Arbeitswelt "Das Smartphone ist eine reine Zeitklau-Maschine"

Das Smartphone bestimmt das Leben vieler Menschen. Immer mehr Unternehmen wollen das ändern.

(Foto: dpa)
  • Das Smartphone ist immer dabei, es lenkt ab, die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen. Birkenstock-Chef Oliver Reichert hat darauf keine Lust mehr.
  • Der Manager schafft sein Smartphone ab. Er will sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren können.
  • Auch andere Unternehmen schränken die Smartphone-Nutzung ihrer Mitarbeiter ein.
Von Michael Kläsgen und Christoph Gurk

Oliver Reichert ist viel unterwegs als Chef von Birkenstock. Die Gesundheitsschuhe aus dem Westerwald sind längst zur Weltmarke geworden. Birkenstocks gibt es überall in Europa, aber auch in Tokio, Schanghai oder Rio. Und das Geschäft boomt. Deswegen ist Reichert viel unterwegs, mal in Australien, dann in den USA und danach in Brasilien. Er verbringt also viel Zeit im Flugzeug oder auf Flughäfen.

Man müsste deshalb meinen, die Erfindung des Smartphones ist für jemanden wie Reichert ein Geschenk: ein global einsetzbares Gerät für einen global agierenden Manager. Aber das Gegenteil ist der Fall, Reichert hat die Nase voll: "Ich habe vor, wieder ein normales Telefon zu benutzen." Ohne mobiles Internet, ohne Schnickschnack, der nur ablenkt. Und mit dieser Meinung ist der Birkenstock-Chef längst nicht mehr allein.

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Zwar werden auch dieses Jahr wieder weltweit mehr als eine Milliarde Smartphones verkauft werden, gleichzeitig aber wächst das Unbehagen bei den Kunden: Das Handy, das ja eigentlich der praktische Helfer in allen Lebenslagen sein sollte, wird zunehmend als Störer und Aufmerksamkeitsfresser empfunden.

Und das ist kein Zufall, glaubt man dem Center for Humane Technology. Die Mitglieder der Organisation haben bei Konzernen wie Apple, Facebook und Google gearbeitet - und werfen ihren alten Arbeitgebern nun vor, die Nutzer ganz bewusst abhängig zu machen: mit Nachrichtenfeeds, die kein Ende haben; mit Like-Buttons und Herzchen, die Usern das schöne Gefühl von Bestätigung geben; mit Push-Benachrichtigungen; mit speziell programmierten Algorithmen, die Nutzer möglichst lang fesseln sollen. Apple, Facebook und Google, sagen die Gründer des Center for Humane Technology, bedienten sich also letztlich der gleichen Mechanismen wie Spielautomaten - mit dem Unterschied, dass das Smartphone eben jederzeit in der Hosentasche steckt.

"Das Smartphone ist eine reine Zeitklau-Maschine", sagt Birkenstock-Chef Reichert. "Man will einmal kurz darauf schauen, um etwas zu checken, und bleibt dann stundenlang daran hängen und wird mit Dingen konfrontiert, die man gar nicht wissen wollte." Und er sagt das mit dem Smartphone-Verzicht nicht nur so. Er zieht das auch durch. Nicht, weil er sich drücken oder Arbeit vom Hals halten wollte. Sondern weil er sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren möchte.

Tech-Unternehmen führen neue Funktionen ein

Tatsächlich reagieren erste Firmen auf die Kritik: Die Fotoplattform Instagram beispielsweise testet eine Funktion, die Nutzer darauf hinweist, wenn sie alle neuen Bilder ihrer Abonnements gesehen haben. Google baut in sein Android-Betriebssystem künftig Anwendungen ein, mit denen man die Zeit begrenzen kann, die man in bestimmten Apps verbringt. Auch Apple bietet eine entsprechende Funktion im neuen Betriebssystem iOS 12 an.

Letztendlich dürfte dies alles aber dennoch kaum mehr als Krisen-PR sein. Schließlich verdienen die Tech-Firmen auch weiterhin Geld mit Werbung. Und je mehr Aufmerksamkeit die Nutzer ihren Produkten schenken und je länger sie bei ihnen verweilen, desto größer ist am Ende der Gewinn für die Firmen.

Wer dem entrinnen will, der muss also selbst handeln, mit eigenen Maßnahmen gegen die Handy-Sucht, oder aber, indem man das Smartphone ganz verbannt, so wie Oliver Reichert. Er sagt: "Smartphones bedeuten einen echten Verlust an Lebensqualität." Schließlich ist Reichert - Vollbart, dichtes Haar, dazu leger gekleidet mit offenem Hemd und löchriger Jeans - nicht nur Birkenstock-Chef, sondern auch ein Familienmensch und darauf bedacht, dass die Familie nicht zu kurz kommt. Da kann die "Zeitklaumaschine" schon stören. "Deswegen muss man sich davon trennen", sagt er.