Chemieindustrie:BASF verschärft Sparkurs

Chemieindustrie: Produktion in Ludwigshafen: Auch diesen Standort trifft es

Produktion in Ludwigshafen: Auch diesen Standort trifft es

(Foto: Andreas Pohlmann/BASF)

Der Chemiekonzern muss mehr Stellen abbauen als bislang angekündigt. Am Stammsitz in Ludwigshafen werden wohl weitere Anlagen stillgelegt. Aus Sicht des Betriebsrats ein "harter Schlag."

Von Elisabeth Dostert, Ludwigshafen

Martin Brudermüller, Vorstandschef des Chemiekonzerns BASF, verabschiedet sich mit schlechten Nachrichten für die Beschäftigten am Stammsitz in Ludwigshafen. Der Konzern wird mehr sparen und mehr Stellen abbauen als bisher angekündigt. Eine Zahl nannte der Vorstandschef am Freitag in Ludwigshafen nicht, Details würden jetzt erarbeitet. Die wird dann sein Nachfolger Markus Kamieth erläutern, der mit der Hauptversammlung Ende April Brudermüller als Vorstandschef ablösen wird.

Es ist das zweite Sparprogramm, das Brudermüller ankündigt. Schon im Oktober 2022 hatte der Konzern eines aufgelegt und im Februar 2023 konkretisiert. Es sah Einsparungen von insgesamt 1,1 Milliarden Euro und den Abbau von weltweit 3300 Stellen vor bis Ende 2026, davon allein 700 in der Produktion in Ludwigshafen. 2023, so Brudermüller am Freitag, seien schon 600 Millionen Euro gespart worden. Die neuen Sparmaßnahmen treffen ausschließlich Ludwigshafen, immer noch mit gut 38 700 Beschäftigten der mit Abstand größte Standort. Etwa zwei Drittel arbeiten in der Produktion. In Ludwigshafen wolle BASF bis Ende 2026 zusätzlich eine Milliarde Euro sparen, sowohl in der Produktion als auch in der Verwaltung.

"Die Situation ist ernst, daher schließen wir explizit keine Maßnahme aus."

"Die Situation ist ernst, daher schließen wir explizit keine Maßnahme aus", sagte Brudermüller. Ihm zufolge werden wohl weitere Anlagen in Ludwigshafen stillgelegt. Aber der Vorstand stehe zu Stammsitz. Es werde keine langfristig wettbewerbsfähige BASF-Gruppe ohne einen profitablen Standort Ludwigshafen geben, versicherte Brudermüller. Und Ludwigshafen werde auf lange Sicht der größte Standort der BASF in der Welt bleiben.

Chemieindustrie: Martin Brudermüller bei seiner letzten Bilanzpressekonferenz als BASF-Vorstandschef. Er hadert mit dem Standort Deutschland.

Martin Brudermüller bei seiner letzten Bilanzpressekonferenz als BASF-Vorstandschef. Er hadert mit dem Standort Deutschland.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Das zusätzliche Sparpaket sei ein harter Schlag, antwortet Sinischa Horvat, Betriebsratsvorsitzender der BASF SE, auf SZ-Fragen. Man verstehe, dass der Vorstand handeln müsse, vor allem wegen der gesunkenen Produktivität unter schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Insbesondere die Politik müsse nun an deutlich verbesserten Rahmenbedingungen für die Industrie arbeiten. Vom Management erwartet man neben den Sparmaßnahmen eine, so Horvat, "Positivliste" mit Maßnahmen und Projekten, mit denen der Standort Ludwigshafen wieder in eine gute Zukunft geführt werden könne.

Das Marktumfeld sei extrem schwierig, sagte Brudermüller. Die Probleme in Deutschland seien mittlerweile strukturell, die lösten sich auch nicht auf, wenn der Markt sich wieder erhole. Man müsse sich von dem Gedanken verabschieden, "dass die guten alten Zeiten wiederkommen, die sind für immer weg", so Brudermüller. Die Klage über die Schwächen des deutschen Standorts, allen voran die zu hohen Energiepreise, ist nicht neu. Während alle wichtigen Länder 2023 noch einen positiven Ergebnisbeitrag lieferten, machte der Konzern in Deutschland wie schon 2022 Verlust - vor Zinsen, Steuern und Sondereinflüssen lag er 2023 bei rund 600 Millionen Euro.

Erste Zahlen zum Geschäftsjahr 2023 hatte der Konzern mit weltweit rund 112 000 Beschäftigten im Januar vorgelegt. Der Umsatz sank um gut ein Fünftel auf 68,9 Milliarden Euro und blieb unter der Prognose von 73 bis 76 Milliarden Euro. Die stammt von Mitte Juli 2023 und schon damals hatte BASF seine ursprüngliche Prognose von 84 bis 87 Milliarden Euro korrigiert. Das operative Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Sondereinflüssen brach um 44,7 Prozent auf 3,8 Milliarden Euro ein. Nach Steuern machte der Konzern 379 Millionen Euro Gewinn, 2022 stand da ein Verlust von 391 Millionen Euro. Die freien liquiden Mittel (Free Cash Flow) gingen 2023 zwar um 18,5 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro zurück. Daraus könne, so Brudermüller, die für das Jahr 2023 geplante Dividende von 3,40 Euro je Aktie weitgehend gedeckt werden, das entspricht einer Ausschüttung von insgesamt drei Milliarden Euro.

Die niedrige weltweite Nachfrage werde nicht von Dauer sein, sagt Brudermüller. Mit einer schnellen Erholung rechnet er allerdings auch nicht. Im Dezember hatte BASF angekündigt, den Konzern von 2024 anhand neuer Kennziffern zu steuern. In der Folge gibt der Konzern künftig keine Umsatzprognose mehr ab. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Sondereinflüssen soll 2024 zwischen acht und 8,6 Milliarden Euro liegen. 2023 war es um fast 29 Prozent auf 7,7 Milliarden Euro eingebrochen. Die freien liquiden Mittel prognostiziert BASF für 2024 auf 0,1 bis 0,6 Milliarden Euro.

Auf Nachfolger Markus Kamieth kommen einige heikle Aufgaben zu. Dazu gehört auch die Trennung von Wintershall Dea, die bereits eingeleitet ist. Wesentliche Teile des Öl- und Gasgeschäfts außerhalb Russlands sollen mit dem britischen Konzern Harbour zusammengehen. Im Gegenzug erhalte BASF eine Barzahlung von 1,56 Milliarden Dollar und eine Beteiligung an der erweiterten Harbour von 39,6 Prozent, erläuterte Finanzvorstand Dirk Elvermann. Kritiker, darunter auch Politiker, sorgen sich Medienberichten zufolge um die Versorgungssicherheit in Deutschland. Die suchte Elvermann zu zerstreuen. Die deutsche Öl- und Gasproduktion von Wintershall Dea decke rund ein Prozent des inländischen Öl- und Gasverbrauchs. Für die Sicherung der deutschen Energieversorgung sei es also nicht entscheidend, ob die derzeit von Wintershall Dea geführten E&P-Aktivitäten zukünftig von einem deutschen oder einem britischen Unternehmen betrieben würden. BASF strebe den Vollzug im vierten Quartal 2024 an.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusAutoindustrie
:Hohe Gewinne, weniger Jobs: Bei Mercedes ist die Wut groß

Die Geschäfte beim Autobauer aus Stuttgart laufen prächtig, und doch plant der Konzern, 8000 Mitarbeiter und seine Autohäuser loszuwerden. Besuch bei Menschen, die gerade sauer auf die Chefs in Stuttgart sind.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: