Garten Gezielte Verwilderung

Bei dieser Wiese können Handschuhe, Laubbläser und Gartenschere ruhen.

(Foto: imago stock&people)

"Lazy Gardening" ist die perfekte Alternative für faule Gärtner. Allerdings sollte man die Grenze zwischen Entfaltung und Verwahrlosung erkennen. Denn die neue Lässigkeit folgt klaren Regeln.

Von Titus Arnu

Meterhohes Gras wiegt sanft im Wind hin und her. Rund um die Rhododendronbüsche sprenkeln Blütenblätter den Boden, rosa und lila auf braun, es sieht aus wie ein pointillistisches Gemälde. Von der Hängematte aus geht der Blick auf die Äste der riesigen Weißbuche, die sanft knarren. Der Rasen könnte auch mal wieder gemäht werden. Könnte! Muss aber nicht.

Als Gartenfan ist man immer im inneren Konflikt zwischen Aktivismus und Genuss. Was ist zu viel, was zu wenig? Um diesen friedlichen Moment in der Hängematte zu genießen, um den Duft blühender Rosen einzuatmen oder frische Zitronenmelisse für das Abendessen zu ernten, muss man vorher einiges an Mühe investieren. Umgraben im Herbst, pflanzen im Frühjahr, mähen, jäten, gießen im Sommer - je nachdem, wie groß der Garten ist, kann das Hobby körperlich ziemlich anstrengend sein.

Ordnung muss im Garten nicht sein

Auf Deutsch werden alle gärtnerischen Tätigkeiten gerne unter dem Begriff "Gartenarbeit" zusammengefasst. Das sagt schon viel über die Einstellung: Um die Natur in den Griff zu bekommen, wird ordentlich geschuftet, am besten im Blaumann und zu festgelegten Zeiten. Dem Garten werden geometrische Strukturen aufgezwängt - die Rasenkanten mit der Messlatte abgestochen, der Buchsbaum zu dreidimensionalen Skulpturen frisiert, die Hecke rechtwinklig zu einer glatten, grünen Mauer zurechtrasiert. Ordnung muss sein, was sollen denn die Nachbarn denken?

Ordnung muss überhaupt nicht sein. Schon gar nicht im Garten. Im Gegenteil, gerade die gezielte Verwilderung kann viel charmanter wirken als das mit dem Lineal gezogene Beet. In der Gartengeschichte wurde diese Glaubensfrage schon immer diskutiert und unterschiedlich interpretiert: Soll der Mensch die Natur zähmen und in strenge Formen zwängen oder soll er ihr freien Lauf lassen und das Ergebnis genießen? Und wo genau liegt die Grenze zwischen Entfaltung und Verwahrlosung? Das eine Extrem findet in französischen Barockgärten und japanischen Zen-Gärten seinen Höhepunkt, das andere in englischen Parks und Öko-Gärten.

Gardening, also Gärtnern, nennen es die Briten, wenn sie ihrem Lieblingshobby nachgehen. Das klingt schon nach weniger Stress, auch wenn es insgesamt vielleicht zeitaufwendiger ist als die effiziente deutsche Gartenarbeit mit Kärcher, Laubbläser und Turbohäcksler. Die Steigerung heißt Lazy Gardening, faules Gärtnern. Diese ideale Variante für bequeme Naturliebhaber, die wenig leisten wollen für maximalen Genuss, hat sich durch das einflussreiche Buch "The Lazy Gardener" von Remo Vetter, durch entsprechende Garten-Blogs und Berichte in Gartenmagazinen zum Trend ausgewachsen.

Für diese Art des Gärtnerns braucht man aber zunächst einmal die passende Grundeinstellung. Wer jedes heruntergefallene Blatt sofort aufhebt und jede Blüte in dem Moment abzupft, wenn sie gerade am Verwelken ist, wird in einem Lazy-Garten wahrscheinlich eher crazy als happy.

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Also einfach im Gartenstuhl sitzen und zuschauen, wie das Gras wächst? So funktioniert Lazy Gardening leider auch nicht. Ein arbeitsarmer Garten muss gut geplant sein. Und er braucht, wie jeder Garten, viel Geduld. Schon bei der Gestaltung muss man die richtige Balance zwischen geformter und wilder Natur finden. Das geht bei der Einteilung der Flächen los und hört bei der Auswahl der Pflanzen auf. Je größer der Nutzgartenanteil, desto mehr Arbeit, denn Gemüse und Kräuter sind natürlich pflegeintensiver als Rasenflächen und Staudenbeete.

Zunächst mal muss sich der Gärtner darüber klar werden, welche Art von Garten er möchte: Sind frische Kräuter und Salat wichtig, oder kann man darauf verzichten? Geht es einem vor allem um die Blütenpracht? Sollen Obstbäume und Beerensträucher dabei sein? Von allem etwas?