Bundesliga:Werder sitzt in der Falle

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1. FC Union Berlin - Werder Bremen

Sein Ruf in der Liga ist nach wie vor exzellent, er ist erst 38 Jahre alt: Bremens Trainer Florian Kohfeldt.

(Foto: Annegret Hilse/dpa)

Die Bremer wirken im Abstiegskampf hilflos, nehmen sich aber Zeit, um über die Zukunft von Florian Kohfeldt zu entscheiden. Verein und Trainer mögen sich zu sehr, um einfach sagen zu können: Das war's!

Von Ralf Wiegand, Bremen

Gerade, wenn es einem nicht so gut geht, kommen die Erinnerungen an bessere Zeiten zurück. In Bremen denken im Moment nicht wenige, die sich für den SV Werder interessieren und alt genug sind, damals schon dabei gewesen zu sein, an den Mai 1999. Der 31. Spieltag war vorbei, wie heute. Werder war tief in den Abstiegskampf gerutscht, wie heute. Werder hatte noch die Chance, den DFB-Pokal zu gewinnen, wie heute. Und Werder diskutierte über die Weiterbeschäftigung des Trainers, wie heute.

Damals entschied sich die Geschäftsführung dafür, Felix Magath zu entlassen und einen gewissen Thomas Schaaf mit der Aufgabe zu betrauen, die Saison zu retten. Was begann, an einem Dienstagabend mit einem 1:0-Sieg gegen Schalke 04, ist Geschichte. Legende. Ein einmaliges Stück Bundesliga. Eine Ära. Könnte also nicht einfach Thomas Schaaf aus seinem Büro des Technischen Direktors zurückkommen auf die Trainerbank, Werder reloaded, zurück in die Zukunft?

Nun ist Florian Kohfeldt, über dessen Zukunft im Verein die Gremien seit Samstag Nachmittag in verschiedenen Konstellationen zu Rate sitzen, kein Felix Magath. Magath gilt bis heute als das größte Missverständnis im Verein überhaupt, es waren zwei Welten, die da aufeinander getroffen sind. Magath selbst sagt heute noch, er bereue keine seiner Trainerstationen - außer zu Werder gegangen zu sein. Kohfeldt aber ist ein Trainer, der im Sommer sein 20-jähriges Vereinsjubiläum feiern wird, einer, der den PR-Claim des Vereins, 100% Werder, selbst erfunden haben könnte. Die Trennung von Magath damals war eine Befreiung, die von Kohfeldt wäre ein schmerzhafte Trennung.

Seit diesem Wochenende und dem deprimierenden, ebenso leb- wie rat- und hilflosen Auftritt der Bremer beim 1:3 gegen Union Berlin, ist es sehr viel wahrscheinlicher geworden, dass Kohfeldt den Verein verlassen muss. Sportchef Frank Baumann, der Samstag noch einen Kommentar zur Situation verweigert hatte, sagte am Sonntag: "Bis spätestens Dienstag wollen wir sagen können, wie es weiter geht." Eine "Entscheidung aus der Emotion heraus" solle nicht getroffen werden, denn es sei "eine extrem wichtige Entscheidung".

Sieben Niederlagen am Stück sind ein Negativrekord - das hat nicht einmal Schalke geschafft

Für Werder geht es in der zweiten Saison nacheinander um alles. Im letzten Sommer rettete sich Werder - mit Kohfeldt - in die Relegation, blieb letztlich in der Liga. In dieser Spielzeit sah es nach dem 24. Spieltag so aus, als sei Werders vorsichtiges Spiel zwar unfassbar langweilig, führe aber wenigstens mit 30 Punkten zuverlässig auf die sichere Seite. Nach 31 Spielen stehen da allerdings immer noch 30 Punkte. Sieben Niederlagen am Stück sind seither nicht nur Vereins-Negativrekord, sondern nicht einmal von Schalke 04 erreicht worden. "Der Trend", sagt Baumann, "spricht gegen uns."

Es stellen sich in den kommenden Stunden viele Fragen, die Verein und Trainer miteinander beantworten müssen. Kohfeldt sagt, er wolle kämpfen: "Ich werde nicht weglaufen." Wenn jemand aber das Gefühl habe, "dass es mit einer anderen Person besser läuft, soll man es mir sagen". Zweimal hat Kohfeldt schon ähnliche Situationen gemeistert, in seiner ersten Saison und in der vergangenen. "Dass er es kann, hat er bewiesen", sagt Baumann. Andererseits richtet sich die Kritik, die die Vereinsführung nun übt, zwar gegen die Spieler, denen zuletzt der absolute Wille, der Mut, die Einsatzbereitschaft gefehlt habe. Wenn Baumann aber gleichzeitig sagt, "viel mehr an Leidenschaft und Emotion einfordern als Florian Kohfeldt kann man nicht" - hören die Spieler ihn dann noch, den Trainer? Wenn er erklärt, wie vor wenigen Wochen, er gestehe der Mannschaft zu, dass die sich in der defensiven Grundordnung wohler fühlt als in seinem offensiveren Wunschsystem - führt er sie dann noch?

