkere Autos, wo sie doch ihren Bekenntnissen nach so ökologisch unterwegs sind wie nie zuvor?

Die Erkenntnis daraus ist so alt wie banal: Reden ist eben das eine, Handeln etwas völlig anderes. Also entscheiden sich neun von zehn deutschen Verbrauchern entgegen ihrem Mitleid mit in Massen gehaltenen Nutztieren und entgegen ihrer Forderung nach chemiefreier Natur am Supermarktregal eben doch für billig und nicht für bio. Dagegen rational zu argumentieren, verfängt nicht. Am Ende ist der eigene Geldbeutel eben näher als jedes Schwein auf einem Bauernhof, und das eigene, meinetwegen karibische, Urlaubsvergnügen wichtiger als das Dahinschmelzen der Polkappen. Zur Beruhigung des eigenen schlechten Gewissens pocht man dann im Elternbeirat energisch auf Bio-Essen in der Schulmensa oder unterschreibt ein Volksbegehren "Rettet die Bienen", wie es gerade 18,4 Prozent der bayerischen Wahlberechtigten getan haben.

Discounter sind für Bio-Produzenten Partner und Feinde zugleich

Ähnlich widersprüchlich verhalten sich auch weite Teile der Bio-Branche selbst. Allen Ernstes diskutierten die Protagonisten der Szene, ob Ökos ihre Produkte künftig auch über Discounter verkaufen sollen oder nicht. Für die Befürworter ist dies schlichtweg ein ökonomisches Erfordernis, zumal wenn biologisches Wirtschaften sich irgendwann doch durchsetzen und auch das Einkaufsverhalten der Konsumenten insgesamt bestimmen soll. Für nicht wenige aber ist die Zusammenarbeit mit Discountern ein Verrat an der reinen Lehre. Zumal damit ja auch die hübsch gepflegten Feindbilder verloren gingen.

Dabei sind die Erkenntnisse aus alledem ziemlich simpel: Wer eine umweltschonende Landwirtschaft will, muss den Öko-Anbau forcieren. Wer einen ökologischeren Konsum will, muss Nachfrage wecken, aber auch attraktive Angebote machen. Wohlgemerkt für alle Verbraucher und nicht nur die Besserverdienenden. Die Politik setzt Rahmenbedingungen für mehr Ökologie. Aber jeder Einzelne trägt eine Verantwortung.

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