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Merkel und Spritz:Berliner Sommerbrause

Bodemuseum Berlin, Aperol Spritz

In Berlin nimmt man's nicht ganz so ernst mit der Trinkkultur, Aperol Spritz schmeckt auch im Limonadenglas - hier am Bode-Museum.

(Foto: Pixabay)

Auch die CDU klebt jetzt bei elf Prozent fest: Die Kanzlerin, die Liebliches eigentlich nie mochte, trinkt mit politischen Freundinnen Aperol Spritz. Was hat das zu bedeuten?

Neulich habe ich gelesen, dass sich Angela Merkel vor einiger Zeit mit Annette Schavan und Monika Grütters in der Bar eines Berliner Hotels getroffen hat. Merkel ist derzeit noch die Bundeskanzlerin, Schavan ist politische Wegbegleiterin und persönliche Freundin, Monika Grütters ist, ach, nicht so wichtig. Das eigentlich Interessante an der Geschichte: Alle drei Damen haben Aperol Spritz getrunken. Das stand schon in ein paar Zeitungen, aber jüngst habe ich es sogar im Spiegel gelesen, deshalb wird's wohl stimmen.

Alle drei Damen Aperol Spritz - also auch Merkel. Für die paar Dutzend Leserinnen und Leser, die es nicht wissen: Aperol ist ein Likör aus Zitrusöl, Kräutern und Wurzeln. Er schmeckt süß, mit einer bitteren Note. Er heißt Spritz, wenn er mit Prosecco und Soda aufgebitzelt wird, und leuchtet dann orangefarben wie die Trikots der holländischen Nationalmannschaft oder die Fahrzeuge der Berliner Stadtreinigung. Nach einem Glas klebt der Mund ein bisschen, weshalb Merkel froh gewesen sein dürfte, dass sie im Anschluss an ihr abendliches Treffen keine Parteitagsrede mehr halten musste.

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Die Kanzlerin trinkt also Aperol Spritz. Ganz ehrlich: Ich persönlich hätte es weniger überraschend gefunden, wenn Innenminister Horst Seehofer auf einem E-Scooter freihändig unter meinem Bürofenster vorbeigefahren wäre.

Vor genau drei Jahren schrieb ein Kollege hier über den Siegeszug des italienischen Cocktails und über Bob Kunze-Concewitz, den Chef der Campari-Gruppe, zu der Aperol gehört. Kunze-Concewitz, ein offenkundig sehr selbstbewusster Österreicher, sprach damals davon, dass sich Aperol verbreite "wie ein Ölfleck". Aber dass das orangene Öl eines Tages sogar durch den Rachen der Bundeskanzlerin fließen würde, hätte vielleicht nicht einmal Kunze-Concewitz für möglich gehalten. Und das auch noch 2019, genau 100 Jahre nachdem die Brüder Luigi und Silvio Barbieri den Aperol auf einer Messe in Padua präsentierten.

Der Eierlikör des dritten Jahrtausends

Nun ist es natürlich nicht völlig abwegig, dass auch Merkel mal so was trinkt. In ihrer Jugend soll sie in der uckermärkischen Dorf-Disco mit Kirschlikör hantiert haben. Doch die Politikerin Merkel mit ihrem nüchternen Pragmatismus, mit ihrer meist freundlichen, aber qua Amt auch etwas förmlichen Art, kann man sich nur schwer mit einem süßen Cocktail vorstellen: Das ist ihr doch zu lieblich.

Entspannung - da denkt man bei Merkel an viele Stunden Richard Wagner bei brütender Hitze auf harten Stühlen in Bayreuth. Selbst in ihrer Freizeit hat die Kanzlerin ja stets etwas Diszipliniertes, fast Strenges jedenfalls in dem Teil, den man mitbekommt. Als sie wegen eines Beckenbruchs 2014 längere Zeit Ruhe halten musste und ein wenig Muße hatte, zappte sie nicht durch die Fernsehprogramme, sondern las ein Buch über Geschichte mit 1568 Seiten. Den Autor lud sie gleich zur Fortbildung ihrer Gäste an ihrem 60. Geburtstag ein. Wenn Merkel sich auf ihrer Datscha aufhält, verrichtet sie ordnungsgemäß die saisonal notwendigen Arbeiten in ihrem Garten. Und jetzt zwitschert diese Frau mal ganz entspannt einen Cocktail, dessen Genuss die Botschaft vermittelt: Morgen ist auch noch ein Tag?

