Obstbäume Ich frage mich: Wann habe ich die Birnen über? Gar nicht. Dazu schmecken sie viel zu gut

Gelagert werden die Birnen am kühlsten Ort im Keller, auf Holzbrettern und Zeitungspapier, aber in diesem Jahr ist auch der Keller bacherlwarm. Lange werden sie nicht halten. Auf jeden Fall kann man sie essen. Vier Stück pro Tag ungefähr. Die Umgebung wird auch gut versorgt. Birnendiät, sage ich, und frage mich, wann ich sie überhaben werde. Es wird aber überhaupt nicht langweilig, es schmeckt viel zu toll. Süß, fest und saftig. Es sind genau die Birnen, die man nie bekommt. Es ist himmlisch und ein bisschen irre. Ich schleppe sie überall hin mit. Auch im Büro grinsen bald aus jeder Ecke Birnen.

Ich fotografiere den Küchentisch mit Birnen drauf, jede ragt in eine andere Richtung, als ob sie torkeln. Der Mann zu Hause findet, sie sehen aus wie eine Deppenarmee. Er ist immer noch bemüht, in die Sache nicht zu sehr reingezogen zu werden. Er liest mir jetzt vor. Ein Rezept für Rotweinbirnen. Wir machen probeweise zwei große Gläser voll. Das ist leicht. Man kocht halbierte Birnen mit Gewürzen in Rotwein und füllt sie möglichst kochend in sterilisierte Gläser. Zuschrauben, zehn Minuten auf den Deckel stellen, beim Umdrehen macht es plopp, der Deckel wölbt sich nach unten.

Jedes Mal, wenn ich nach ein paar Tagen in den Birnenkeller komme, sind die Dinger etwas gelber und weicher. Von jetzt an wird die Sache obsessiv. Ein deutliches Gefühl von Verantwortung für das Obst macht sich breit, aber auch die Frage, was man wirklich später essen will. Neulich im Schrank bei den Fahrradschläuchen wiedergefunden: ein Glas mit der Aufschrift "Aprikose-Paprika-Vanille 2015".

Alles Einkochen hilft nichts, wir kommen mit dem Reifeprozess im Keller einfach nicht mit

An zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden landet ein Teil der Birnen geschält und halbiert in der Kühltruhe. Weitere werden zu Kompott gekocht, dafür sollte man lieber noch festere Früchte nehmen, damit sie beim Kochen nicht zerfallen. Ich entscheide mich für Sternanis, Vanille und abgeriebene Orangenschale als Gewürz. Wieder stelle ich fest, dass die Birnen beim Kochen kleiner werden, oder auch nur weicher, jedenfalls passen viel mehr davon in die Gläser als gedacht, und man braucht viel mehr Sud (oder Wein), als man glaubt. Das Kompott wird fast kochend bis zum Rand in abgekochte Gläser gefüllt, die verschlossen noch mal in einem großen Topf mit Wasser simmern, damit alles bis in den Winter hält. Der Mann zu Hause will aber nicht warten, sondern lieber sofort Birne Helene. Damit meint er die Variante aus den 60er-Jahren, in der eine vorsichtig mit einem halben Löffel Rum pochierte halbe Birne im Glas mit Vanillepudding übergossen wird. Das ist nicht gerade die verfeinerte Küche, sondern Kinderessen, schmeckt aber super, vor allem, wenn man die Schokolade dazu zwischen die warmen Birnen und den Pudding packt. Sahne darf auch noch drauf.

Geht es nicht auch salzig, frage ich mich, als die Nachmittagshitze durch die runtergelassenen Rollläden in dieses Schlachtfeld namens Küche sickert und dringend ein Essiggurkenglas aufgebrochen werden muss. Ich schmelze eine Menge Zwiebeln in Butter an, gebe Salz und klein geschnittene Birnen dazu und eine ordentliche Portion von dem Majoran, der draußen im Garten vor sich hinwächst, lasse es lange köcheln, gieße Flüssigkeit nach und bin am Ende sehr angetan. Das kann man zu Fleisch essen, zu gebackenen Kartoffeln, oder einfach so löffeln. Ein großer Topf davon wird gemacht und in kleinen Portionen eingefroren.

Trotzdem, es hilft nichts, wir kommen mit dem Reifeprozess der Torkelbirnen im Keller nicht mit. Also fahren wir weit raus, über die Dörfer, zu einem Bauernhof, auf dem eine Obstpresse steht, dazu ein Hofladen und eine Holunderplantage. Es sieht aus wie der Traum eines Stadtmenschen von ländlicher Idylle, aber es ist kein Traum, es ist die Lösung.

Nun aber ist alles Obst zu Saft verarbeitet oder eingeweckt.

(Foto: Claudia Tieschky)

Oder fast. Wegen eines Anfalls von dummem Geiz liegen nur zwei Kisten Birnen im Auto. (Man könnte ja vielleicht doch noch einige essen statt saften.) Es werden 24 Liter. Die meisten Leute bringen ihre Äpfel her. Zwei Jungen packen gehäckselte Obststücke in eine Presse, sie sind von oben bis unten voll mit Apfelstückchen, hinten kommt der bereits erhitzte und haltbare Saft raus und wird in Plastikbeuteln, die einen Ausguss haben, luftdicht verpackt. Mit den Birnen geht das auch so, nur brauchen sie eine andere Presse und werden deshalb nicht erhitzt. Wir müssen das zu Hause tun, damit der Saft haltbar wird und bekommen eine fürsorgliche Anweisung sowie weitere Plastikbeutel mit, in die wir den erhitzten Saft einfüllen sollen. Daraus könnte man auch Gelee machen. Irgendwann mal. Vielleicht.

Heute jedenfalls nicht mehr. Es ist spät nachts, wir hängen mit glühenden Gesichtern über dampfendem Birnensaft. Als der letzte Saftbeutel gefüllt ist, wischen wir die Küche und trinken ein hopfiges Bier auf der Terrasse. Wir sehen verwildert aus, erschöpft, aber hey - der Baum ist praktisch leer. Er steht da hinten im Garten im Dunkeln. Es kommt mir vor, als würde er leicht schnarchen. Es waren 160 Kilo Birnen. Er wird das nächste Jahr durchschlafen. Vielleicht pflanze ich dann Tomaten an.

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