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WM-Historie (3): 1938:Großdeutsches Versagen

Nach dem "Anschluss" Österreichs ans Deutsche Reich muss Herberger aus zwei Teams eines formen. Schnörkellosigkeit trifft auf Scheiberl-Fußball - es gibt ein Debakel.

Welch eine absurde Situation: Das erste WM-Debakel in der Geschichte der deutschen Nationalmannschaft hatte seinen Ursprung - auf dem Heldenplatz in Wien! Dort hatten sich am 15. März 1938 250.000 Menschen eingefunden, um einem Mann zuzujubeln, der sie verhext zu haben schien, im offenen Mercedes stehend vorgefahren war, begleitet vom Glockengeläut der Kirchen, die Kardinal Innitzer mit dem Hakenkreuztuch hatte drapieren lassen, und nun von einem Balkon der Hofburg herab verkündete: " ... kann ich vor der Geschichte den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich melden".

Die deutsche Nationalmannschaft vor einem Länderspiel im Jahr 1937.

(Foto: Foto: SZ-Photo)

Da rastete das Volk vollends aus, wie "narrisch" jauchzte die Masse jetzt, als sei der Allmächtige über sie gekommen und habe ihr das Himmelreich auf Erden versprochen. Dass er sie dereinst in den Abgrund führen würde, weil er ein Teufel war, wussten die tobenden Wiener noch nicht - noch war ihr Landsmann Adolf Hitler für die große Mehrheit nicht durchschaubar.

Wohl aber die Sportpolitik der NS-Diktatur für die bis dato rotweißroten Fußballer. Die ahnten, welche Folgen der von den Nazis drei Tage zuvor vollzogene und bei der Grenzüberschreitung der Wehrmacht widerstandslos hingenommene "Anschluss" ihres Landes an das zum "großdeutschen Reich" aufgemotzte Deutschland für die Besten am Ball zeitigen könnte: Die Rede ist von ihrer Gleichschaltung, so der Jargon der NS-Gewaltigen, mit den Kickern des "Altreichs".

Wie Feuer und Wasser

Nur die Vorstellung, wie die Verschmelzung zweier Spielsysteme mit in etwa so divergierenden Aggregatzuständen wie Feuer und Wasser tatsächlich funktionieren sollte, die besaßen die nun zum NS-Gau XVII "Ostmark" gehörigen Spieler nicht. Kaum hatten Deutsche und Österreicher, von SA-Horden in die Wahllokale gedrängt, am 10. April den Anschluss mit 99 Prozent Zustimmung "legitimiert", erging nämlich an den nach zweijährigem Grabenkampf mit seinem Vorgesetzten Otto Nerz zum Cheftrainer aufgestiegenen Sepp Her­berger die folgende Order: Zur Weltmeisterschaft im Juni in Paris hat die Nationalmannschaft des "großdeutschen Reichs" mit Altreichlern und Ostmärkern anzutreten.

Woher die Verfügung stammte, ist bis heute nicht völlig geklärt. Die naheliegendste Version: Sie kam aus der Behörde des Reichssportführers Hans von Tschammer und Osten, eines stets braungebrannten Adelsmannes mit Silberhaar. Seine NS-Gesinnung war stramm und sonst gar nichts. Eine Nähe zum Sport konnte ihm anfangs nicht nachgewiesen werden. Gleichwohl erkannte sein Amt schnell, wie hilfreich für die "Bewegung" eine Ideologisierung des Lieblingssports der Deutschen und Österreicher sein konnte. Andererseits: Die Zubereitung der "Wiener Melange mit preußischem Einschlag" (Herberger) kann auch vorauseilendem Gehorsam des von den Nazis begeisterten Fachamts Fußball im Deutschen Reichsbund für Leibesübung (DRL) entsprungen sein.

6:5 oder 5:6

ereits Ende März hatte sich Österreichs Fußballbund beim Weltverband Fifa abgemeldet. Und eine Woche vor dem 99-Prozent-Referendum war es im Wiener Praterstadion zum so genannten Verbrüderungsspiel zwischen den Auswahlteams von Österreich und Deutschland gekommen (die, wie es hieß, ins Reich Heimgeholten siegten 2:0). Das Fachblatt Kicker legte die Partie dem Führer quasi zu Füßen mit dem Satz: Die Partie sei "das Glaubensbekenntnis der Fußballer im großdeutschen Reich".

Gesichert ist dagegen die Maßgabe an Herberger, die WM-Mannschaft im Verhältnis 6:5 oder 5:6 zu mischen. Fachamtsleiter Felix Linnemann - heute würde man DFB-Präsident sagen - verwies auf "höhere Weisung". Und: "Der Reichsführer wünscht das so." Schließlich schwadronierte Linnemann: "Die Geschichte erwartet das von uns."

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