Haben und Sein:Schöner recyceln

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Haben und Sein: Blockweise: Sabine Marcelis, die niederländische Gestalterin mit Vorliebe für Marmor, ist in London zu Gast.

Blockweise: Sabine Marcelis, die niederländische Gestalterin mit Vorliebe für Marmor, ist in London zu Gast.

(Foto: londondesignfestival.com)

Miu Miu lässt Bikerjacken upcyceln, die Blasmusik-Band La Brass Banda komponiert ein Bier, und auf dem London Design Festival stellt sich die kreative Szene der Stadt vor. Die Stilnews der Woche

Von Anne Goebel, Kathrin Hollmer, Max Scharnigg und Silke Wichert

Abschiedsstimmung an der Themse: Hunderttausende wollen Elizabeth II. am Sarg die letzte Ehre erweisen, die Schlange ist kilometerlang. Wer sich auf den Weg in die britische Hauptstadt macht zu einer Queen-Gedächtnistour, hat sogar doppelten Grund zur Reise. Kommende Woche präsentiert das London Design Festival Ausstellungen, Installationen und Events, mit denen sich die kreative Szene der Stadt vorstellt. Das Programm ist wieder schier unübersehbar vielfältig, wer sich nicht einfach treiben lassen will durch eines der "Design districts", ob in Mayfair oder an der Pimlico Road, sollte den Besuch sorgfältig planen. 2019 kamen 600 000 Gäste aus 75 Ländern, zur zwanzigsten Ausgabe in diesem Jahr soll von der riesigen Designparty auch eine Botschaft an die Politik ausgehen: Pandemie und Brexit hätten der Branche einen "katastrophalen Rückschritt" beschert, es gehe nun darum, Londons "kreative und künstlerische Führungsrolle" nicht aufs Spiel zu setzen, heißt es in einer Mitteilung. Zu den Höhepunkten gehört die begehbare Installation "Into Sight", die mit wechselnden Licht-, Farb- und Klangeffekten eine multisensorische Erfahrung verspricht, und eine Arbeit der allseits gefeierten Niederländerin Sabine Marcelis, die zu einem neuen Blick auf die brutalistische Architektur Londons einladen will (londondesignfestival.com).

Haben und Sein: Breite Schultern, weicher Kragen: eine Motorradjacke aus der Upcycling-Kollektion von Miu Miu.

Breite Schultern, weicher Kragen: eine Motorradjacke aus der Upcycling-Kollektion von Miu Miu.

(Foto: Hersteller)

Wiederverwertung in der Luxusvariante, so was kann sich jemand wie Miuccia Prada natürlich leisten. Man durchsuche den weltweiten Vintagemarkt nach genau 50 besonders coolen Lederjacken, lasse sie im Atelier per Hand ein bisschen adretter machen mit Fell und Glitzer, dazu das Logo - fertig ist die Upcycling-Kollektion von Miu Miu. Nach einer ersten Linie mit gebrauchten Kleidern aus den 1930er- bis 1980er-Jahren, die im Stil der italienischen Marke umgestaltet wurden, und einer Kooperation mit Levis soll es jetzt bei den umgekrempelten Bikerjacken auch um einen Imagewandel der klassischen Motorradkluft gehen. Die verzierten Second-Hand-Teile wurden für die Kampagne zwar mit Models auf chromblitzenden Maschinen fotografiert - sehen mit ihrer Perlenstickerei und den Kragen aus weichem Pelz aber alles andere als maskulin aus (miumiu.com).

Haben und Sein: Bunt und bayerisch: "Love Beer", entworfen von La Brass Banda.

Bunt und bayerisch: "Love Beer", entworfen von La Brass Banda.

