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Gartenbau:Wenn die Fassade als Garten herhalten muss

In Megastädten wie Singapur gedeiht die Natur an ungewöhnlichen Orten. Der Botaniker Veera Sekaran bereitet ihr den Weg - zur Not auch mit der Hilfe von Computern.

Von Arne Perras

Farnborough Road, Nummer 289, das Grundstück liegt versteckt in einer Seitenstraße, gleich hinter dem Flughafen im Osten Singapurs. Wer wissen will, wo all die schönen Ideen geboren werden, muss hier beginnen. Willkommen bei "Greenology", der etwas anderen Gärtnerei.

Ein schlanker Mann mit kurz geschorenem grauem Haar und lebendigen dunklen Augen kommt an diesem Morgen über den Hof gelaufen. Veera Sekaran, der Gründer von Greenology. Er lädt zum Gespräch an einen Holztisch. Und wer sich umsieht, bekommt schon eine Ahnung von den Welten, die Veera entwirft.

Rundherum sprießt das Grün auf großen und kleinen Wänden. Farne, Moose, Kletterpflanzen, Epiphyten. Mit ihren satten Farben und weichen verschlungenen Formen strahlen sie große Ruhe aus. Die Augen wandern hierhin und dorthin, wie über eine großflächige Collage, auf der man immer neue Details entdeckt. Das ist die ausgeklügelte Gartenkunst eines Botanikers, der redet wie ein Philosoph.

Natur soll zurück in die Städte

In der Welt, die Veera beschreibt, ist alles mit allem verwoben. Menschen, Tiere, Pflanzen. Jeder Versuch, sie auseinanderzureißen, ist in seinen Augen zum Scheitern verurteilt. Weil es der Mensch nicht wirklich aushält ohne das Leben der anderen. Und schon gar nicht ohne sprießendes Grün.

600 tropische Pflanzenarten ließen sich nutzen für die Vertikale, sagt Veera. Und vielleicht werden es noch mehr. Die Urwälder der Region sind inzwischen stark geschrumpft. Aber noch finden sich genügend Arten, die man als Fachmann vermehren und verpflanzen kann. Veera hat sich viel vorgenommen: Wo immer er eine Chance sieht, möchte er Natur zurück in die Städte tragen.

Der Singapurer schafft lebende Wände, er baut vertikale Gärten für gestresste Menschen in den Metropolen. Das sollen keine grünen Etiketten sein. Veera will keine aufgeklebte Natur, die nur der Imagepflege dient. Der 54-Jährige spricht von der Vision "urbaner Ökosysteme". In ihnen spielen Pflanzen und Tiere eine wichtige Rolle, aber dafür muss man sie erst einmal zurückholen und auch gedeihen lassen. Seine Arbeit zeigt, was alles geht, um die Schluchten der Großstädte zu begrünen.

Asiens Megastädte sind alle dicht besiedelt und rasch gewachsen. Für viele ist die Skyline dieser Städte ein Sinnbild für Aufschwung und Wohlstand. Überall ragen Türme aus Stahl, Beton und Glas in den Himmel, in den Fassaden spiegelt sich der Zuwachs des Bruttosozialprodukts. Aber man kann die Bauwerke auch anders deuten: Als Mahnmale einer Welt, die sich gnadenlos zubetoniert. Menschen, die in solchen Städten leben, fragen sich immer häufiger, was ihre Umwelt eigentlich noch lebenswert macht. Fehlt hier nicht etwas Entscheidendes, um sich wohlzufühlen?

Auch Singapur ist stolz auf seine Glitzertürme, es hat reichlich davon. Dennoch versucht gerade diese Metropole ihren eigenen, etwas anderen Weg zu gehen. Sie möchte eine "Stadt im Garten" sein. Und Veera, der Gründer von Greenology, weiß, wie man so was anpackt. Der Botaniker betrachtet seine Heimat als "wunderbares Labor", was vielleicht auch daran liegt, dass die singapurische Regierung bei Bauprojekten strenge Auflagen setzt. Ohne Grünanlagen kann kaum noch etwas hochgezogen werden. Doch angesichts der Enge ist Kreativität gefragt. Einer wie Veera kommt da gerade recht.

Wenn die Menschen in die Höhe ziehen, dann muss das Grün eben mit, sagt er. "Sky Gardening" heißt das, Gärten, die in luftigen Höhen schweben. Oder eben lebende Wände, die sich über die Fassaden ziehen. Sie bilden starke Kontraste zu den kantigen Flächen aus Glas und Stein. Auf den Betrachter wirken sie wie Inseln, auf denen sich die Augen ausruhen können.

"Natur ist ja nichts Statisches", sagt der Botaniker. "Ihr besonderes Merkmal liegt gerade in der Fähigkeit des Rebooting. Sie kann sich immer wieder neu starten." Nach Naturkatastrophen könne man das gut besichtigen. Warum also soll das Grün nicht auch zurückfinden in die großen Städte? Zumal es Leute wie Veera gibt, die den Pflanzen den Weg bereiten können.

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