Abgasaffäre In den USA angeklagte Audi-Manager müssen kein Gefängnis fürchten

Zurückgekaufte Volkswagen- und Audi-Fahrzeuge in der Nähe von Victorville, Kalifornien.

(Foto: REUTERS)
  • Die US-Behörden gehen in der Abgasaffäre nun auch gegen einstige Audi-Manager vor.
  • Der prominenteste unter den Angeklagten ist Stefan Knirsch, ehedem Entwicklungsvorstand bei der Ingolstädter VW-Tochter.
  • Audi hatte sich von Knirsch wegen dessen mutmaßlicher Verwicklung in die Affäre getrennt, aber noch eine Millionen-Zahlung zugesagt.
Von Klaus Ott

Für Stefan Knirsch, ehedem Entwicklungsvorstand bei der Volkswagen-Tochter Audi, dürfte es heute ein eher ungemütliches Frühstück gewesen sein. Knirsch und drei weitere frühere Audi-Führungskräfte sind in den USA wegen der Abgasaffäre angeklagt worden. Ohne Vorwarnung, ohne vorherige Akteneinsicht, ohne vorherige Gelegenheit zur Stellungnahme, wie aus Kreisen von Verfahrensbeteiligten zu hören ist. Die Anklage kam, im wahrsten Sinne des Wortes, über Nacht.

Knirsch und seinen drei Ex-Kollegen wird Betrug und Verschwörung vorgeworfen. Sie hätten daran mitgewirkt, dass Audi durch gezielte Manipulation von Emissionstests gegen US-Umweltgesetze verstoßen und auch die Kunden getäuscht habe. Denen waren zahlreiche Dieselfahrzeuge als "Clean Diesel" verkauft worden. Gegen alle vier US-Angeklagten im Fall Audi wird auch in Deutschland ermittelt, bei der Staatsanwaltschaft München II, wegen Betrugsverdachts.

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Es ist nicht die erste US-Anklage gegen Ex-Manager aus dem VW-Konzern, und es wird vermutlich auch nicht die letzte sein. In Übersee sind bereits mehrere langjährige Volkswagen-Führungskräfte angeklagt, bis hin zum ehemaligen Konzernchef Martin Winterkorn. Ihnen allen, inklusive der vier Audi-Leute, drohen Haftstrafen - in der Theorie. In der Praxis sieht das anders aus.

Solange die in den USA angeklagten Ex-Manager Deutschland nicht verlassen, kommen sie auch nicht ins Gefängnis. Zumindest nicht in den Vereinigten Staaten. Deutschland liefert eigene Staatsbürger grundsätzlich nicht in Länder außerhalb der Europäischen Union aus. Zudem wird auch hierzulande gegen sämtliche US-Angeklagten von VW ermittelt, und zwar bei der Staatsanwaltschaften Braunschweig. Ob die deutschen Verfahren zu Gefängnisstrafen, Freisprüchen oder anderen Ergebnissen führen, bleibt abzuwarten.

Allen deutschen US-Angeklagten in der Abgasaffäre ist der frühere VW-Manager Oliver Schmidt ein warnendes Beispiel. Schmidt war Anfang 2017 in die USA geflogen, dort dann verhaftet und später zu sieben Jahren Gefängnis plus 400 000 Dollar Geldstrafe verurteilt worden. "Wer jetzt noch ins Ausland fährt, ist selber schuld", heißt es aus dem Kreise der Anwälte, die VW-Mandanten haben.

Schon ein Abstecher nach Österreich wäre riskant, da die Vereinigten Staaten die Angeklagten in der Regel international zur Fahndung ausschreiben. Nur ein Szenario: Verkehrskontrolle, Festnahme, Auslieferung. Also bleiben alle VW- und Audi-Beschäftigten, die in den USA Ärger wegen der Abgasaffäre haben, lieber hier. Deutschland ist ja auch schön.

Finanziell muss sich Knirsch offenbar keine Sorgen machen

Hierzulande wird der frühere Audi-Entwicklungschef Knirsch zumindest nicht so schnell vor Gericht kommen. Die Staatsanwaltschaft München II arbeitet an einer Anklage gegen Ex-Vorstandschef Rupert Stadler, gegen den früheren Audi-, Porsche- und VW-Manager Wolfgang Hatz und gegen zwei weitere Beschuldigte. Knirsch, der sich zu den Vorwürfen gegen ihn öffentlich nicht äußert, ist nicht darunter. Hatz und Stadler bestreiten, in den mutmaßlichen Betrug von Kunden verwickelt zu sein.

Die US-Vorwürfe gegen Knirsch & Co. decken sich im Wesentlichen mit den Erkenntnissen der Münchner Ermittler oder beruhen sogar darauf. Die vier Audi-Angeklagten sollen von den manipulierten Abgasmessungen und dem überhöhten Schadstoffausstoß gewusst, daran mitgewirkt oder dieses Treiben gedeckt haben.

Knirsch habe 2013 als leitender Audi-Mitarbeiter von den Manipulationen erfahren und angeordnet, dass die bereits ausgelieferten Dieselfahrzeuge nicht zurückgerufen und in Ordnung gebracht werden sollten, lautet der Vorwurf der Münchner Ermittler. Er sei auch mitverantwortlich dafür, dass weitere Zulassungen für manipulierte Fahrzeuge beantragt worden seien; ohne offenzulegen, dass die Abgasreinigung mittels einer speziellen Software (Defeat Device) die meiste Zeit abgeschaltet werde. Ob sich dieser Vorwurf bewahrheitet, bleibt abzuwarten.

Finanziell muss sich der Motorenexperte Knirsch, der Anfang 2016 in den Audi-Vorstand aufgerückt war, vorerst offenbar keine Sorgen machen. Audi trennte sich zwar bereits im September 2016 von ihm, wegen mutmaßlicher Verwicklung in die Abgasaffäre. Reich entlohnt worden ist der Kurzzeit-Vorstand trotzdem. Er erhielt zwei Millionen Euro Gehalt und Boni. Außerdem sagte ihm Audi "im Zusammenhang mit dem vorzeitigen Ausscheiden aus dem Vorstand" noch eine Vergütung in Höhe von 3,8 Millionen Euro zu. So steht es in dem im März 2017 veröffentlichen Geschäftsbericht für 2016. Daran soll sich, der Unschuldsvermutung wegen, bis heute nichts geändert haben.

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