Kommentar:Afrika braucht eigene Impfstoffe

Bernd Dörries

Illustration: Bernd Schifferdecker

Das Abkommen zwischen Biontech und der südafrikanischen Pharmafirma Biovac ist kein Grund zum Jubeln. Afrikanische Länder brauchen endlich Hilfe, um eine eigene Forschung und Herstellung aufzubauen.

Von Bernd Dörries

Vor einigen Tagen sah es so aus, als würde nun alles gut für Afrika. EU-Komissionspräsidentin Ursula von der Leyen verkündete "großartige Neuigkeiten" für den Kontinent. Sie stellte ein Abkommen zwischen dem deutschen Unternehmen Biontech und der südafrikanischen Pharmafirma Biovac vor: Beide wollen den Biontech-Impfstoff gemeinsam in Südafrika herstellen. Viele Medien jubelten, Politiker lobten das Abkommen als wichtigen Schritt zur globalen Impfgerechtigkeit. Schaut man genauer hin, handelt es sich bei der "Herstellung" letztlich nur um eine Abfüllung. Das ist technisch durchaus anspruchsvoll, aber letztlich bleibt fast alles beim Alten. Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa hatte wie viele andere Staatschefs der nicht so reichen Nationen eine Aufhebung des Patentschutzes auf die Corona-Impfstoffe verlangt, bekommen hat er eine Art gehobene Coca-Cola-Abfüllanlage.

Etwa 100 Millionen Dosen soll die Fabrik pro Jahr verpacken, eine beachtliche Menge. An der globalen Ungleichheit ändert es aber erst einmal wenig. Viele Impfstoffe gegen Corona wurden in afrikanischen Ländern getestet, davon abbekommen hat der Kontinent erst einmal fast gar nichts. Fast vier Milliarden Dosen wurden auf der Welt bereits verabreicht, nur etwa fünf Prozent davon in Afrika.

Eigentlich sollte die Covax-Impfinitiative die Ungleichheit verhindern, getragen von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), den Industrienationen und der Gates-Stiftung wollte man in den ärmsten Ländern 20 Prozent der Menschen impfen. Die Dosen dafür sollten aus Indien kommen, was auch den Vorteil gehabt hätte, dass die reichen Länder nichts von ihren Vorräten hätten abgeben müssen. Seit die indische Bevölkerung ihrer Regierung deutlich gemacht hat, dass man nicht den Rest der Welt beliefern kann, während zu Hause das Virus wütet und tötet, sind die Lieferungen fast zum Erliegen gekommen. Das Projekt ist gescheitert.

Was könnte die Alternative sein? Die Welthandelsorganisation (WTO) hat in diesen Tagen wieder debattiert, ob sie den Impfschutz für Patente aufheben soll, und konnte sich nicht einigen, im Herbst soll die Diskussion weitergehen. Die afrikanischen Staaten sollten selbst in der Lage sein, Impfstoffe herzustellen, sagte die aus Nigeria stammende WTO-Chefin Ngozi Okonjo-Iweala, bisher seien dazu aber nur eine Handvoll in der Lage. Biovac ist ein gutes Beispiel, warum das so ist: Die halbstaatliche Firma hat es in fast 20 Jahren nicht geschafft hat, mehr als einen Impfstoff herzustellen, und das ist auch schon länger her.

Es gibt so wenig Hersteller in Afrika, weil das Forschen und Entwickeln nicht sonderlich weit oben stand auf der Prioritätenliste vieler Regierungen. Warum auch? In so vielen Fällen gab es ja eine Entwicklungshilfeorganisation, die mit Hilfe westlicher Geldgeber Impfstoffe und andere Wohltaten verteilte. Medizin und Impfstoffe, die im globalen Norden hergestellt werden und dort zu schönen Dividenden führen. Allein Pfizer erwartet dieses Jahr 33,5 Milliarden Dollar Umsatz nur mit seinem Covid-19-Impfstoff. Es ist letztlich gar nicht so viel anders als zu Kolonialzeiten.

In den Sonntagsreden wollen daran alle etwas ändern, Afrika zur Selbsthilfe verhelfen und so weiter. In der Praxis aber bekommt ein Forscher in Nigeria keine Förderung für Tests, wenn er einen Impfstoff entwickelt hat. So geht es wahrscheinlich Hunderten Wissenschaftlern auf der ganzen Welt, die keinen großen Namen haben und nicht viel vorzuweisen. Aber irgendwo muss man einmal anfangen, will man an den Verhältnissen tatsächlich etwas ändern und vorbereitet sein für die nächste Pandemie. Aber will man das tatsächlich?

Viele europäische Staaten stemmen sich gegen die Aufhebung des Patentschutzes, würde ja eh nichts bringen, sagen sie unter anderem, da niemand auf der Welt so schnell in der Lage sei, den komplizierten Impfstoff herzustellen und alle Inhaltsstoffe zu bekommen. Ob dem so ist, wird man erst herausfinden, wenn man es probiert. Will man wirklich Impfgerechtigkeit auf der Welt, muss man beginnen, auch auf anderen Kontinenten in Forschung und Herstellung zu investieren. Das heißt auch, dazu bereit zu sein, Know-how und Profite zu teilen.

© SZ/slb
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