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Derby in Berlin:Völlig blockiert

Joel Pohjanpalo, Jordan Torunarigha, Niklas Stark, Torwart Alexander Schwolow / Aktion / Spielszene / Zweikampf / / Fußb

Viel Einsatz, nicht gar so viel Fußball: Derby-Szene mit Joel Pohjanpalo (links) und den Herthanern Jordan Torunarigha, Niklas Stark sowie Torwart Alexander Schwolow.

(Foto: Oliver Behrendt/Contrast /imago)

Nach dem mageren Vortrag beim 1:1 im Derby bei Union zeigt sich selbst Herthas notorisch positiv denkender Trainer Pal Dardai "negativ überrascht". Nach außen heiße es oft, Hertha sei eine "Topmannschaft, doch die Wahrheit ist anders".

Von Nico Fried, Berlin

Der Morgen danach ist ein Morgen unangenehmer Wahrheiten. Und der Mann, der sie ausspricht, ist niemand anders als Pal Dardai, Trainer von Hertha BSC. Anfangs redet Dardai noch über das 1:1 im Derby bei Union Berlin am Vorabend, "ein nicht schönes Spiel", wie er absolut zutreffend feststellt. "Sehr, sehr viele Dinge haben mir gar nicht gefallen", fasst er die Leistung seiner Mannschaft zusammen. Die Spieler seien "völlig blockiert" gewesen und hätten "zu kompliziert gespielt".

Doch dann wird Dardai etwas grundsätzlicher, was den Status von Mannschaft und Verein angeht. Man könne nicht erwarten, dass sein Team zu Union Berlin fahre, das 13 Heimpartien nicht verloren habe, sehr körperbetont spiele, "und Hertha gewinnt da 5:0". Solche Träumereien hätten den Verein - "wie lange bin ich jetzt da?" - 25 Jahre lang "nicht weitergebracht", sagt der Trainer, der das auch schon als Spieler erlebt hat. "Nach außen erzählen, Hertha ist eine Topmannschaft, und die Wahrheit ist anders."

Nun ist es nicht so, dass irgendjemand ein 5:0 der Hertha bei Union Berlin erwartet hätte. Mittlerweile ist man ja bescheiden geworden. Jede Überheblichkeit würde sich auch mit nur einem Blick auf die unerfreuliche Realität von Platz 14 in der Bundesliga selbst ad absurdum führen. Aber Dardais Worte zeigen doch, welche Spuren manche Jahre hinterlassen haben, in denen sich Hertha BSC als Hauptstadtklub inszenierte, ohne diesen Anspruch jemals einlösen zu können. Ein überzeugender Sieg, wie zuletzt das 3:0 gegen Leverkusen, begründet eben nicht gleich eine Ära überwältigenden Spitzenfußballs, wie man ihn in Berlin immer wieder herbeigesehnt hat. Stattdessen gilt für Dardai im Hier und Jetzt des Abstiegskampfes 2021: "Hertha soll einfach fleißig arbeiten."

Robert Andrich war lange bei der Hertha - nun trifft er im Derby für Union

Vor allem die Anfangsphase des Spiels hatte Dardai "negativ überrascht", wie er berichtete. Vieles von dem, was man sich vorgenommen hatte, habe er nur von Union gesehen. Vor allem "das Anlaufverhalten" bei Ballbesitz des Gegners sei ein großes Problem gewesen. "Wenn einer nicht mitmacht, haben wir Probleme, wenn zwei nicht mitmachen, haben wir große Probleme", so der Trainer. Auf die Frage, ob seine Spieler von einem lauten Feuerwerk irritiert worden seien, das Union-Fans außerhalb des Stadions in den ersten drei Minuten abbrannten, lachte der Trainer nur und sprach: "Ja, das wäre eine schöne Ausrede."

Bereits nach neun Minuten erzielte Robert Andrich mit einem Linksschuss aus mehr als 20 Metern den Führungstreffer für Union. Ausgerechnet Andrich. Der gebürtige Potsdamer hatte 12 Jahre lang bei den Junioren der Hertha gespielt, aber den Durchbruch in die Profi-Mannschaft nicht geschafft. 2015 verließ er den Verein und kam 2019 zu Union. Im Hinspiel hatte Andrich nach 23 Minuten beim Stand von 1:0 für Union die rote Karte gesehen, das Spiel endete 3:1 für Hertha. Jetzt gelang ihm im Rückspiel eine Art Wiedergutmachung: "Ich weiß gar nicht mehr, ob ich den Ball gut treffe", sagte er nach dem Spiel, "auf jeden Fall geht er sehr gut rein."

Trotz weiterer Chancen gelang es Union nicht, die Führung auszubauen. Einhellig beklagten Trainer und Spieler hinterher, dass mehr drin gewesen sei. Union-Coach Urs Fischer, der nicht so angefressen wirkte wie sein Kollege, befand nüchtern, seine Spieler hätten in den entscheidenden Momenten nicht die richtige Lösung gefunden. Stattdessen wachte der Gegner allmählich auf, kam zwar nicht zu zwingenden Torchancen, aber wenigstens zu einem Elfmeter, den Dodi Lukebakio in der 32. Minute sicher ins linke Toreck schoss.

"Schnell abpfeifen, denn das kann man nicht mit ansehen."

In der zweiten Hälfte neutralisierten sich die Mannschaften gegenseitig, auch wenn Union mehr dafür tat, das Spiel noch zu gewinnen. Immerhin, so Dardai am Tag danach, habe er nicht das Gefühl gehabt, "das verlierst du". Er habe in der zweiten Halbzeit eher das Gefühl gehabt, "schnell abpfeifen, weil das kann man nicht mit ansehen".

Als die beiden Mannschaftsbusse der Hertha am Sonntagabend vom Gelände an der Alten Försterei rollten, höhnten einige Union-Fans "Absteiger!"-Rufe hinterher. Eine gute halbe Stunde später wurden die Spieler an der Hertha-Geschäftsstelle von eigenen Fans mit Jubel empfangen. Darin lag die ganze Ambivalenz eines Auftritts, den Hertha-Sportdirektor Arne Friedrich auf Twitter so zusammenfasste: "Schlecht gespielt. Einen Punkt mitgenommen. Punkt."

© SZ/mp/klef
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