Angebot für Alstom:Siemens ändert seine Frankreich-Pläne

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Operations At Alstom SA's Power Station Turbine Plant As Takeover Battle Intensifies

Arbeiten in einer Turbinenfabrik von Alstom: Angebot von Siemens und Mitsubishi

(Foto: Bloomberg)

Tausche ICE gegen Energiegeschäft: Diese Idee ist vom Tisch, jetzt will Siemens nur noch das Gasturbinengeschäft der Franzosen übernehmen. Wie reagiert der große Rivale General Electric?

Von Christoph Giesen, Daniela Kuhr und Christian Wernicke, München/Paris

Erst hat der große Rivale General Electric (GE) vorgelegt, nun hat Siemens nachgezogen: In der Bieterschlacht um den angeschlagenen französischen Industriekonzern Alstom hat die deutsch-japanische Allianz um Siemens und Mitsubishi Heavy Industries (MHI) am Montagabend ein milliardenschweres Angebot abgegeben.

Es ist ein komplexes Angebot, das nun nach sieben Wochen vorliegt, mit den ersten Entwürfen hat es nicht mehr viel zu tun und Alstom bliebe als Unternehmen weitgehend erhalten. Das Gasturbinen-Geschäft der Franzosen will Siemens demnach komplett übernehmen und dafür 3,9 Milliarden Euro in bar zahlen. MHI wiederum will drei Gemeinschaftsunternehmen mit Alstom formen. Laut Angebot will sich MHI, zu 40 Prozent am Dampfturbinengeschäft und zu jeweils 20 Prozent am Stromleitungsbau und der Wasserkraft zu beteiligen. Dafür wollen die Japaner 3,1 Milliarden Euro zahlen. Zudem plant MHI sich mit bis zu zehn Prozent an Alstom zu beteiligen. Die Aktien sollen dem Telekommunikationskonzern Bouygues abgekaufen werden, der etwa 30 Prozent der Anteile hält.

"Das Angebot ist eine attraktive Konstellation, die es sich lohnt zu prüfen. Das wird der Verwaltungsrat von Alstom auch sicher im Sinne aller Aktionäre tun", erklärte Siemens-Chef Joe Kaeser. GE hatte Ende April 12,35 Milliarden Euro für die Energietechnik von Alstom geboten. Angefangen hatte der Abwehrkampf damals mit einem Brief: Darin hatte Kaeser dem Alstom- Verwaltungsrat ein Tauschgeschäft angeboten. Die Münchner wollten die Energiesparte von Alstom übernehmen und dafür den Franzosen ihre Zugsparte überlassen. Diese Option ist vom Tisch: Die Bahnsparte bleibt bei Siemens. Dass sich Siemens im letzten Moment gegen den Tausch entschieden hat, dürfte vor allem kartellrechtliche Gründe haben. Beide Schnellzuglieferanten sind in Europa marktbeherrschend. In Frankreich fährt ausschließlich der TGV von Alstom, in Deutschland rollt der ICE, der ein Siemens-Produkt ist. Zu groß war offenbar die Furcht des Siemens-Chefs, dass am Ende das gesamte Konstrukt durch das Eingreifen der Wettbewerbshüter in Europa hätte platzen können. Im zweiten Schritt, so heißt es im jetzigen Angebot, möchte Siemens eine Kooperation der beiden Zugsparten erreichen.

Also erst der eine Deal, dann der andere. Aber auch dann dürfte noch einiges zu klären sein. Im Mai 2011 hatte Siemens mit der Deutschen Bahn einen Rahmenvertrag über die Lieferung von bis zu 300 neuen ICx-Zügen geschlossen. Das Volumen des Vertrags wird auf etwa zehn Milliarden Euro geschätzt, womit es sich um die größte Bestellung handelt, die Siemens je an Land gezogen hat. Nach SZ-Informationen enthält dieser Vertrag jedoch eine Klausel, die eine Übertragung der Zugsparte erheblich erschwert. Demnach ist der Milliardenauftrag unmittelbar an die Zugsparte der Siemens AG gebunden. Verkauft Siemens sein Bahnfertigung, müsste der Konzern zunächst die Zustimmung seines Großkunden Deutsche Bahn einholen. Weder bei Siemens noch bei der Deutschen Bahn wollte sich am Montag jemand zu dieser Klausel äußern.

Aus Bahnindustriekreisen hieß es jedoch: Die Klauseln in den ICx-Verträgen seien keine unüberwindbaren Hürden. Die Deutsche Bahn sei zu jeder Zeit in die Gespräche zwischen Siemens und Alstom eingebunden gewesen. Noch bevor der Siemens-Chef das erste unverbindliche Angebot nach Paris kabelte, habe er Bahn-Chef Rüdiger Grube telefonisch informiert.

Doch bis es soweit ist und die Zugsparten der Deutschen und Franzosen dereinst kooperieren, muss der erste Teil des Deals unter Dach und Fach gebracht werden. Am Dienstagvormittag haben Kaeser und MHI-Chef Shunichi Miyanaga deshalb einen gemeinsam Termin im Élysée-Palast bei Frankreichs Präsident François Hollande und seinem Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg. Im Gepäck hat die deutsch-japanische Allianz zudem ein Versprechen: Tausend zusätzliche Arbeitsplätze sollen in Frankreich in den kommenden Jahren geschaffen werden. Mit demselben Vorschlag hatte Ende Mai GE-Chef Jeffrey Immelt seine Offerte aufgebessert. Am Dienstagabend dann der erste öffentliche Auftritt Kaesers in Frankreich; vor dem Industrieausschuss der Parlaments wird er sein Angebot vorstellen.

Am 23. Juni tagt wieder der Alstom-Verwaltungsrat, das ist der nächste heikle Moment. Von Anfang an hatte sich das Gremium hinter das GE-Angebot gestellt und den Aktionären die Offerte der Amerikaner empfohlen. Vor allem der Alstom-Chef Patrick Kron gilt als ein erbitterter Siemens-Gegner. Auf Seiten der Politik ist Stimmung deutlich milder. Zwar betonen die Minister und der Präsident immer wieder, "keine Präferenz" für einen bestimmten Bewerber zu haben, doch in Wahrheit favorisiert Paris eine europäische Lösung. Kein Wunder also, dass es schon am Wochenende Lob für Siemens und Mitsubishi gab. Als erster äußerte sich noch vor der offiziellen Bekanntgabe Finanzminister Michel Sapin. Den Einstieg der Japaner in den Übernahmekampf wertete er als Verbesserung des Siemens-Angebotes - und verknüpfte es auch gleich mit einer Botschaft an die Amerikaner:"Ich denke, GE wird sein Gebot ebenfalls verbessern".

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