Früherer BMW-Chefdesigner Chris Bangle Einst war Gestaltung eine Ableitung aus der Technik

Auch ein typischer Bangle: Der 7er BMW, Baureihe E65.

(Foto: )

Die Fahrzeuge, für deren Form Chris Bangle verantwortlich war, sehen anders aus als die Vehikel der einfachen Leute und schlichten Formen: wie der massige BMW 7 aus dem Jahr 2001, mit seiner flachen Frontpartie und dem hohen Steiß. Wie der Roadster Z4 aus dem Jahr 2002 mit dem futuristischen Wechselspiel aus konvex und konkav gezogenen Flächen. Wie der Mini Cooper aus dem Jahr 2001, der zwar viel größer ist als das Original, diesem aber an Niedlichkeit scheinbar nicht nachsteht. Von einem "statement" spräche die Werbeabteilung in jedem dieser Fälle.

Eine solche "Behauptung" ist vermutlich auch die leuchtend rote, hölzerne Sitzbank, die auf der anderen Seite des Platzes steht. Sie befinde sich nur vorübergehend hier, sagt Chris Bangle, denn sie sei ein paar Tage zuvor von einem Volksfest zurückgekommen und bedürfe nun der Reparatur. Sie ist so groß, dass man nur mit einem Sprung in den Stütz hinaufkommt (an ihrem gewöhnlichen Standort in den Weinbergen helfen ein paar hölzerne Stufen) und den darauf Sitzenden weit überragt.

Viele Produktionsstandorte in Turin sind verschwunden

Ob denn die Bank etwas mit Automobilen zu tun habe? Chris Bangle versteht die Frage nicht polemisch. "Unbedingt", sagt er. Mit dieser Bank - mit einer ganzen Serie solcher Bänke - habe er etwas schaffen wollen, was vielen Menschen Vergnügen bereite, was man aber nicht fahren könne.

In Turin steht das Museum für die vergangene Größe der italienischen Automobilindustrie. Es beherbergt eine in den Boden eingelassene Karte der Stadt, auf der mit kleinen Leuchten die Fabriken von Fiat, Lancia und Pininfarina, die Betriebe der Zulieferer und die Werkstätten der Designer markiert sind. Zusammen ergeben sie ein Lichtermeer. Wenn Bangle über dieses Museum spricht, treffen sich der Designer und der Coach in Fragen der unternehmerischen Selbstoptimierung. Mindestens zwei Drittel dieser Produktionsorte gebe es nicht mehr, sagt Bangle, und bei den Designern sei die Verlustrate womöglich noch größer. Sie alle hätten Automobile gestalten wollen, erklärt der schmale, jungenhafte Mann von sechzig Jahren.

BMW X1 Ein SUV, das in der Stadt seine Qualitäten zeigt Video
BMW X1 im Test

Ein SUV, das in der Stadt seine Qualitäten zeigt

Beim neuen X1 macht BMW vieles anders als beim erfolgreichen Vorgänger. Ein Risiko, das sich auszahlt - vor allem im Innenraum.

Wenn man heute etwas entwerfe, müsse man dagegen einen Charakter schaffen. Und dieser Charakter werde dann womöglich ein Automobil, vielleicht aber auch etwas anderes. Man versteht, was er meint: Bis in die Achtzigerjahre bestand die Gestaltung von Fahrzeugen vor allem darin, einer vorgegebenen Technik ein wohlgeformtes Kleid zu verleihen. Die Gestaltung war eine Ableitung aus der Technik, eine Ableitung höheren Grades womöglich, aber immer noch eine Ableitung. Bei einem Charakter jedoch gibt es nichts abzuleiten. Wenn es früher hieß, stolze Besitzer teurer Automobile wollten sich in ihren Fahrzeugen spiegeln, so stellt sich das Verhältnis nunmehr umgekehrt dar: Die Besitzer wünschen sich, die Automobile könnten sich in ihnen spiegeln, in ihrer Kraft und in ihrer abenteuerlichen Gestalt.

Zum Weiler gehört ein Wohnhaus. Es besteht aus einer ehemaligen Scheune, die jetzt Panoramafenster besitzt. Bei klarem Wetter ist der Monviso, ein fast viertausend Meter hoher Berg in den Cottischen Alpen, zu sehen. Zum Weiler gehört außerdem ein Labyrinth aus untereinander verbundenen Gebäuden, in denen Büros, Ateliers, Werkstätten und Konferenzräume untergebracht sind. Mehr als fünf Jahre hätten seine Frau und er nach einem Haus für sich und die Firma gesucht, sagt Chris Bangle, sie hätten einen solchen Ausblick haben wollen und ein Anwesen, groß und abgeschieden, aber in der Nähe einer Schnellstraße und mit guten Verbindungen nach Turin.