Volkswagen:Mann gegen Mann, Ego gegen Ego

Piech und Winterkorn

VW-Konzernchef Martin Winterkorn (li.) und Aufsichtsratsvorsitzender Ferdinand Piëch in Wolfsburg (Archivbild).

(Foto: dpa)

Das eigentliche Problem bei Volkswagen ist nicht das schlechte US-Geschäft oder die Schwäche der Stammmarke. Es sind die archaischen Führungsstrukturen - in einem Klima der Angst lässt sich nur schwer an der Zukunft arbeiten.

Von Thomas Fromm

Elon Musk, 43, und Ferdinand Piëch, 78, sind völlig unterschiedliche Menschen, und doch haben sie viel gemeinsam. Beide wollen die besten Autos der Welt bauen, der eine in Kalifornien, der andere in 118 Fabriken rund um den Globus. Beide lieben Technik, der eine den Elektromotor, der andere den Verbrennungsmotor. Beide sind sehr reich und beide haben, um es vorsichtig zu sagen, ein ziemlich starkes Ego.

Wer aber von ihnen wird den Autokonzern der Zukunft führen? Wer verkörpert jene Firmenkultur, die es braucht, um im digitalen Zeitalter zu bestehen? Der Machtkampf bei Volkswagen, dieses Drama in Wolfsburg und Salzburg, wirft auch diese Frage auf. Und offenbart, dass VW in seiner jetzigen Verfassung auf den radikalen Umbruch in der Autoindustrie nicht wirklich vorbereitet ist.

Piëch und Musk stehen für sehr unterschiedliche Kulturen. Musks Firma Tesla, der kalifornische Hersteller von Elektroautos, ist ein recht neues, dynamisches Unternehmen mit einer klaren und aggressiven Mission: Es will den Automarkt aufmischen. VW unter seinem Aufsichtsratschef Piëch ist ein von Familien dominiertes Traditionsunternehmen, bei dem man sich über neue Wettbewerber wie Tesla oder Google schon mal lustig macht. Der Konzern aus Wolfsburg ist jahrelang gewachsen, aber eine klare Mission außer der schieren Größe hat er nicht mehr. Stattdessen hat VW Männer an der Spitze, die erbittert um ihre Macht kämpfen. Es ist ein Kulturunterschied, der VW zum Verhängnis werden könnte.

Es droht eine zerstörerische Phase der Lähmung

Elon Musk diskutiert gerne, nicht nur mit seinen Mitarbeitern. Vor einiger Zeit stand er in einem Münchner Tesla-Laden und sprach zwei Stunden lang mit seinen Kunden. Was können wir besser machen? Wo hakt es? Was braucht ihr von uns? VW-Aufsichtsratschef Piëch dagegen diskutiert nicht viel. Warum auch, er ist Patriarch und Eigentümer und verordnet per Dekret. Im Herbst 2013 drohte Piëch, nachdem Berichte über seinen angeblichen Gesundheitszustand lanciert wurden: "Guillotinieren werde ich erst, wenn ich sicher bin, wer es war."

Zwei Kulturen, zwei Philosophien, zwei Systeme. Hier der geschlossene Konzern, der mit seinen Hierarchien beschäftigt ist. Da die offenen Systeme neuer Spieler wie Tesla, die keine Zeit mit den Machtkämpfen der Alten verlieren.

Man kann viel über die Baustellen bei VW diskutieren: über das schlechte USA-Geschäft, die Schwächen der Stammmarke VW, die Probleme beim Elektroauto. Die größte Baustelle aber ist die eigene Konzernkultur. Nur wenn es VW gelingt, diese Baustelle aufzuräumen und eine Art kulturellen Neustart hinzulegen, wird der Konzern alle anderen Probleme in den Griff bekommen. Gelingt es nicht, die jetzige Kultur der Macht durch einen neuen, offenen Stil zu ersetzen, droht eine zerstörerische Phase der Lähmung, in der VW hinter seine Rivalen zurückfallen wird - weil die schneller und agiler sind.

Piëch - der Name, den man besser nicht in den Mund nimmt

Etwas fiel jedenfalls auf in dieser langen Woche der Gefechte zwischen VW-Chef Martin Winterkorn und Piëch: Es war der Kampf zwischen zwei alten Managern. 67 Jahre alt der eine, 78 Jahre alt der andere. Ein Konflikt, bei dem es irgendwann nicht mehr um Argumente ging und erst recht nicht um andere Menschen in diesem Konzern, der immerhin 600 000 Mitarbeiter weltweit hat. Es war, wenn man so will, eine Art archaisches Ritual: Mann gegen Mann. Ego gegen Ego.

Mit einem einzigen Satz ("Ich bin auf Distanz zu Winterkorn") wollte Piëch seinen Angestellten Winterkorn aus dem Job fegen. Eine Woche später sind nun alle beschädigt: Piëch, Winterkorn, der ganze Konzern. VW-Ingenieure, die mit der Entwicklung neuer Motoren und neuer Autos beschäftigt sind, haben den Atem angehalten und fassungslos auf ihr Spitzenpersonal geblickt. Und sich wohl gefragt: Das also ist der Konzern, für den wir arbeiten? An den wir glauben?

Insofern kann man den vergangenen Tagen auch etwas Gutes abgewinnen. Sie legten offen, nach welchen Regeln dieser Koloss mit seinen 200 Milliarden Euro Umsatz regiert wird: autokratisch und auf manchmal befremdliche Weise irrational. Es gibt Menschen bei VW, die sagen, es bringe Unglück, den Namen Piëch offen auszusprechen. Sie reden dann "vom Alten" oder von der "Macht aus Salzburg". Piëch - der Name, den man besser nicht in den Mund nimmt. Das sagt viel über diese Angstkultur in Deutschlands größtem Industriekonzern.

In diesem Klima der Angst lässt sich nur schwer an der Zukunft arbeiten. VW, dieser Zwölf-Marken-Gigant mit Töchtern wie Audi, Porsche und MAN, braucht eine neue Führungskultur. Eine Innovation aus Wolfsburg, die vielleicht schwerer zu bauen ist als Elektroautos von Tesla.

© SZ vom 20.04.2015/ratz
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB