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Torwarttrainer von Hertha BSC:Ins Abseits gestellt

Fussball, Herren, Saison 2019/2020, 1. Bundesliga, Hertha BSC, Training, Torwart-Trainer Zsolt Petry (Hertha BSC), 18.0

Muss seine Sachen vorläufig packen: Herthas freigestellter Torwart-Trainer Zsolt Petry.

(Foto: Matthias Koch/Imago)

Der Torwarttrainer des Berliner Bundesligisten gibt einer ungarischen Zeitung ein Interview, in dem er sich fremdenfeindlich und homophob äußert. Der Klub stellt ihn umgehend frei.

Von Thomas Hürner

Vor zwei Jahren hat der Fußball-Bundesligaklub Hertha BSC ein knapp dreiminütiges Imagevideo ins Netz gestellt, es trägt den Titel: "In Berlin kannst du alles sein, außer Rassist!" Die Profis aus dem damaligen Kader berichten von rassistischen Alltagserfahrungen, auch von Diskriminierungen auf dem Platz. Unter anderem mit dabei: Jordan Torunarigha, geboren in Chemnitz.

Vor einem Jahr war es dann jener Torunarigha, der bei einem Pokalspiel gegen den FC Schalke von Zuschauern mit Affenlauten verhöhnt wurde und sichtlich perplex in Richtung Tribüne starrte. Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ermittelte, Fangruppen sendeten in deutschen Stadien in der Folge klare Botschaften: gegen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Diskriminierung jeglicher Art.

Auch Hertha BSC beteiligte sich am symbolischen Protest, in der nächsten Partie liefen die Spieler mit einem weißen oder schwarzen Strich im Gesicht auf. An ausgezeichneter Inszenierung mangelt es dem Profifußball ja nicht, wenn sie opportun erscheint, aber der selbsternannte "Big-City-Club" war bislang immer ein authentischer Repräsentant der bunten und vielfältigen Bundeshauptstadt Berlin.

Petry entschuldigt sich in einer Klubmitteilung für seine Äußerungen

Es war also durchaus konsequent, wie der Klub jetzt auf ein verstörendes Interview reagierte, das in der Ostermontagsausgabe der ungarischen Zeitung Magyar Nemzet zu lesen war - ein regierungsnahes Blatt, was in diesem Zusammenhang nicht unwichtig ist.

Der Interviewte heißt Zsolt Petry, ist selbst Ungar und arbeitete mit Unterbrechungen seit 2015 als Torwarttrainer bei der Hertha. Seit Montag ist der 54-Jährige seinen Job los, weil die "getätigten Äußerungen insgesamt nicht den Werten von Hertha BSC entsprechen", wie Carsten Schmidt, der Vorsitzende der Geschäftsführung des Klubs, in einer Stellungnahme am Montag zitiert wird. Petry entschuldigte sich in der Mitteilung und betonte, dass er "weder homophob noch fremdenfeindlich" sei.

Einige Äußerungen des Torwarttrainers legten jedoch nahe, dass er politisch auf einer Linie mit dem ungarischen Präsidenten Viktor Orbán liegen dürfte. Mit seiner Fidesz-Partei fährt Orbán bekanntlich einen rechtsnationalen Kurs, in den vergangenen Jahren waren auch einige homophob gefärbte Gesetze auf den Weg gebracht worden.

Petry hatte der ungarischen Zeitung gesagt, dass er einige Sachen nicht verstehen könne, zum Beispiel, "wie Europa moralisch so tief sinken konnte wie jetzt". Er sehe den "Niedergang nicht gerne, der den Kontinent" gerade heimsuche: "Wenn du die Migration nicht gut findest, denn schrecklich viele Kriminelle haben Europa überlaufen - dann werfen sie dir sofort vor, dass du ein Rassist bist."

Auch Torwart Peter Gulacsi von RB Leipzig wurde zur Zielscheibe der Kritik

Zutiefst irritierend sind auch die Passagen, in denen Petry seinen Landsmann Peter Gulacsi attackiert, den Torwart von RB Leipzig. Er verstehe nicht, sagte Petry, was Gulacsi dazu bewogen habe, "sich für Homosexuelle, Transvestiten und Menschen sonstiger geschlechtlicher Identität einzusetzen". An der Stelle des ungarischen Nationaltorwarts, so Petry weiter, "würde ich mich als Sportler auf den Fußball konzentrieren und keine Stellung zu öffentlichen oder gesellschaftspolitischen Themen beziehen".

In einem Facebook-Post hatte sich Gulacsi Ende Februar gegen eine Gesetzesänderung zum Adoptionsverbot von homosexuellen Paaren ausgesprochen. Jeder Mensch habe das Recht auf Gleichberechtigung, schrieb Gulacsi: "So hat auch jedes Kind das Recht, in einer glücklichen Familie aufzuwachsen - ganz egal, aus wie vielen Menschen sie besteht, welche Hautfarbe man hat, wen man liebt oder an was man glaubt."

Vom ungarischen Nationaltorwart hatte Petry auch etwas ganz Grundsätzliches wissen wollen: Was mache Gulacsi überhaupt bei einem Verein wie RB Leipzig, der unter anderem die gleichgeschlechtliche Ehe unterstützt? Hertha BSC hat darauf mit der Freistellung seines Torwarttrainers stellvertretend eine eindeutige Antwort gegeben.

© SZ/moe/jkn
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