bedeckt München 29°

Botschafter für Russlands Gasindustrie:Beckenbauer soll Gazproms Image aufpolieren

Fußball-Legende Franz Beckenbauer hat einen neuen Job: Demnächst wird der "Kaiser" Botschafter der russischen Gasindustrie - und damit auch für Gazprom. Russland erhofft sich ein besseres Image, doch es hagelt Kritik an dem gut dotierten Engagement.

Frank Nienhuysen, Moskau

Es gibt diese Bilder noch nicht, und man muss sich schon etwas anstrengen, sie im Kopf künstlich zu erzeugen. Sich vorzustellen, wie Franz Beckenbauer in der Weite Sibiriens auf einem Gasfeld steht, im Gebiet von Tjumen, umgeben von einem Röhrengeflecht, auf dem Kopf einen Schutzhelm. Walerij Jasew kann sich das sehr gut vorstellen, er hat Beckenbauer dazu eingeladen. Eine Antwort hat er bisher nicht erhalten, doch das macht ihn deshalb nicht gleich unruhig. Jasew wird noch sehr lange mit Beckenbauer zu tun haben, denn der hat bei ihm einen Vertrag unterzeichnet. Die Rede ist von mindestens fünf Jahren, Jasew aber sagt dazu nur: "Es ist ein langfristiger Vertrag, alles andere ist vertraulich."

Franz Beckenbauer

Franz Beckenbauer wird Russlands Gas-Botschafter.

(Foto: Getty Images)

Jasew ist Präsident der Russischen Gasgesellschaft (RGO), ein kräftiger Mann, der in seinem Büro in der Moskauer Innenstadt an einem gediegenen Tisch Platz genommen hat. Er macht diesen Job schon seit zehn Jahren, er sagt, er denke immerzu an Gas, aber irgendwann dachte er auch an den deutschen Fußball-Helden: "Beckenbauer ist eine Legende, in Deutschland, ja in ganz Europa." Und nun soll der Fußball-Europameister von 1972, der Weltmeister von 1974, der Weltmeister-Trainer von 1990 für Gas werben. Für Gas als Energieform allgemein, aber natürlich auch für Gas aus Russland.

"Franz wird der neue Sport-Zar von Russland", schrieb die Bild-Zeitung im Mai, als Beckenbauer auf dem European Business Congress im slowenischen Portoroz als Partner der RGO vorgestellt wurde. "Russland ist ein bedeutender Zukunftsmarkt und RGO eine der wichtigsten Wirtschaftsinstitutionen Europas, die den Sport auch international enorm unterstützt", sagte Beckenbauer damals. "Für mich ist es eine Ehre, mit einem solchen Partner zusammenzuarbeiten."

Und dann wurden sie genannt, die Ereignisse: die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014, das erste Formel-1-Rennen in Sotschi im selben Jahr, die Eishockey-Weltmeisterschaft in Russland 2016, und, als Krönung, die Fußball-WM 2018. Beckenbauer hält viel vom Sport in Russland und war als Mitglied des Exekutivkomitees des Fußballweltverbands Fifa bei der WM-Vergabe an Russland stimmberechtigt. Aber es geht nicht nur um Sport, sondern vor allem um Stimmung für die Energiebranche.

Sport-Zar oder Gas-Botschafter?

Welche Aufgaben und Projekte Beckenbauer konkret übernehmen soll, wird derzeit ausgearbeitet. Vom Herbst an wird er an Gas-Konferenzen teilnehmen, Interviews geben, Pressekonferenzen abhalten, vielleicht auch einige kleinere Artikel schreiben. Er wird dazu auch nach Russland reisen, aber es geht vorwiegend um den Markt in Europa. "Bei uns in Russland ist mit dem Ruf des Gases alles in Ordnung", sagt Jasew.

Russlands Bild als Energielieferant hat im Westen unter den sogenannten Gaskriegen mit der Ukraine in den vergangenen Jahren gelitten, als es in einigen EU-Ländern sogar zu Engpässen kam. Derzeit hat Russland eher andere Sorgen, auch wenn der Bau der Pipeline Nabucco, die von der EU unterstützt wurde und russisches Gebiet umgehen sollte, nun aus Kostengründen doch nicht wie geplant verwirklicht wird. "Der Markt in Europa ist umkämpft", sagt Jasew, "außer Russland liefern auch Norwegen, Algerien, Malaysia; und Katar bringt Flüssiggas. Die Konkurrenz ist hart, deshalb ist das Image nicht gleichgültig."

