Bundesanleihen:Es gibt wieder Zinsen

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Bundesanleihen: Am Dienstagmorgen notierten zehnjährige Bundesanleihen bei plus 0,025 Prozent, das erste Mal seit Mai 2019.

Am Dienstagmorgen notierten zehnjährige Bundesanleihen bei plus 0,025 Prozent, das erste Mal seit Mai 2019.

(Foto: Arne Dedert/dpa-tmn)

Erstmals seit fast drei Jahren werfen zehnjährige Bundesanleihen wieder Zinsen ab. Doch wann profitieren auch Sparer davon? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Von Harald Freiberger und Markus Zydra

Das hat es lange nicht gegeben: Erstmals seit fast drei Jahren sprang die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen am Mittwoch über null Prozent. Damit gibt es für Anleger wieder Geld für einen Kredit an den Staat. Von einer nachhaltigen Zinswende wollen Experten aber nicht sprechen. Es werde noch Jahre dauern, bis auch Sparer wieder spürbare Zinsen erhalten.

Wie stark sind die Zinsen für deutsche Staatsanleihen gestiegen?

Am Dienstagmorgen notierten zehnjährige Bundesanleihen bei plus 0,025 Prozent, das erste Mal seit Mai 2019. Damit geht eine lange Phase mit negativen Zinsen - in der Anleihewelt spricht man von "Renditen" - vorbei. Auf dem Tiefpunkt im März 2020 betrug das Minus sogar 0,84 Prozent. Bundesanleihen mit kürzeren Laufzeiten als zehn Jahre notieren aktuell aber weiter negativ. Das bedeutet: Anleger bekommen keinen Zins von der Bundesregierung, sondern zahlen drauf.

Warum sind die Zinsen gestiegen?

"Der Anstieg ist eine Reaktion des Marktes auf die hohe Inflation", sagt Elmar Völker, Anleihenexperte der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Dadurch rentieren sich Anleihen für Anleger weniger, sie verkaufen die Papiere. Der Kurs der Anleihen sinkt, das bedeutet, dass die Rendite automatisch nach einer mathematischen Formel steigt. Verstärkt wurde es dadurch, dass sich die Corona-Lage zuletzt scheinbar entspannt hat. Dadurch sind Anleihen als sicherer Hafen weniger gefragt. Der Trend kommt vor allem aus den USA, wo die erste Leitzinserhöhung kurz bevorsteht. Für Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, gesellt sich inzwischen noch ein weiterer Faktor hinzu, denn "die Märkte rechnen bereits im Herbst mit einer Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank (EZB)". Höhere Zinsen der Notenbank bedeuten höhere Renditen für Anleihen.

Steigen sie weiter?

Die Nulllinie hat eine gewisse psychologische Bedeutung. Das ist ähnlich wie mit markanten Tausenderschritten zum Beispiel beim Deutschen Aktienindex. Viele Investoren richten sich danach. Wird die Linie nachhaltig nach oben durchbrochen, gibt das zusätzlichen Schub. "Wir erwarten, dass die Zinsen weiter leicht steigen", sagt LBBW-Experte Völker. Ende des Jahres sieht er die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen bei plus 0,2 Prozent. Fünf- und zweijährige Bundesanleihen würden aber noch länger im negativen Bereich bleiben.

Ist das schon eine Zinswende?

Auch wenn der Trend nach oben geht, sprechen Experten noch nicht von einer Zinswende. Die EZB hat zuletzt zwar signalisiert, dass sie die hohen Inflationszahlen ernst nimmt, doch andererseits fährt sie ihre lockere Geldpolitik nur sehr langsam zurück, weil sie die Wirtschaft als noch zu schwach ansieht. "Es wird auf absehbare Zeit aber keine nachhaltige Zinswende hin zu früheren Zeiten mit Anleiherenditen von drei bis vier Prozent geben", sagt daher Elmar Völker von der LBBW.

Steigen jetzt auch die Zinsen für Erspartes?

Dass die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen wieder positiv ist, hat noch keine unmittelbaren Auswirkungen für andere Zinsen, zumal kürzere Laufzeiten nach wie vor negativ sind. Anleiherenditen sind der früheste Indikator. Damit Banken auch die Zinsen für Einlagen ihrer Kunden erhöhen, müsste die Notenbank erst die Leitzinsen erhöhen. Und erfahrungsgemäß geben Banken auch dies erst mit Verzögerung an die Kunden weiter. "Es wird also noch Jahre dauern, bis Sparer wieder spürbar höhere Zinsen für Tages- oder Festgeld erhalten", sagt Völker.

Muss der Bundesfinanzminister künftig wieder Zinsen für den Schuldendienst bezahlen?

Wenn sich der Trend fortsetzt, ja. Aber dadurch rutscht Deutschland noch lange nicht in eine prekäre Finanzlage. "Dass die Nulllinie jetzt überschritten wurde, hat für sich genommen keine große Bedeutung, insbesondere nicht für die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen", sagt der Steuerschätzer und Experte des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Jens Boysen-Hogrefe. Sollte sich der Trend aber manifestieren und die Renditen weiter zunehmen, dürfte die Defizitfinanzierung zunehmend problematisch werden. "Dies gilt dann nicht nur für den Bund, sondern für die öffentlichen Finanzen im gesamten Euro-Raum."

Was heißt das für die Stabilität der Finanzmärkte?

Bundesanleihen sind die Goldwährung an den Anleihemärkten. Die Renditen der Schuldscheine der anderen Euro-Staaten orientieren sich am Niveau der Bundesanleihen - und sie liegen höher. Man spricht hier vom Spread. In der Euro-Schuldenkrise 2012 stiegen dieses Spreads für Italien, Spanien und andere finanzschwächere Euro-Staaten sehr stark an - es drohte die Überschuldung. Die EZB unter Mario Draghi griff ein. Dieser Schutzschirm ist immer noch aufgespannt. "Die EZB betreibt durch ihr Kaufprogramm eine künstliche Verknappung von Staatsanleihen, sprich der Zins bleibt auf niedrigem Niveau", sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer. Auf die Stabilität der Finanzmärkte in Euro-Raum habe der Renditeanstieg der Bundesanleihen daher keinen größeren Einfluss. "Die Spreads zu Italien haben sich nur leicht erhöht - Italien kann sich immer noch günstig refinanzieren", sagt Krämer.

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