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Julian Nagelsmann bei RB Leipzig:Erst Mourinho, jetzt Simeone

Auf dem Weg ins Halbfinale der Champions League schlagen Leipzig und Trainer Nagelsmann die Größen des europäischen Fußballs - die Gegner zollen Respekt.

Von Javier Cáceres, Lissabon

Die Partie war vorbei, und alle Bewohner der Bank von RB Leipzig schossen wie der Strahl eines Rasensprengers auf das Grün des Estádio José Alvalade. Mit 2:1 hatten sie den turmhohen Favoriten Atlético Madrid besiegt - und damit das Halbfinale der Champions League gegen Paris St.-Germain erreicht. Einige der aufregendsten Spieler der Gegenwart werden im Stadion von Benfica warten, allen voran die Stürmer Neymar Jr. und Kylian Mbappé, die zusammen mehr als 400 Millionen Euro Ablöse gekostet haben.

Und natürlich der frühere Bundesligaspieler Eric Maxim Choupo-Moting, der am Mittwoch im ersten Viertelfinale des Königsklassenturniers gegen Atalanta Bergamo das späte Siegtor zum 2:1 erzielt hatte, seinen Trainer Thomas Tuchel jubeln ließ. Doch die gerade zu glorreicher Vergangenheit geronnene Gegenwart war Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann am Donnerstagabend genug. Ein "Glücksgefühl" verspüre er, sagte er, Und: "Ich bin sehr stolz auf diese Truppe."

Das konnte er auch sein. In den spanischen Medien wurden am Freitag höchste Vergleiche bemüht. In der Zeitung El País etwa war zu lesen, dass Nagelsmanns Team an das Ajax Amsterdam und die niederländische Nationalmannschaft der frühen 1970er Jahre erinnert habe. Die Lektion, die den rotweißen Madrilenen erteilt wurde, führte sogar dazu, dass Atléticos Trainer Diego Simeone beispiellose Kritik erfuhr.

"Für Knickerigkeit zahlt man", titelte die Zeitung Marca - die gleiche Zeitung Marca, die Simeone noch verteidigt hatte, als sich Liverpools Trainer Jürgen Klopp nach dem Achtelfinalaus der Reds gegen Atlético im März verbittert darüber gezeigt hatte, dass Atlético "bei so viel Qualität nicht richtig Fußball spielt." Und es war die gleiche Zeitung Marca, die solche Töne beim ähnlich knausrig gestrickten José Mourinho vermied, als dieser vor ein paar Jahren Trainer bei Real Madrid war.

Mourinho war das Achtelfinalopfer von Nagelsmann gewesen, der Portugiese leitet heute die Geschicke von Tottenham Hotspur und musste sich ebenfalls dem jungen Trainer ergeben. Gleichwohl: Die Lobeshymnen leitete er weiter an sein Team. "Ich muss schon festhalten, dass die Mannschaft und wir als Kollektiv Tottenham ausgeschaltet haben und heute Atlético. Da geht es nicht um Trainerduelle gegen Mourinho, Simeone oder jetzt gegen Tuchel. Es ist ein Mannschaftssport, und die Mannschaft hat es herausragend gemacht."

In der Tat: Abgesehen von der tumultartigen Schlussphase, in der auch Atléticos Torwart Jan Oblak in den Leipziger Strafraum eilte und Atlético mit purer Verzweiflung das Schicksal zu beugen versuchte, hatte es nur eine - zeitlich überschaubare Phase - gegeben, da Leipzig die Kontrolle über das Spiel zu verlieren schien. Die Ordnung ging nur kurz verloren, als Simeone seinen talentiertesten, unerklärlicherweise zum Reservisten degradierten Spieler aufs Feld schickte: João Félix.

Der Portugiese war es, der den zwischenzeitlichen Ausgleich erzielte, durch einen Elfmeter, den er selbst herausgeholt hatte (71. Minute). Aber im Grunde drückten die beiden Treffer durch Dani Olmo (50.) und Tyler Adams (88.) die Überlegenheit, die Leipzig an den Tag legte, nur ansatzweise aus. Beide Tore der Leipziger waren fantastisch herausgespielt - Angelinos Pass in den Rücken der Abwehr vor dem Siegtor von Adams wog allemal auf, dass der Schuss des US-Amerikaners noch von Stefan Savic abgefälscht wurde. Sogar in der Sparte Fouls war Leipzig überlegen: Mit 20 Fouls unterbrachen sie viele Angriffsankündigungen Atléticos im Keim, "sie waren uns auch in Sachen Intensität überlegen", berichtete Atléticos Kapitän Koke.

"Wir haben absolut verdient gewonnen. Wir waren die bessere Mannschaft, haben herausragend gute Aktionen gespielt, mehr als viele andere Mannschaften gegen Atlético", sagte Nagelsmann. Simeone gratulierte nicht nur "sehr herzlich", berichtete Nagelsmann. Er gestand auch öffentlich die Überlegenheit der Leipziger unumwunden ein. "Mir hat die Frische und Lebendigkeit Leipzigs gefallen. Wir haben gefallen, und es hat nicht gereicht", sagte der Argentinier.

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