(Foto: Hersteller)

Seit 15 Jahren gibt es die Band La Brass Banda, rund um Cheftrompeter Stefan Dettl. Ziemlich genauso lange gehören sie für viele Bayern zur Lieblingsmusik, vor allem ihre mitreißenden Konzerte sind mit einer Mischung aus Heimatliebe und Weltläufigkeit auf hohem Niveau unterhaltsam. Den eigenwilligen Stil soll man jetzt aber nicht nur hören, sondern auch trinken können, jedenfalls hat die Barfuß-Band zusammen mit der Weißbierbrauerei Schneider ein eigenes Bier auf den Markt gebracht: Das "Love Beer" sieht in seiner bunten Flasche nicht nur hippiesk aus, auch seine Aromen lesen sich fröhlich-wild: Noten von Stachelbeere und weißer Holunderblüte soll das Weißbier transportieren, möglich gemacht durch das Zusammenspiel des Aromahopfens "Nelson Sauvin" mit der heimischen Sorte "Herkules". Erhältlich ist das Band-Bier in ausgewählten Getränkeläden und Gastronomien, nachzulesen auf dieser Love-Beer-Map.

Haben und Sein: Die Fotografin Elfie Semotan erzählt in "Die Kamera" von den Modellen, die sie in ihrem Leben begleitet haben.

Die Fotografin Elfie Semotan erzählt in "Die Kamera" von den Modellen, die sie in ihrem Leben begleitet haben.

(Foto: Residenz Verlag)

"Eine andere Art von Schönheit" heißt die Autobiografie der großen Fotografin Elfie Semotan. Die Österreicherin wurde in den 90er-Jahren mit ihren Aufnahmen für Magazine wie i-D und Interview bekannt, fotografierte die Kampagnen ihres besten Freundes Helmut Lang, war mit den Künstlern Kurt Kocherscheidt und Martin Kippenberger verheiratet. Im nun erscheinenden Buch "Die Kamera" bekommt man noch einmal einen ganz besonderen Einblick in ihr Leben: durch die jeweiligen Kameraobjektive, mit denen sie im Laufe der Jahre gearbeitet hat. Zum Beispiel die Nikon: Semotans erste Kamera, die ihr der kanadische Fotograf John Cook schenkte, damals ihr Lebensgefährte. "Anfangs war ich immer viel zu schnell. Ich habe etwas gesehen und sofort losgelegt: So, das muss ich jetzt ganz schnell fotografieren. Blödsinn!" Oder die Polaroid, die sie ebenfalls von Beginn an benutzte: "Für gewisse Leute war die Polaroid wirklich das Medium. Ich habe schon auch gesehen, was das kann. Das ist die totale Verführung, der nachzugeben ich mir verboten habe, weil das für mich nicht geht, ich habe das Gefühl, da würde ich mich nur auf die Ästhetik verlassen, und das gestatte ich mir nicht, das ist sehr wichtig." Im Gespräch mit dem Schriftsteller Ferdinand Schmatz erzählt sie über die jeweiligen Modelle, die sie auf ihrem Weg begleitet haben, und natürlich sieht und erfährt man nebenbei jede Menge über die Kunst ihrer Fotografie. Das Buch ist Auftakt der neuen Reihe "Dinge des Lebens" (18 Euro, residenzverlag.com).

Haben und Sein: Für die Stühle von Vepa werden sogenannte sterile Verpackungen aus Krankenhäusern verarbeitet.

Für die Stühle von Vepa werden sogenannte sterile Verpackungen aus Krankenhäusern verarbeitet.

(Foto: Hersteller)

Irgendwo hat Upcycling doch auch Grenzen, dieser Gedanke ist wohl der natürliche Reflex auf diese Nachricht aus den Niederlanden: Dort hat der Möbelhersteller Vepa den ersten Stuhl aus "chirurgischen Abfällen" vorgestellt. Aber keine Sorge, für die Sitzflächen und Rückenlehnen des Modells "Blue Finn" wird lediglich das sterile Material verarbeitet, in das medizinische Instrumente verpackt waren. In Krankenhäusern fallen regelmäßig große Mengen sogenannter "Bluewrap-Verpackungen" als Abfall an, die sich gut recyceln lassen. Das Ergebnis sind minimalistische stapelbare Mehrzweckstühle und Barhocker für Cafeterien, Wartebereiche und Vortragsräume. Die blaue Farbe erinnert noch an das frühere Leben des Kunststoffs. Im Sinne der Kreislaufwirtschaft können alle Einzelteile leicht getrennt und dann erneut wiederverwertet werden (vepa.nl).

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