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Würzburger Kickers:Die Kraft des Faktischen

v.li.: Vorstand Sebastian Schuppan (FC Würzburger Kickers), Trainer Ralf Santelli (FC Würzburger Kickers), 04.04.2021, S

Coach Nummer vier: Nach der Entlassung von Bernhard Trares werden die Würzburger Kickers nun bis zum Saisonende von Ralf Santelli (rechts) und Sportvorstand Sebastian Schuppan trainiert.

(Foto: Frank Scheuring/foto2press/imago)

Auch der erneute Trainerwechsel kann die Niederlage beim Vorletzten Sandhausen nicht verhindern: Die Würzburger Kickers taumeln dem Abstieg in die dritte Liga entgegen, und es deutet alles darauf hin, dass damit auch die Tage von Felix Magath als Berater gezählt sind.

Von Christoph Ruf

Der Tag, an dem die Würzburger Kickers wohl jede Hoffnung auf den Klassenverbleib aufgeben mussten, begann mit einer Frage. Und diese stellte sich nach dem 0:1 in Sandhausen am Ostersonntag nur noch dringender: Warum, um Himmels willen, nimmt ein Verein zwei Tage vor dem mutmaßlich wichtigsten Saisonspiel einen Trainerwechsel vor? Über Sinn und Zweck von Trainerentlassungen als solchen wird dabei in Würzburg längst nicht mehr diskutiert. Seit Felix Magath Anfang 2020 als "Head of global soccer" beim Investor Flyeralarm übernahm, zählen die Coaches ihre Verweildauer im Unterfränkischen schließlich eher in Wochen als in Monaten. Weshalb Ralf Santelli auch schon der vierte Übungsleiter ist, der sich in dieser Spielzeit um die Kickers kümmern darf.

Überraschend war hingegen der Zeitpunkt, zu dem der Magath-Vertraute Bernhard Trares freigestellt wurde. Denn welchen Sinn hat es, einen Trainer, von dem man nicht mehr überzeugt ist, die ganze Länderspielpause über noch fast zehn Einheiten durchführen zu lassen, ehe man an dessen Nachfolger übergibt, der notgedrungen kaum noch Handlungsoptionen hat?

Nicht allzu viel offenbar, wie der insgesamt hilflose Auftritt beim Vorletzten Sandhausen zeigte, bei dem die Kickers gegen einen ähnlich limitierten Gegner auf erschreckend schwache 75 Minuten noch 15 passable folgen ließen, in denen Marvin Pieringer und Dominic Baumann noch zu guten Chancen kamen (80., 86. Minute). Am Ende verloren sie aber verdient 0:1. Und wenngleich die Berechtigung des von Kevin Behrens verwandelten Handelfmeters (45.) mindestens ebenso fraglich war wie die meisten seiner Art, traf Santelli mit seiner Spielanalyse den Kern der Dinge: "Unterm Strich war es heute einfach zu wenig."

Würzburgs neuer Trainer Santelli nennt "Stabilität und Selbstvertrauen" als kurzfristige Ziele

In einer Partie, die alle paar Sekunden wegen eines Foulspiels unterbrochen werden musste, standen die Unterfranken dem SVS beim Beinchen-Stellen in nichts nach. Und dennoch blieb der Eindruck, dass da eine harmlose Mannschaft agierte, während die andere - Würzburg - reagierte. Weder gestisch noch verbal gab es bei den Kickers hör- oder erkennbare Aufwallungen, während sich die SVS-Fußballer so laut anfeuerten, dass sich auch die Rentner außerhalb des Stadions akustisch bestens informiert fühlen durften. Wenn der Ball ins Spiel kam, wurde es bei den Kickers ebenfalls problematisch.

Symptomatisch war eine Szene aus der ersten Hälfte, als Ridge Munsy einen Gegenspieler aussteigen ließ, freie Schussbahn hatte, doch statt abzuziehen den Ball ins Nichts querlegte - die Hoffnung, dass irgendein Kollege Lust gehabt hätte, den Strafraum zu betreten, erfüllte sich nicht. Mancher Würzburger erinnerte an den Stier in der Arena, dem ja auch keine gute Prognose auszustellen ist, wenn er beim Losrennen auf das rote Tuch nicht zwischendurch den Kopf anhebt. "In zwei Tagen kannst du nur die grundlegenden Dinge verändern", klagte Santelli dann auch. Und nannte "Stabilität und Selbstvertrauen" als kurzfristige Ziele.

Ein weiteres mögliches Nahziel scheint man hingegen aus Einsicht in die normative Kraft des Faktischen abgeschrieben zu haben. "Darum geht es jetzt nicht", antwortete Santelli, nachdem er auf die verbleibenden Chancen auf den Klassenverbleib angesprochen worden war. Angesichts von nunmehr zehn Punkten Rückstand auf den Relegationsrang haben sie diese Hoffnung bei den Kickers offenbar bereits aufgegeben.

Magath hat von der Trares-Entlassung nach eigenem Bekunden erst im Nachhinein erfahren

So gesehen ist die Entlassung von Trares ein Vorgriff auf eine Zukunft in der dritten Liga. Santelli, der in den Wochen bis zum Saisonende zusammen mit Vorstand Sebastian Schuppan das Training leitet, ist seit 2019 Cheftrainer im Nachwuchsleistungszentrum der Kickers. Dorthin will er im Sommer zurückkehren. Er gilt als Freund offensiven Fußballs und als klassischer Ausbilder. Das wies er auch durch sein Coaching in Sandhausen nach, wo er immer wieder einzelne Spieler an die Seitenlinie rief oder veranschaulichte, wie eine Situation taktisch besser zu lösen gewesen wäre. Offenbar soll er in den kommenden Wochen für seinen Nachfolger schon mal die groben Konturen einer künftigen Mannschaft herausarbeiten.

Darauf, dass es schon jetzt darum geht, die richtigen Weichen für die Zukunft zu stellen, deutete dann auch bereits die Aufstellung am Ostersonntag hin. In Douglas, Mitja Lotric und Rajiv van la Perra saßen drei Profis auf der Bank, die unter Trares zuletzt mitwirkten.

Magath übrigens hat von der Trares-Entlassung und der Installation Santellis erst im Nachhinein erfahren, wie er der Bild-Zeitung sagte. Dass Magath seine Tätigkeit beim österreichischen Flyeralarm-Klub FC Admira Wacker bereits eingestellt hat, dass nun Trares gehen musste und dass die Aufstellung anders aussah, dürften Fingerzeige für seine Perspektiven im Fränkischen sein. Die, so hört man, dürften spätestens im Sommer enden. Eine mittlerweile gelöschte Meldung von "Sky Austria", wonach Magath sich bald auch in Würzburg zurückziehen wird, blieb über Ostern unkommentiert. Sportvorstand Schuppan beließ es in Sandhausen bei dem Satz, eine solche Entscheidung falle nicht in seinen Kompetenzbereich.

© SZ/lein/and
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