Fussball, Herren, Saison 2020/21, 1. Bundesliga (31. Spieltag), 1. FC Union Berlin - SV Werder Bremen, Joel Pohjanpalo

Vor viereinhalb Jahren gelang Joel Pohjanpalo ein Hattrick für Bayer Leverkusen, er brauchte damals 15 Minuten. Gegen Werder gelang ihm wieder ein lupenreiner Hattrick - der erste in der Bundesliga-Geschichte von Union Berlin. Der Finne benötigte diesmal 17 Minuten.

(Foto: Matthias Koch/imago)

Das abwartende Spiel der Bremer ist ja nicht nur unansehnlich, es führt auch nicht mehr wie noch über weite Strecken der Saison zu gelegentlichen Erfolgen. Ein Rückstand ist inzwischen gleichbedeutend mit einer Niederlage. Nach dem 0:1 und dem ersten von drei Treffern des Union-Angreifers Joel Pohjanpalo innerhalb von 17 Minuten sei schon "game over" gewesen, beschrieb Werder-Kapitän Niklas Moisander die frühe Kapitulation von Berlin.

Es wird sicher auch darüber geredet werden müssen, ob Kohfeldt über die Saison hinaus noch eine Perspektive hätte in Bremen - oder ob er selbst für sich noch eine sieht. Kohfeldt war 2018 Trainer des Jahres, er muss aufpassen, seinen Marktwert nicht vollständig und viel zu früh in der Karriere der Treue zu Werder zu opfern. Bliebe er in Bremen, wäre der Auftrag immer der gleiche: eine Mannschaft zu entwickeln. Allerdings bietet ihm Werder Bremen, pandemiebedingt finanziell in existenziell gefährlicher Lage, Sommer für Sommer schlechtere Bedingungen. Will Kohfeldt das? Sein Ruf in der Liga ist nach wie vor exzellent, er ist erst 38 Jahre alt - wenn Kohfeldt auch seiner persönlichen Entwicklung Raum geben will, dann vielleicht besser nicht in Bremen. Sein Verständnis von Fußball ist, irgendwann auch mal etwas gewinnen zu wollen. "Auch das", sagt Frank Baumann, "wird in den Gesprächen jetzt eine Rolle spielen."

Die Bedingungen in Bremen sind durch die Pandemie dramatisch schlechter geworden

Eine Trennung, die im Sommer womöglich ohnehin anstünde, jetzt einfach vorzuziehen, könnte die Situation erleichtern. Anders als in der vergangenen Saison, als Werder sich noch vorkommen durfte wie ein Biathlet in der Strafrunde, weil am Schießstand ungünstige Windverhältnisse herrschten, sind die Probleme diesmal tiefergehend. Vergangene Saison herrschte im Verein noch der Glaube, dass viel Pech den Klub nur vorübergehend aus der Spur gebracht hätten - und man mit Kohfeldt auch langfristig wieder zurückfinden könne. Das ist jetzt anders, die Bedingungen, um in Bremen "etwas aufbauen zu wollen", wie Baumann sagt, sind durch die Pandemie dramatisch schlechter geworden. Eine Entwicklung der Mannschaft, wie sie sich Kohfeldt vorgenommen hat, ist nicht mehr zu erkennen. Sich in einer Idee gegenseitig gefangen zu halten, die gar nicht mehr umgesetzt werden kann, macht die gegenseitige Treue allerdings zu einer Falle. Notwendige Erneuerungen würden erschwert.

Und als wäre das nicht schon alles kompliziert genug, ist da auch noch das Pokalspiel am Freitagabend gegen Leipzig, Halbfinale, Berlin vor Augen. Dass Leipzig auch für eine Mannschaft mit den Limitierungen von Werder Bremen zu schlagen ist, hat gerade der 1. FC Köln bewiesen; dass Kohfeldt in aussichtslosen Lagen sein Team zu Überraschungen treiben kann, hat der Sieg im Viertelfinale gegen Dortmund im vergangenen Jahr gezeigt. Aber was, wenn man jetzt zusammenbleibt - und Freitag gegen Leipzig untergeht?

Sportchef Frank Baumann bereitet sich "auf alle Szenarien vor", das machte er am Sonntag klar. Bleibt Kohfeldt nicht, würde spätestens am Dienstag nicht nur die Trennung verkündet, sondern auch die Nachfolgelösung. Aber auch wenn die Thomas Schaaf heißen sollte: Allzu viele Hoffnungen auf eine neue Werder-Ära sollte sich derzeit niemand machen.

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