Seit ich mit Angela Merkel zu tun habe, trinkt sie Wein, wenn sie Alkohol trinkt. Wie lange ich schon mit ihr zu tun habe, erkennt man daran, dass ich noch als Nachwuchsjournalist galt, als ich das erste Mal mit ihr gesprochen habe. Mittlerweile sehe ich nach all den Amtsjahren Merkels über meinen Ohren silbrig-graues Haar, wenn ich morgens in den Spiegel schaue. Okay, bei der CSU, wo sie früher gelegentlich zu Besuch war, nippte Merkel auch mal am Bierkrug, blieb aber frei von erkennbarer Begeisterung, was zuletzt weniger am Bier als an der CSU gelegen haben mag. Und auf einer Reise nach Brasilien habe ich mal erlebt, wie Dr. Franz Ruder-Underberg, Geschäftsführer der Underberg KG und Mitglied der Wirtschaftsdelegation, der Kanzlerin einen Zwölfer-Pack Magenbitter überreichte. Merkel gab die Fläschchen ruckzuck und ungeöffnet an einen Mitarbeiter weiter. Und nun das: Aperol Spritz.

Gewiss, das Zeug ist nicht irgendein Cocktail. Es ist ein Phänomen, eine Art Epochengetränk. Was der Eierlikör in der Nachkriegszeit war und der Campari Orange in meiner Jugend, das ist der Aperol Spritz zu Beginn des dritten Jahrtausends. 2015 verließen bereits 32 Millionen Liter Aperol pro Jahr die Abfüllanlagen, heute dürfte das allein dem Jahresverbrauch in Berlin entsprechen, zumindest wenn man den Abverkauf in meinem Supermarkt als Rechengrundlage nimmt: In dem Regal, in dem der Aperol stehen soll, klafft oft ein tiefes Loch.

Hat Genussbotschafterin Annette Schavan den Spritz aus dem Vatikan mitgebracht?

Aperol Spritz gilt als Aperitiv, aber in Südtiroler Urlaubsorten zum Beispiel trinken ihn die Touristen auch als Digestif - nach dem Frühstück. Vielen von ihnen sieht man an, dass sie danach beschließen, auch heute wieder nicht zu wandern. In Bozen habe ich eine überfüllte Bar gesehen, in der es überhaupt nur Aperol Spritz gab, und selbst auf der Piazza San Marco in Venedig, wo das Zeug mindestens 25 Euro kostet, standen mehr orange Gläser auf den Tischen als Espresso-Tassen.

Manches spricht dafür, dass Annette Schavan als Botschafterin am Heiligen Stuhl in Rom den Aperol kennengelernt und der Kanzlerin in Berlin an jenem 11. Februar empfohlen hat. Die Damen saßen unweit der CDU-Zentrale, in der Annegret Kramp-Karrenbauer zur selben Zeit ein Werkstattgespräch zur Zuwanderung veranstaltete. In der Hotelbar stehen dunkelbraune Ledersessel, man trinkt unter den Augen aller bisherigen US-Präsidenten, deren Bilder an der Wand hängen. Leider verrät keiner von ihnen, was die Frauen besprachen und ob sie womöglich sogar ein ganz klitzekleines bisschen lästerten.

Ob Angela Merkel der Aperol überhaupt geschmeckt hat, ist auch nicht bekannt. Wenn ja, träfe es sich allerdings gut, dass sie diese Woche aus dem Urlaub nach Berlin heimgekehrt sein soll: Ihr bevorzugter Supermarkt, durch den sie 2014 sogar Chinas Ministerpräsidenten führte, bietet die 0,7-Liter-Flasche dieser Tage zum Aktionspreis von 8,69 Euro an. Das sind satte 13 Prozent Rabatt. Womöglich sitzt Merkel dieses Wochenende irgendwo mit einem Cocktailglas, sinniert entspannt über den Sonnenuntergang ihrer Kanzlerschaft und grübelt nur über die in einem solchen Moment wirklich alles entscheidende Frage: noch einen?

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