Gazprom will in Europa überzeugen

Beckenbauer kann da sicher mit Leichtigkeit helfen. "Für das russische Gasgeschäft in Europa dürfte sich das auszahlen. Beckenbauer wird die Gasgesellschaft einem breiteren Publikum bekannt machen, vor allem in den Massen- und in den Lifestyle-Medien", sagt Ilja Rettere, Marketing-Experte bei Brand-Jet in Moskau. Auch wenn der Vertrag die RGO einiges kosten dürfte. Die Summe verrät Jasew nicht. "Beckenbauer wird es vermutlich wenig erscheinen", sagt er. "Es wird viel sein", sagt dagegen eine Quelle, die Gazprom nahesteht. "Aber dass sich nun deshalb die Nachfrage nach russischem Gas erhöht, bezweifle ich."

Die Gasgesellschaft hat zunächst auch an andere gedacht: an Führungspolitiker, an Künstler. Aber sie blieb bei Beckenbauer. Jasew hat ihn als "sehr sympathischen Menschen" kennengelernt, aber es hat doch eine kleine Weile gedauert, bis Beckenbauer in das Geschäft einwilligte. "Nicht dass er uns gleich in die Arme gefallen wäre. Er hat es sich eben eine gewisse Zeit überlegt", sagt Jasew. Dass der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder beim ersten Kontakt eine Rolle gespielt haben könnte, der als Vorsitzender des Aktionärsausschusses der Ostsee-Pipeline-Gesellschaft Nord Stream mit Gazprom zusammenarbeitet, weist der RGO-Präsident zurück. "Wir brauchten da keine Hilfe."

Die RGO umfasst insgesamt etwa 120 Firmen. Gazprom, unter anderem Hauptsponsor von Schalke 04, ist die mit Abstand wichtigste. Warum Russlands größter Konzern nicht selber als Vertragspartner von Beckenbauer auftritt, obwohl Gazprom-Chef Alexej Miller in Slowenien den Abschluss verkündete, ist unklar. Nur so viel: "Er hat die Kontakte zwischen der RGO und Beckenbauer begrüßt", sagt Jasew.

Gazprom kämpft gegen negatives Image

"Formal ist die Gasgesellschaft unabhängig, aber jeder weiß, dass Gazprom die Fäden in der Hand hält", sagt Renata Jambajewa, Wirtschaftsredakteurin bei der Zeitung Kommersant. "Vielleicht wäre Gazprom wegen seines Images im Westen nicht so ideal gewesen." Vor allem im zurückliegenden Streit mit der Ukraine, als diese zum Verdruss Moskaus noch zielstrebig in die EU und in die Nato strebte, galt der Konzern als verlängerter Arm des Kremls. Als er später im Westen seinen Ruf verbessern wollte und als Sponsor bei Schalke einstieg, war das Unbehagen zunächst groß in Deutschland. Dies hat sich weitgehend gelegt, aber auch Beckenbauers Engagement sehen manche kritisch. "Wer sich zum Botschafter von Gazprom machen lässt, manövriert sich ins politische Abseits und hilft nur dem Regime von Wladimir Putin", sagt der Europaabgeordnete Werner Schulz.

Für Gazprom geht es derzeit jedenfalls um viel in Europa, das seine Abhängigkeit von russischem Gas gern verringern will. Die EU kämpfe gegen das russische Gas wie Don Quichotte gegen die Windmühlen, klagte Gazprom-Chef Miller kürzlich. Er selber wiederum kämpft um mehr Einfluss in Deutschland, seinem wichtigsten Markt auf dem Kontinent. Der russische Gas-Monopolist will nicht länger nur den Rohstoff liefern, sondern auch in Deutschland selber Strom herstellen und die Kunden direkt beliefern, als Konkurrent der heimischen Konzerne RWE und Eon. Die Strategie der russischen Gaspolitik ist also komplex, und sogar mit Franz Beckenbauer muss sie nicht gleich spielend aufgehen.

© SZ vom 09.07.2012/infu
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema