Faire Mode "Wir brauchen eine große Transformation unserer Lebensstile"

Safia Minney, 54, arbeitete früher in der Werbebranche. Die Britin mit schweizerischen und mauritischen Wurzeln ist heute eine Galionsfigur der Fair-Trade-Bewegung.

(Foto: Nakamura Akio/Bearbeitung SZ.de)

Safia Minney, die Gründerin des Fair-Fashion-Labels People Tree, über den ungleichen Wettbewerb gegen die Riesen der Modebranche.

Protokoll von Anna Dreher

"Gerechtigkeit ist für mich ein Grundrecht, ein elementares Menschenrecht. Mich begleitet dieses Thema schon mein ganzes Leben. Mein Vater starb, als ich sieben Jahre alt war. Meine Mutter hat sich fortan um mich und meine zwei Geschwister allein gekümmert und als Sozialarbeiterin gearbeitet.

Als ich acht war, half sie Flüchtlingen aus Uganda dabei, in England anzukommen. Ich saß manchmal zum Tee bei ihnen auf dem Sofa, das wir ihnen zuvor besorgt hatten, und habe ihren Geschichten zugehört. Für mich war das ein Schock: Dass eine Familie ein schönes Zuhause haben konnte, und auf einmal ist alles weg. Das hat mich früh darüber nachdenken lassen, was eigentlich fair und was gerecht ist.

Aus der Serie "Meine Karriere"

In "Meine Karriere" stellt die PLAN W-Redaktion regelmäßig Frauen und ihren Berufsweg vor. Ob Gründerin, Managerin oder Abenteurerin: Viele Frauen nehmen Hürden, setzen sich neue Ziele und wagen den Neubeginn - und wir berichten davon. Sie wollen selbst eine Frau vorschlagen? Dann schreiben Sie uns gerne an planw@sueddeutsche.de

Als ich Anfang der Neunziger mit meinem Mann nach Japan gezogen bin, habe ich angefangen, bei Amnesty International zu arbeiten. Für mich ging es darum, dass Menschenrechte und Ökologie zusammengehören und wie wir unser Handeln im besten Sinne einsetzen können. In Japan war es nicht leicht, nachhaltig zu leben. Und so fing ich an, selbst Fair-Trade-Produkte zu designen und zu verkaufen.

Zunächst organisiert in einer kleinen Gruppe, dann wurde im Jahr 2000 daraus meine Firma People Tree. Wir wollen mit unserer nachhaltig produzierten und fair gehandelten Mode die Lebensumstände von Handwerkern und Bauern in Entwicklungsländern verbessern. Inzwischen verkaufen mehr als 800 Läden unsere Kleidung. Seit 2017 bin ich außerdem Geschäftsführerin von Po-Zu, einer nachhaltig produzierenden Schuhmarke.

Das System ist außer Kontrolle

Es ist hart, mit unserem Bestreben gegen etablierte Marken anzutreten. Aber unsere Hoffnung ist, dass irgendwann auch die großen Unternehmen anfangen, wirklich umzudenken. Das Problem ist, dass sie noch nicht konsequent genug für ihr Handeln verantwortlich gemacht werden und es keine Transparenz gibt. Dass Profit auf Kosten von Menschenrechten und der Umwelt geht, wird oft nicht berücksichtigt. Große Firmen haben viel Macht, und Regierungen müssten strenger bei der Einhaltung von Regularien sein.

Die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen bieten einen guten Rahmen für das Streben nach Gerechtigkeit. Aber wir müssen auch weiter dafür kämpfen. Wir brauchen eine große Transformation unserer Lebensstile und eine Revolution in den Finanzsystemen. Ich weiß, dass damit argumentiert wird, der Kapitalismus sei ein Weg aus der Armut. Aber es gibt so viele Menschen, die in moderner Sklaverei gefangen sind und die durch den Kapitalismus in Armut gehalten werden. Das System ist außer Kontrolle.

Zu sehen, dass die jüngere Generation ein viel größeres Bewusstsein für die Konsequenzen ihres Handelns hat, motiviert mich. Denn es ist wichtig, die eigene Stimme hörbar zu ­machen."

Korrektur: In einer früheren Version der Bildunterschrift haben wir fälschlicherweise berichtet, dass Safia Minney neben schweizerischen auch mauretanische Wurzeln habe. Korrekt ist, dass sie väterlicherseits mauritische Wurzeln hat, da ihr Vater von der Insel Mauritius stammt - und nicht aus Mauretanien.