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Dayot Upamecano:Am Rande der Perfektion

RB Leipzig - Dayot Upamecano

Schnell, robust, entschlossen: Dayot Upamecano stellte Atlético mit seiner Körperlichkeit vor große Probleme.

(Foto: dpa)

Dayot Upamecano organisiert die Leipziger Abwehr mit Schärfe, Persönlichkeit und Autorität. Schafft er das auch im Halbfinale, dürfte es für Paris St. Germain ungemütlich werden.

Von Javier Cáceres

Marcel Sabitzer musste schmunzeln, als ihn in einer virtuellen Pressekonferenz die Frage eines französischen Journalisten ereilte. Ob er nicht ein paar Sätze über Dayot Upamecano verlieren könne, man kenne diesen Spieler in dessen französischer Heimat gar nicht so gut, der da mit Sabitzer und RB Leipzig zusammen ins Halbfinale der Champions League eingezogen sei. "Schon witzig, dass es die Leute in Frankreich überrascht, wie gut er ist. Uns ist das bis jetzt nicht verborgen geblieben ...", sagte Sabitzer. Anschließend fand er das höchste aller Komplimente, das man einem jungen Spieler zuteil werden lassen kann: "Dass er mal einer der besten Innenverteidiger der Welt wird, da bin ich mir ziemlich sicher." Nächste Gelegenheit, dies beim Finalturnier der Königsklasse in Lissabon zu beweisen: am Dienstag, 21 Uhr, Halbfinale gegen Paris St.-Germain.

Mittlerweile zählt Sabitzers Laufbahnprognose zum Weltwissen. Upamecanos Leistung im Viertelfinalspiel gegen Atlético Madrid im Allgemeinen (und gegen den Stürmer Diego Costa im Besonderen) war schlichtweg famos. "Eine immense Partie" habe der Verteidiger beim 2:1 am Donnerstag geboten, er sei "monströs" gewesen, schrieb Frankreichs Sportpostille L'Équipe. Fürwahr: Upamecano war eine Art Hybrid aus Franz Beckenbauer und Georg Schwarzenbeck, Kaiser und Katsche in Personalunion. Ausgerechnet er, dem der Ruf nachhängt, sich in jedem Spiel einen Aussetzer zu leisten, lieferte ein Spiel am Rande der Perfektion. Obwohl er erst 21 ist - ein Umstand, den jeder vergisst, der ihn spielen sieht. Gegen die favorisierten Spanier war Upamecano die Schlüsselfigur.

"Man merkt im Grunde von der ersten Minute an, ob es etwas werden kann oder nicht", erklärte Sabitzer, "und wir waren von der ersten Minute an richtig gut im Spiel, haben von Beginn an gespürt, dass wir es packen können. Und wollen." Upamecano war derjenige, der das Terrain markierte. "Wahrscheinlich hat es ihn motiviert, dass ich ihn ein Biest genannt habe", gab Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann später Einblick in seine Pädagogik: "Er war tatsächlich ein Biest, von der ersten bis zur letzten Minute konzentriert."

In einer der ersten Szenen der Partie stieg Upamecano zu einem Kopfballduell mit Diego Costa, 31, hoch, der zu den stabilsten Stürmern der Gegenwart gehört - und Costa prallte am Körper seines Gegners regelrecht ab. Als Costa protestierte und lamentierte, forderte Upamecano ihn mit Gesten auf weiterzuspielen. Als handele es sich bei diesem bulligen Stürmer nicht um einen in unzähligen Schlachten gestählten spanischen Nationalspieler, sondern um einen beliebigen Adabei. Bis auf einen Doppelpass mit João Félix, der zum zwischenzeitlichen 1:1 führte (weil der freigespielte Portugiese im Strafraum von Lukas Klostermann gefoult wurde und den fälligen Strafstoß selbst verwandelte), bekam Costa nichts zuwege. In der 72. Minute wurde er ausgewechselt. Folge einer zweiten Halbzeit, in der Upamecano die Leipziger Abwehr mit der Schärfe und Persönlichkeit eines Feldherren organisierte. Auch deshalb konnten die Sachsen ihre verdiente Ernte einfahren: Zum 1:0 hatte der spielstarke Spanier Dani Olmo per Kopf getroffen (50.), zum 2:1 Taylor Adams mit einem abgefälschten Schuss (88.). Auch der Siegtreffer stand trotz seiner Kuriosität am Ende einer feinen Kombination.

Die Darbietung war derart beeindruckend, dass nicht nur, aber besonders Upamecano die Fachwelt mit ein paar Fragen zurückließ. Warum wartet er immer noch auf seinen ersten Einsatz in Frankreichs Nationalelf? Oder: Warum spielt er auch in der nächsten Saison noch bei RB Leipzig?

"Wir sind wie eine kleine Familie", sagt Upamecano über RB Leipzig

Wohl auch, weil der Klub ein gutes Angebot unterbreitete. In der Pandemiepause verlängerte Upamecano seinen 2021 auslaufenden Vertrag bis 2023. Die Ablöseklausel wurde dem Vernehmen nach auf eine Summe oberhalb der 40 Millionen Euro abgesenkt, zuvor lag sie bei 60 Millionen. Ein unumgängliches Zugeständnis, denn Leipzig wollte verhindern, dass Upamecano im Sommer 2021 ablösefrei geht. Nun haben alle Parteien Gewissheit. Man habe gegen Atlético gesehen, "dass er sich voll auf Fußball konzentrieren kann", sagte Manager Markus Krösche.

"Wir sind wie eine kleine Familie", sagte Upamecano vor dem Turnier in Lissabon. Das hat Gewicht, Weggefährten umschreiben den 1,86 Meter großen Sohn eines Fliesenlegers und einer Friseurin als geerdet. "Er ist ein sehr guter Junge", sagt Krösche. Aber Manchester Citys Trainer Pep Guardiola hat schon seit längerem ein Auge auf ihn geworfen - und City hat Bedarf in der Abwehr. Gleichwohl hat City dem derzeit an RB Leipzig verliehenen Linksverteidiger Angeliño signalisiert, dass er in Deutschland bleiben dürfe, wohl auch in der Hoffnung auf freundliche Gespräche über Upamecano. In einer Frage aber legte sich Krösche fest: "Er wird im kommenden Jahr definitiv bei uns bleiben." So oder so wird Leipzig kaum die letzte Station Upamecanos bleiben. "Ich weiß genau, wo ich hinmöchte", sagte er.

© SZ vom 17.08.2020/vit
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