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Bayer:Minenfeld Monsanto

Der Unkrautvernichter von Monsanto.

(Foto: AFP)

Der nächste Sprengsatz explodiert: Schon wieder fällt ein spektakuläres Urteil in den USA gegen Monsanto. Die Übernahme beschädigt Bayer mehr und mehr.

Monsanto ist für Bayer ein Minenfeld. Den Lageplan der Sprengsätze haben Monsanto-Chef Hugh Grant und die anderen Manager nicht verraten. Sie sind mit vollen Taschen davongezogen. Bayer-Chef Werner Baumann und seine Mannschaft sind hohe Risiken eingegangen, die sie glaubten beherrschen zu können. Die Anleger haben sie dafür schon abgestraft, wie der Kurseinbruch der vergangenen Monate zeigt. Die Quittung der Aktionäre folgte Ende April auf der Hauptversammlung in Bonn. Sie verweigerten dem Vorstand die Entlastung, das hatte es vorher in einem Dax-Konzern nicht gegeben.

Und nun der nächste Sprengsatz. Es handelt sich um eine weitere Klage in den USA, die Bayer schlecht aussehen lässt. Ein Gericht im kalifornischen Oakland sprach einem Ehepaar, die beide an Krebs erkrankt sind, Schadenersatz in Höhe von insgesamt mehr als zwei Milliarden Dollar zu. Auch wenn Wiedergutmachungssummen in den USA in späteren Berufungsverfahren oft wieder deutlich reduziert werden, ist das ein weiterer Rückschlag, der wegen der Milliardensumme auch noch besonders spektakulär klingt.

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Die Übernahme des Saatgutherstellers Monsanto wird für den Konzern damit endgültig zum Albtraum. Geklagt hatte diesmal ein an Krebs erkranktes Rentnerehepaar.   Von Claus Hulverscheidt

Das erstinstanzliche Urteil ist allein in den USA schon das dritte, bei dem ein Gericht einen direkten Zusammenhang zwischen der Krebserkrankung eines Klägers und der Verwendung von Roundup hergestellt hat. In den beiden vorangegangenen Fällen hatten die Geschädigten Schadenersatz- und Wiedergutmachungszahlungen in Höhe von jeweils rund 80 Millionen Dollar zugesprochen bekommen.

Zu den Klagen wegen des Unkrautvernichters Glyphosat, mehr als 13 400 wurden mittlerweile in den USA eingereicht, drohen nun die Klagen wegen Verletzung des Datenschutzes. Monsanto hat im Jahr 2016 in Frankreich geheime Listen mit Informationen über Politiker, Wissenschaftler, Verbraucherschützer, Journalisten und vielen andere Personen geführt, die sich an der Debatte um den umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat und um Gentechnik beteiligten.

Die Daten sollen als willige bezahlte Helfer die PR-Agentur Fleishman Hillard und ihre Partner zusammengetragen haben, alles was sich fand: Name, die Büro-Adresse, aber auch persönliche Daten wie geheime Telefonnummern und Hobbys, berichteten am Wochenende die französische Zeitung Le Monde und der öffentlich-rechtliche Sender France 2. Ihnen waren Dokumente zugespielt worden. Auf Basis der Informationen wurden die Personen klassifiziert. Die ehemalige französische Umweltministerin Ségolène Royal wurde als "null beeinflussbar" eingestuft. Menschen derartig einzustufen, sei "pervers", kommentierte die Sozialistin am Wochenende die Praktiken. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Mithilfe der Daten sollten personalisierte Strategien entwickelt werden, wie die Gegner "erzogen" und "überwacht" werden können. Die jüngsten Enthüllungen sind ein weiterer Beleg dafür, wie aggressiv Monsanto seinen Markt bearbeitet und wie der Konzern mit Kritikern umgeht. Schon früher gab es Berichte, wie Monsanto versucht, die öffentliche Stimmung und Meinung zu seinen Gunsten zu beeinflussen und den Profit zu mehren.

Im Auftrag von Monsanto lancierte die aggressive irische PR-Agentur Red Flag die Kampagne "Freedom to Farm". Dazu gehört laut Medienberichten auch, dass Bauern mit falscher Identität in Netzwerken wie Twitter und Facebook für Glyphosat warben. Die Kampagne hat Bayer vor ein paar Monaten beendet.

Die jüngste Nachricht ist ein weiteres Steinchen im hässlichen Mosaik von Monsanto. Solche Listen habe es vermutlich in allen EU-Ländern gegeben, gestand Matthias Berninger, der bei Bayer seit Jahresanfang den neuen Bereich Public Affairs und Nachhaltigkeit leitetet. Der ehemalige Spitzenpolitiker der Grünen hat viel zu tun. Der Ruf von Monsanto war Jahrzehnte lang schlecht, und er klebt nun an Bayer. Wissentlich hat sich der Dax-Konzern für 63 Milliarden Dollar ein schlechtes Image gekauft, auch in der überheblichen Annahme, mit dem Namen Monsanto könne man einfach mal so die Altlasten loswerden. Der Versuch ist kläglich gescheitert.

Bayer wusste wohl nicht so recht, wie giftig die US-Pille ist, die der Konzern schluckte

Die Enthüllungen in Frankreich und die Reaktionen darauf zeigen noch mehr. So recht wusste Bayer wohl nicht, wie giftig die US-Pille ist, die der Konzern freiwillig schluckte. In ersten Berichten zu den Vorwürfen in Frankreich lässt sich Bayer noch mit den Worten zitieren, "keine Kenntnis" von den Listen gehabt zu haben.

Am Sonntagnachmittag folgte dann eine Mitteilung, die die Existenz der Listen bestätigt, verknüpft mit einer halben Entschuldigung. "Auch wenn es derzeit keine Hinweise gibt, dass die Erstellung dieser Listen gegen gesetzliche Vorschriften verstoßen hat", sei eine Anwaltskanzlei damit beauftragt worden, das "von Monsanto verantwortete Projekt zu untersuchen." Berninger entschuldigt sich, kritisiert die rabiaten Praktiken von Monsanto und verspricht Besserung.

Die Glyphosat-Klagen und der Datenschutz-Ärger können den Konzern Millionen, vielleicht sogar Milliarden Euro kosten. Die Rechtsstreitigkeiten können sich Jahre hinziehen. Und ist das alles? Welcher Sprengstoff steckt noch in den Akten von Monsanto? Dass es dem US-Konzern in dem ein oder anderen Fall gelungen ist, Politiker, Wissenschaftler oder Journalisten mit Geld und intimen Daten auf seine Seite zu ziehen? Dass Personen korrumpiert und Studien manipuliert wurden? Eine Entschuldigung reicht da nicht.

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