HUK-CoburgDie Autoversicherung wird teurer

Lesezeit: 3 Min.

Unwetterschäden haben zugenommen.
Unwetterschäden haben zugenommen. Jason Tschepljakow/dpa

Der größte Autoversicherer macht in seiner Kernsparte mehr als eine halbe Milliarde Euro Verlust. Für die Versicherten sind das schlechte Nachrichten.

Von Christian Bellmann und Herbert Fromme, München

Mehr als eine halbe Milliarde Verlust. Ein Defizit von genau 547 Millionen Euro verbucht Deutschlands größter Autoversicherer HUK-Coburg 2023 in seinem Kerngeschäft.

"Wir haben die Schadenentwicklung falsch eingeschätzt", räumt Vorstandschef Klaus-Jürgen Heitmann ein. Ende 2022 hatte der Konzern die Preise für das vergangene Jahr zwar um durchschnittlich fünf Prozent angehoben. "Das war aber allein durch die gestiegene Zahl der Schäden schon wieder weg, die ebenfalls um fünf Prozent zunahmen."

Der eigentliche Hammer aus Sicht der Versicherer ist aber die Preisentwicklung für Unfallschäden. "Die Inflation hat dafür gesorgt, dass der Aufwand pro Schaden um zehn Prozent gestiegen ist", berichtet Heitmann.

Hagelkörnern so groß wie Tennisbälle

Bei langzeitverletzten Unfallopfern werden Pflege und Betreuung teurer. Bei der Reparatur schlagen die stark gestiegenen Werkstattkosten und die ebenfalls stark gestiegenen Ersatzteilpreise zu Buche.

Hinzu kommen Unwetterschäden, vor allem mehr und heftigere Hagelschläge. "Wir sprechen hier von Hagelkorngrößen von teilweise sechs bis acht Zentimetern und nicht mehr wie früher von zwei bis vier Zentimetern", erklärt Heitmann. "Wenn wir früher von großen Hagelkörnern sprachen, meinten wir die Größe eines Golfballs, heute sprechen wir von Tennisbällen."

Die Schadenabteilung des Versicherers war damit 2023 völlig überfordert. Es dauerte Stunden, bis jemand ans Telefon ging, und Monate, bis Schäden reguliert wurden. Offenbar hatte der Versicherer es versäumt, das Personal in diesem Bereich rechtzeitig aufzustocken.

"Wir sind davon ausgegangen, dass wir 2023 in eine Seitwärtsbewegung der Schadenhäufigkeit eintreten", sagt Heitmann dazu. Mit einer Rückkehr zu den Zahlen vor der Pandemie hatte die HUK erst langfristig gerechnet. "Das Gegenteil ist eingetreten." Die Kunden fahren wieder deutlich mehr Auto als erwartet - mit entsprechend vielen Unfällen.

Die Probleme im Schadenservice seien inzwischen gelöst, sagt Vorstandsmitglied Jörg Rheinländer. "Wir haben den Service wieder im Griff." Das Unternehmen habe hart an Verbesserungen gearbeitet. Heute warteten die Kunden am Telefon im Schnitt weniger als eine Minute. "Wir haben keine Rückstände mehr bei den Dokumenten."

Doch die verlorene halbe Milliarde in der Autoversicherung schmerzt. In die Pleite treibt auch ein solcher Megaverlust die HUK-Coburg nicht. Der Versicherer konnte Reserven aus besseren Vorjahren auflösen und deutlich höhere Kapitalerträge verbuchen.

Denn die HUK-Coburg hat viele Aktien, und die liefen 2023 super. Unter dem Strich stand ein Umsatz von neun Milliarden Euro, ein plus von sechs Prozent, und ein Gewinn nach Steuern von 300 Millionen Euro, eine glatte Verdoppelung.

Doch darauf kann sich der Versicherer nicht jedes Jahr verlassen. Klar ist schon jetzt: Auch für 2025 und möglicherweise 2026 muss die HUK-Coburg wie die gesamte Branche mit einem Defizit in der Kfz-Versicherung rechnen.

Der Marktführer steuert bereits kräftig gegen. Ende 2023 hat er die Preise für 2024 um real zehn Prozent erhöht. Dabei bleibt es nicht. Rheinländer: "Wir gehen davon aus, dass wir durchaus nochmal Beitragspreisanpassungsrunden wie dieses Jahr auch im nächsten Jahr, eventuell auch im übernächsten Jahr sehen werden."

Doch das hat Folgen, denn viele Kunden achten sehr auf den Preis und wechseln auch mal den Anbieter. So musste sich der wachstumsverwöhnte Konzern 2023 mit einem mageren Netto-Zuwachs von weniger als 200 000 Fahrzeugen im Bestand begnügen, so wenig wie seit Jahren nicht. Insgesamt waren Ende 2023 13,9 Millionen Autofahrerinnen und Autofahrer bei der HUK-Coburg versichert. Die Allianz hat weniger als zehn Millionen im Bestand.

Der Versicherer baut Nebengeschäfte auf

Besonders stark legte die Tochter HUK24 zu, bei der Kunden nur digital abschließen können. 3,1 Millionen Autos waren am Jahresende hier versichert, 2022 waren es 2,9 Millionen.

Neben dem Versicherungsgeschäft baut die HUK-Coburg Nebengeschäfte auf, die alle mit Mobilität zu tun haben. Das Unternehmen verkauft Autos und Auto-Abos, und es vermittelt den Kunden Termine in seinen Vertragswerkstätten für Arbeiten, die nichts mit der Versicherung zu tun haben, also ganz normale Reparaturen und Wartungen.

Denn Heitmann macht sich Sorgen. "Wir sehen eine zentrale Herausforderung für unser Haus und für unser Geschäftsmodell", sagt er. Derzeit ist die HUK-Coburg fast ausschließlich im Individualverkehr tätig. Sie versichert keine Lkw, keine Busse, keine Mietwagenflotten.

Doch der Individualverkehr verändere sich, etwa durch die wachsende Bedeutung von Carsharing. Auch der "politische Umgang mit individueller Mobilität in Städten" spielt eine große Rolle. "Die großen Städte arbeiten ganz klar daran, den öffentlichen Nahverkehr auszubauen und damit die Individualmobilität zu ersetzen", meint er. Wenn aber weniger Menschen Auto fahren, brauchen sie auch weniger Versicherungen.

Hinzu kommen Fortschritte beim autonomen Fahren, erwartet Heitmann. Sie dürften dafür sorgen, dass die Schadenhäufigkeit sinkt. Weniger Schäden, weniger Versicherungsbedarf - eine einfache Rechnung.

Für diese Veränderungen sieht Heitmann sein Unternehmen besonders gut gerüstet, weil es so viele Kunden hat. "Wir haben eine relativ gute Ausgangsposition für erweiterte Serviceangebote im Umfeld der privaten Mobilität", erklärt er. Die Fortschritte in diesem Bereich könnten aber schneller sein, räumt er ein. "Es ist Teil unserer Strategie, uns zu verbreitern, weil wir davon ausgehen, dass sich unser Kerngeschäft massiv verändern wird", so Heitmann. "Vielleicht nicht in den nächsten zwei bis drei Jahren, aber in den nächsten zehn bis 20 Jahren."

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